Fussball-Nationalteam
Das rauschende Ende eines verrückten Jahres – nutzt Petkovic den Aufschwung?

Auch Nationaltrainer Vladimir Petkovic ist mit dem 5:2-Sieg gegen Belgien ein Befreiungsschlag geglückt.

Etienne Wuillemin
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Petkovic im Match gegen Belgien
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Weitere Szenen von Petkovic vom Belgien-Spiel: Hier gibt er Granit Xhaka Anweisungen.
Petkovic umarmt Dreifachtourschütze Haris Seferovic.
Da war er noch nicht siegessicher: Vladimir Petkovic.

Petkovic im Match gegen Belgien

ENNIO LEANZA

Eigentlich war es ein Moment des grossen Triumphs. Ein Moment, der Vladimir Petkovic so viel geben könnte. Freude, Erleichterung, Genugtuung auch. Ein rauschendes 5:2 gegen Belgien, dieses hochgelobte Team voller Weltklasse – wann gibt es das schon?

Aber so ist das nicht. Wer am Sonntag kurz vor Mitternacht in die blauen Augen dieses Trainers blickt, sieht denselben Menschen wie stets. Vladimir Petkovic ist immer Vladimir Petkovic. Das bedeutet: kontrolliert. Souverän. Nicht gerade gefühlslos. Aber doch so, als würde einem sein Körper mit jeder Faser sagen wollen: Nichts passiert! Alles normal! Nur keine Aufregung jetzt.

Schweiz Belgien Nations League, Kopie
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Jubel bei der Schweizer Nati
Elvedi macht seinen Fehler wieder gut und trifft zum 4:2.
Thomas Meunier verzweifelt.
Kevin Mbabu gegen Eden Hazard.
Seferovic im Duell mit Belgiens Keeper Courtois.
Nico Elvedi klärt.
Mbabu gegen Denayer.
Mbabu kriegt mit etwas Glück einen Penalty zugesprochen.
Luzern in Ekstase: Die Schweiz dreht die Partie.
Courtois kommt nicht an diesen Ball.
Die Schweiz dreht tatsächlich einen 0:2-Rückstand.
Hier drückt Seferovic den Ball zum Ausgleich hinter die Linie.
Was für ein Spiel. Seferovic trifft doppelt und die Schweizer machen aus einem 0:2 ein 3:2.
Belgiens Axel Witsel geht gegen Freuler zu Boden.
Rodriguez verwandelt einen Elfmeter eiskalt zum 1:2.
Bitter. Schon nach 70 Sekunden trifft Thorgan Hazard zum 1:0 für Belgien.
Kevin Mbabu mit vollem Einsatz gegen Belgiens Chadli.
Fantechnisch sieht es in Luzern schon einiges besser aus als beim Spiel gegen Katar in Lugano.

Schweiz Belgien Nations League, Kopie

Keystone

Natürlich hat das einen Grund. Petkovic hat Wochen und Monate hinter sich, die wieder einmal geprägt waren von grossen Gefühlsschwankungen. Das Nationalteam pendelt mit grösster Regelmässigkeit zwischen totaler Euphorie und kompletter Ernüchterung. Garniert mit einer Prise Unverständnis. So war das im Jahr 2018.

Immer mittendrin: Vladimir Petkovic. Aber eben häufig doch nicht ganz dabei. Als die Schweiz über Doppeladler diskutierte – kein Votum. Als seine Fussballer gegen Schweden den Achtelfinal verloren – keine Erklärungen. Als kurz darauf nur noch die Doppelbürger Thema waren – erst recht kein Ton. Petkovic liess es zu, dass die Schweiz das Bild eines Nationaltrainers bekam, der im Begriff war, seinem Land mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Das Bild hat sich nur verstärkt, als im Sommer Valon Behrami aus dem Nichts zurücktrat. Umbruch? Neue Reize? Die beiden redeten aneinander vorbei. Es bleibt eine rätselhafte Geschichte.

