Samstag, 4. März

Endlich Playoffs! Ich bin schon um 8.30 Uhr in der Garderobe und damit einer der Ersten. Als Frühstück gibts einen Smoothie aus Gemüse und Früchten. Danach beginnt die Warm-up-Prozedur: Kraftraum, Einlaufen, kurze Bewegungseinheit auf dem Eis, dann Teammeeting. Gegen 12 Uhr dislozieren wir unsere Ausrüstungen ins Hallenstadion und nehmen dort das gemeinsame Mittagessen ein.

Danach gehts zurück nach Hause, wo ich ein Mittagsschläfchen halte. Später lese ich ein Buch – aktuell der neue Roman von Martin Suter – oder höre Musik. Eher harten Sound wie «System of a down». Danach kleide ich mich nach dem Motto: «Look good, feel good, play good» (Schau gut aus, fühle dich gut, spiele gut). Zwei Stunden vor Spielbeginn ist Treffpunkt im Stadion.

Ich dusche kalt, lasse mich aus Gewohnheit am oberen Rücken und am Genick massieren. Dann geht es raus auf das Eis zum Warm-up. Das ist der Moment, wo sich die Nervosität meldet, das Adrenalin fliesst, man sieht die Zuschauer und riecht den Popcorn-Duft. Das ist das Geile an meinem Job. Man ist Teil einer Show.

Sonntag, 5. März

Wenn man das erste Playoff-Spiel gewinnt (4:3-Sieg für den ZSC), dann ist schon mal eine gewisse Erleichterung da. Der freie Tag ist immer sehr wichtig für mich. Diese Zeit ist gerade während der intensiven Playoff-Phase sehr kostbar. Ich nutze sie, um völlig abzuschalten.

Ich treffe gerne Freude, so wie heute. Mit einer Kollegin gehe ich ausgiebig brunchen. Wir quatschen über Gott und die Welt. Nur nicht übers Eishockey. Mit einer Ausnahme: Ich versuche, ihr den Playoff-Modus zu erklären. Ich glaube aber nicht, dass sie ihn verstanden hat. Am Nachmittag treffe ich meinen Bruder. Wir gehen zusammen einen Kaffee trinken, spazieren in der Brunau. Auch hier ist Eishockey überhaupt kein Thema. Über die Spiele rede ich mit meinen Teamkollegen unmittelbar nach dem Match.

Severin Blindenbacher geniesst es, mit seinen Freunden ausgiebig zu brunchen.

Severin Blindenbacher geniesst es, mit seinen Freunden ausgiebig zu brunchen.

Dass wir am Samstag unseren Topskorer Robert Nilsson verloren haben, ist bitter. Aber Verletzungen gehören nun mal zu unserem Sport. Das ist ein Teil des Business. Und es bringt auch nichts, sich zu lange den Kopf darüber zu zerbrechen. Ich bin während der Playoffs sowieso in meiner eigenen Welt.

Montag, 6. März

Um 8.30 Uhr stehe ich wieder in der Garderobe. Um 10.45 Uhr gehen wir für eine Dreiviertelstunde aufs Eis. Während der Playoffs sind diese Einheiten nicht so intensiv. Nach einer Video-Session gehe ich mit einer Kollegin aus Kanada, die gerade bei mir auf Besuch ist, in einem Restaurant essen. Die Zeit vergeht im Fluge.

Danach gehts ins Balboa. Das ist ein sogenannter Fitness-Hub, an welchem ich mich geschäftlich beteilige. Die Idee des Ganzen finde ich faszinierend. Wir bieten dort eine Plattform für diverse Fitness-Aktivitäten an. Das Ziel ist, dass sich dort Leute aller Couleur zum gemeinsamen Sporttreiben treffen.

Daheim stelle ich mich an den Kochherd und bereite mir ein gutes Abendessen zu. Ich koche sehr gerne. Es gibt Belugalinsen-LauchZucchini-Eintopf. Eine ausgewogene Ernährung ist für einen Sportler sehr wichtig, genügend trinken sowieso. Nachdem ich mich eher planlos durch das TV-Programm gezappt habe, gehe ich gegen 23 Uhr ins Bett.

Dienstag, 7. März

Auswärtsspiel! Um 14:30 Uhr fahren wir mit dem Bus los nach Lugano. Ich lese meist einige News auf dem Handy, querbeet. Zwischendrin schlafe ich für 30 Minuten. Einige lesen. Oder spielen Karten. Nur etwas ist nicht erlaubt: telefonieren.

Gut zwei Stunden vor Spielbeginn kommen wir in der Resega an. Nach der Partie verbringen wir noch zirka 45 Minuten in der Garderobe. Es heisst auslaufen, stretchen, Velo fahren, massieren, viel essen und schliesslich duschen. Das Resultat (Lugano gewinnt 4:3) hat für mich eigentlich keinen grossen Einfluss auf die Heimfahrt. Natürlich hätte ich gerne gewonnen. Zwischendurch analysiere ich noch meine zirka 25 Einsätze im Spiel.

