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Das Podest kommt in Sichtweite – Mélanie Meillard zeigt ihre Fähigkeiten

Mélanie Meillard beweist ihr aussergewöhnliches Talent mit Rang 4 im Slalom auf der Lenzerheide – so gut war sie noch nie. Auch die Nervosität kennt die 19-jährige überhaupt nicht.

Rainer Sommerhalder
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Das Lachen von Mélanie Meillard ist nachhaltig und ansteckend.

Das Lachen von Mélanie Meillard ist nachhaltig und ansteckend.

KEYSTONE

Es sind aussergewöhnliche Bilder. Da strahlt nach dem Slalom die Schweizer Athletin auf Platz 4 um die Wette und kämpft ihre Teamkollegin auf dem Podest mit den Tränen. Wieso diese verkehrte Welt bei Mélanie Meillard und Wendy Holdener?

«Für mich waren der Druck und die Nervosität in den entscheidenden fünf Minuten etwas zu viel», sagt Holdener später. Sie tritt beim Heimrennen mit der Absicht an, Klassenprimus Mikaela Shiffrin herauszufordern. Als klare Zweite mit überschaubarem Rückstand gelingt ihr dies im ersten Lauf einigermassen. Die Bühne zum Totalangriff ist bereit, das Drehbuch des zweiten Laufs aber besonders heimtückisch.

Zwar fällt Shiffrin tatsächlich kurz vor dem Ziel aus, doch die Profiteurin heisst nicht Holdener, sondern Petra Vlhova. Die Slowakin prescht vom sechsten auf den ersten Platz vor. Für die Schweizerin bleibt hinter der Schwedin Hansdotter der dritte Rang.

«Schwierig einzuordnen, denn die Enttäuschung im Moment ist gross», sagt die Sportlerin des Jahres. «Meine Beine fühlten sich im zweiten Lauf schwer an.» Wendy Holdener sucht nach Antworten und kämpft mit den Emotionen. Denn sie weiss, dass sich solche Gelegenheiten nicht jeden Tag bieten.

Meillards steile Leistungskurve

Noch viele Möglichkeiten auf den ersten Podestplatz im Slalom hat Mélanie Meillard. Das grösste Talent im Schweizer Frauenteam gehört mit 19 Jahren bereits zu den sechs besten Slalomfahrerinnen der Welt. Ihr rasanter Aufstieg verblüfft ebenso wie die Konstanz der Resultate in dieser Saison: 5., 9., 9., 6. und nun 4.

«Ich bin sehr zufrieden. Ein solches Resultat hier in der Schweiz zu zeigen, ist einfach schön», sagt die seit acht Jahren im Wallis lebende Neuenburgerin. Die Eltern zogen wegen der Karriere ihrer beiden äusserst talentierten Kinder Mélanie und Loïc quasi ins Skigebiet. Die Familienbande ist eng.

Mélanie hat es nach dem zweiten Lauf eilig, sie will im Fernsehen den zweiten Lauf ihres Bruders im Riesenslalom von Garmisch-Partenkirchen sehen. Im Gegensatz zur 23 Monate jüngeren Schwester kann Loïc seine vielversprechende Ausgangslage aus dem ersten Lauf aber nicht ausnützen.

Mélanie Meillard

Mélanie Meillard

Keystone

Zurück zu Mélanie. Ihr Lachen ist allgegenwärtig. Selbst einen völlig verpatzten Lauf wie am Samstag im ersten Durchgang des Riesenslaloms – im zweiten Lauf fährt sie dann überlegen Bestzeit – quittiert sie mit einem herzhaften Grinsen.

Die Lockerheit ist nicht gespielt. Sie sei fast nie nervös, sagt Meillard, «denn ich weiss, wie ich fahren kann». So viel Abgebrühtheit von einer 19-Jährigen erstaunt. «Ich bin immer so cool» eröffnet sie den ungläubig innehaltenden Journalisten.

Auch bei Swiss Ski ist man angetan von Meillards Fähigkeiten. «Sie ist eine feinfühlige Skirennfahrerin. Ihre Grundtechnik ist bereits auf einem sehr hohen Niveau», sagt Ausbildungschef Peter Läuppi. Er warnt aber vor zu viel Euphorie.

«Der nächste Schritt, regelmässig aufs Podest zu fahren, braucht nochmals viel harte Arbeit. Vor allem muss sie ihre physischen Voraussetzungen weiter verbessern.» Läuppi ist aber überzeugt, dass Mélanie Meillard «mit ihrer inneren Stärke der Schweiz noch viel Freude bescheren wird».

Simone Wilds Exploit

Dass Mélanie Meillard nicht das einzige Schweizer Talent ist, das sich im Schatten von Holdener positiv entwickelt, zeigt das gestrige Teamresultat. Alle sieben Slalomfahrerinnen qualifizieren sich für den zweiten Lauf.

Was möglich ist, beweist am Samstag auch Simone Wild als Vierte im Riesenslalom. Das Potenzial der 24-jährigen Zürcherin war bekannt. Jetzt belohnt sie sich mit dem Exploit und der Selektion für die Olympischen Spiele erstmals so richtig.