Granit Xhaka (l.) und Xherdan Shaqiri (r.) zelebrierten ihren Torjubel mit der umstrittenen Doppeladler-Pose.
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Die Schweiz jubelt nach dem 2:1-Siegtreffer von Xherdan Shaqiri.
Erleichterung bei der Schweizer Nati nach dem Schlusspfiff
Steven Zuber, Valon Behrami, Blerim Dzemaili, Fabian Schär freuen sich über den 2:1-Sieg
Captain Stephan Lichtsteiner jubelt - es spricht Bände
Xherdan Shaqiri enteilt Dusko Tosic und trifft in den Schlussminuten zum 2:1-Siegtreffer!
Xherdan Shaqiri tunnelt Torhüter Vladimir Stojkovic
Auch Xherdan Shaqiri lässt sich zum Doppeladler-Jubel hinreissen
Kraftwürfel Shaqiri zieht für den Jubel sein Trikot aus
Und zeigt den Adler
Das Spiel auf Messers Schneide nach dem 1:1-Ausgleich: Vladimir Stojkovic blockt Mario Gavranovics Abschluss
Weitschuss-Traumtor! Granit Xhaka trifft zum 1:1-Ausgleich
Granit Xhaka macht nach seinem Weitschuss-Traumtor den Adler – und provoziert damit die Serben massiv
Eine Geste, die zu reden geben wird: Granit Xhaka macht nach seinem Weitschuss-Traumtor den Adler
Nemanja Matic im Zweikampf mit Valon Behrami
Xherdan Shaqiri erkämpft sich einen Ball
Manuel Akanji
Filip Kostic enteilt Fabian Schär
Gesprächsstoff zur Pause: Stephan Lichtsteiner und Xherdan Shaqiri
Gesprächsbedarf zur Pause: Xherdan Shaqiri diskutiert mit Aleksandar Mitrovic
Gesprächsbedarf zur Pause: Xherdan Shaqiri diskutiert mit Aleksandar Mitrovic
RUSSIA SOCCER FIFA WORLD CUP 2018
Xherdan Shaqiri gegen Halb-Serbien
Blerim Dzemaili vergibt eine Grosschance
Manuel Akanji gegen Nemanja Matic
Blerim Dzemaili verzeichnet für die Schweiz eine erste Chance
Ein Bild, das man nicht sehen wollte: Serbien geht gegen die Schweiz früh in Führung
Jubel bei den Serben
Erste Szene des Spiels, erstes Tor: Aleksandar Mitrovic köpfelt Serbien in Führung
Mitrovic bringt Serbien dank eines Kopfballtreffers in Führung
Mitrovic bringt Serbien dank eines Kopfballtreffers in Führung
0:1 - Yann Sommer bleibt machtlos
Mitrovic bringt Serbien dank eines Kopfballtreffers in Führung
Russia Soccer WCup Serbia Switzerland
Aleksandar Kolarov im Zweikampf mit Xherdan Shaqiri
Stephan Lichtsteiner gegen Serbiens Filip Kostic
Serbiens Aleksandar Prijovic behauptet sich gegen Granit Xhaka
Die Startelf der Schweizer
Die Startelf der Serben
Xherdan Shaqiri spielt sich ein
Haris Seferovic grüsst Serbiens Mittelfeldspieler Adem Ljajic
Er trägt sie: Xherdan Shaqiris Kickschuhe mit der Schweizer und der kosovarischen Flagge.
Die Schweizer Nati begutachtet den Rasen von Kaliningrad
Auch die Serben tun es: Sie inspizieren den Platz

Granit Xhaka (l.) und Xherdan Shaqiri (r.) zelebrierten ihren Torjubel mit der umstrittenen Doppeladler-Pose.

Keystone

Das zerschlagene Glas

Was bedeutet dieser grosse Schweizer Sieg nun für ihn, lautet die Frage an Petkovic. Er überlegt, seufzt. Sagt dann: «Es tut mir Leid, dass ich so antworten muss. Aber: Wir haben keinen negativen Trend gesehen. Wie das von ausserhalb wahrgenommen wird, das kann eben passieren. Pfeifen, klatschen, hin und her. So ist es eben manchmal.» Es ist eine Antwort, die tief blicken lässt. Petkovic verteidigt sein Team. Er spürt, dass Misstrauen da ist. Besonders nach einem Jahr wie diesem, mit Doppeladler-Jubel, Doppelbürger-Debatte, Rücktritten, sportlichen Höhenflügen und Tiefpunkten. Manchmal denkt man: Wie lange tut er sich das noch an?