Blindenbacher analysiert seine Einsätze nach dem Spiel.

Blindenbacher analysiert seine Einsätze nach dem Spiel.

Wir haben einige Computer, darauf hat jeder Spieler für sich individuell alle seine Einsätze zusammengeschnitten. Wir haben einen Coach, der extra dafür angestellt ist. Manchmal frage ich mich, wie die IT-Menschen das so schnell hinkriegen. Um 1.30 Uhr sind wir zurück. Jeder hängt seine Ausrüstung in der Garderobe selbst auf. Danach heissts ab nach Hause.

Mittwoch, 8. März

Ich stehe nach acht Stunden Schlaf auf. Genügend und gut zu schlafen, ist wohl etwa das Wichtigste in den Playoffs. Um 11.30 Uhr wäre das freiwillige Training. Aufs Eis gehe ich nicht. Dafür eine halbe Stunde aufs Velo. Dann stretche ich nochmals. Und schliesslich gehe ich zum Chiropraktiker. Mein ISG (Iliosakralgelenk) im Rücken macht wieder etwas Probleme. Er richtet die Stelle wie gewohnt.

Über Mittag treffe ich einen guten Kollegen zum Essen, quatschen und Kaffee trinken im Balboa. Das tut gut. Am Nachmittag habe ich einen Termin beim Treuhänder. Wir fädeln aktuell den nächsten Milliarden-Deal ein ... Danach heisst es wieder ausruhen, einkaufen gehen, kochen. Während der Playoffs bin ich manchmal nicht wirklich so auf der Höhe. Und wirklich angenehm bin ich nicht für mein Umfeld.

Zum Glück bin ich gerade Single. Ein Problemherd weniger. Am Abend schreibt mir ein Kollege, ob ich Lust habe, mit ihm Champions League zu schauen. Barcelona gegen Paris. Ich bin dabei. Aber wenn er nicht geschrieben hätte, wüsste ich nicht, dass dieses Spiel überhaupt stattfindet.

Donnerstag, 9. März

Zum Glück hat man Kollegen. Sonst wäre mir was entgangen! Das Comeback von Barcelona ist natürlich auch bei uns in der Garderobe am nächsten Tag DAS grosse Thema. Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits war es faszinierend, das Spiel zusammen mit meinem Kollegen, der übrigens Real-Madrid-Fan (!) ist, zu verfolgen. Andererseits kann ich Typen wie Luis Suárez nicht ausstehen. Er ist für mich ein Betrüger. Ich weiss nicht, was ich mit so einem auf dem Eisfeld anstellen würde …

Mir käme es nie in den Sinn, ein solches Theater aufzuführen. Das entspricht nicht der Eishockeykultur. Die Fussballer werden ja zu solchem Verhalten erzogen. Trotzdem kamen bei dieser Aufholjagd Erinnerungen hoch. Etwa an unsere Finalserie 2012 gegen Bern, als wir schon mit 1:3 Siegen hinten lagen und dann noch Meister wurden.

Was würde Severin Blindenbacher wohl mit Luis Suàrez anstellen?

Was würde Severin Blindenbacher wohl mit Luis Suàrez anstellen?

Ich konnte genau nachvollziehen, was in den Barça-Spielern vorgeht. Diese Emotionen sind unbeschreiblich. Genau das macht den Sport aus! Dafür geht es abends bei unserem Spiel etwas weniger emotional zu und her. Wir gewinnen 1:0. Das perfekte Playoff-Resultat.

Freitag, 10. März

Um 8.30 Uhr stehe ich wieder in der Garderobe. Nach der üblichen Vormittags-Routine mit Warm-up, stretchen, einer kurzen Eis-Einheit und dem gemeinsamen Zmittag gehe ich am Nachmittag wieder ins Balboa. Es stehen weitere Gespräche mit dem Geschäftsführer auf dem Programm. Es ist spannend, bei der Entwicklung eines solchen Start-ups mitzuwirken.

Danach will ich ein paar Kollegen in deren Büro besuchen. Als ich ankomme, ist aber niemand da. Ich entschliesse mich kurzerhand, dort auf der Couch meinen Mittagsschlaf zu halten. Das schöne Wetter verlockt mich – im Gegensatz zu meinen Kollegen – nicht zum Gang an die frische Luft. Ich sage immer, dass ich nach dem Saisonende genügend Zeit habe, mich im Freien aufzuhalten. Während der Playoffs brauche ich das nicht.

Abends beschliesse ich spontan, in einem Restaurant essen zu gehen. Diese Freiheit nehme ich mir. Gegen 23 Uhr bin ich wieder zu Hause und gehe ins Bett. Am nächsten Tag steht schliesslich die nächste Reise ins Tessin an. Hoffentlich kommen wir diesmal mit einem Sieg im Gepäck zurück nach Zürich.  (Aufgezeichnet: ku)