Doch wie sehr werden Petkovic und sein Nationalteam tatsächlich ungerecht behandelt? Tatsache ist: Am Tag vor dem Spiel wird Granit Xhaka an der offiziellen Medienkonferenz von einer Gratiszeitung gefragt, ob Petkovic das Team noch hinter sich wisse. Am Tag des Spiels schreibt der «Sonntagsblick»: «Es braucht einen neuen Nationaltrainer. Einer, der Teil von Aufbruchstimmung ist.» Es scheint einiges Glas zerschlagen.

Es sind Dinge, die nicht spurlos an Petkovic vorbeigehen. Was er dachte, als die Schweiz kurz nach Spielbeginn gegen Belgien bereits im Rückstand geriet, will die Journalistin wissen, die vor dem Spiel Xhaka nach dem Rückhalt des Trainers befragte. Der Nationaltrainer sagt: «Ich dachte: Also diese Mannschaft steht wirklich nicht hinter dem Trainer! Was soll ich nur machen?» Petkovic bleibt Petkovic. Ein kleines Lächeln ist Zeichen dafür, wie zufrieden er mit seiner Selbstironie ist.

Eines wurde ziemlich offensichtlich an diesem turbulenten Sonntagabend in Luzern. Petkovic ist Herr dieses Teams. Wäre er das nicht, hätte das Spiel eine andere Wendung genommen. Aus einem frühen 0:2 ist in manchen Fällen auch schon ein 0:5 geworden. Anstatt der Demütigung folgte die wundersame Wende. Mit Petkovic in der Hauptrolle, der die Taktik umstellte. Und mit Spielern, die von Minute zu Minute mehr an sich glaubten. «Respektlos» nannte Xherdan Shaqiri hinterher die anhaltende Kritik am Trainer.

Aneinander vorbeigeredet: Valon Behrami tritt zurück, weil er Petkovics Ideen missversteht.

Aneinander vorbeigeredet: Valon Behrami tritt zurück, weil er Petkovics Ideen missversteht.

REUTERS

Was es zum Erfolg braucht

Die Fragen nach dem letzten Nati-Spiel 2018 lauten: Wie viel ist dieser Sieg für die Zukunft wert? Und darf man deswegen die Vergangenheit einfach so verdrängen?

Wer den WM-Halbfinalisten und Weltranglistenersten nach einem 0:2 noch 5:2 schlägt, verfügt über viel Moral und Willen. Doch eines ist auch gewiss: Die Schweiz ist darauf angewiesen, dass alle Schlüsselspieler gleichzeitig gut in Form sind. Die Schweiz braucht also einen Wirbler Shaqiri, einen Strategen Xhaka, einen «falschen Spielmacher» Rodriguez und einen Torjäger Seferovic, einen Hexer Sommer. Dazu eine stabile Innenverteidigung. Erst dann können andere wie Mbabu, Edimilson oder Freuler über sich hinauswachsen.

Grenzenlose Ernüchterung: An der WM verliertdie Schweiz den Achtelfinal gegen Schweden 0:1.Laurent Gillieron/Key

Grenzenlose Ernüchterung: An der WM verliertdie Schweiz den Achtelfinal gegen Schweden 0:1.Laurent Gillieron/Key

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Das tönt nach viel. Und das ist es auch. Denn dieses Jahr 2018 hat auch gezeigt, wie schnell das Kartenhaus zusammenbrechen kann. Sobald zu viele Spieler der ersten Garde fehlen, fehlen Schwung und Selbstverständnis. Dann heisst es plötzlich 0:1 gegen Katar.

Und Petkovic? Man wünscht sich einen Nationaltrainer, der mit genau so viel Verve über gesellschaftliche Themen diskutiert, wie er am Sonntag an der Seitenlinie steht und seinen Spielern taktische Varianten erklärt. Man wünscht Petkovic einen Berater, von dem er sich tatsächlich auch beraten lässt. Der Mensch Vladimir Petkovic hat eine wunderbare, sanfte und humorvolle Seite. Es schadet ihm nicht, wenn er sie etwas häufiger zeigt. Vielleicht fällt ihm das in Zukunft ja etwas leichter. Die Hoffnung bleibt.