Handball-EM

«Das Phänomen»: Andy Schmid führt die Schweiz an die erste Handball-EM seit 14 Jahren

Der Chef bei den Rhein-Neckar Löwen: Andy Schmid - hier im Spiel gegen die TSV Hannover-Burgdorf - setzt sich durch.

Der Chef bei den Rhein-Neckar Löwen: Andy Schmid - hier im Spiel gegen die TSV Hannover-Burgdorf - setzt sich durch.

Handballer Andy Schmid gehört weltweit zu den besten Spielmachern der Gegenwart. Wie er sich mit der Nationalmannschaft versöhnen konnte und warum er auch mit Ex-Fussballer Ryan Giggs verglichen werden kann.

Plötzlich wird es mucksmäuschenstill in der SAP-Arena. Einige der 8700 Zuschauer reissen erschreckt die Augen auf, halten die Hand vor den Mund. ­Andere hoffen und flehen leise. Denn einer liegt am Boden, hart getroffen von einem Gegenspieler. Nicht irgendeiner. Sondern ihr Ändy, so nennen sie ihn in Mannheim. «Der beste Spielmacher der Welt», sagt Oliver Roggisch, sportlicher Leiter der Rhein-Neckar Löwen. Aber Andy Schmid bleibt nicht liegen. Wäre auch ziemlich atypisch. Schliesslich hat er in neuneinhalb Jahren nur ein Bundesliga-Spiel verpasst. Diese Saison, zum Auftakt, wegen einer Bauchmuskelzerrung. Als Schmid ­Sekunden später wieder steht, ist es in der Halle lauter denn je zuvor in dieser Partie.

Seltenes Bild: Andy Schmid am Boden.

Seltenes Bild: Andy Schmid am Boden.

Andy Schmid, 36 Jahre alt, ist ein Weltklassehandballer. Darüber gibt es keine zwei Meinungen. Erstaunlich an diesem Fakt: Schmid ist Schweizer. Gewuss gab es früher schon brillante Ballvirtuosen mit Schweizer Pass und internationaler Strahlkraft. Marc Baumgartner beispielsweise, WM-Torschützenkönig 1993 und zweimal ­deutscher Meister mit Lemgo. Aber damals, in den 1990er-Jahren, zählte die Schweiz auch noch zur erweiterten Weltspitze. Als Schmid indes durch­startete, stürzte unser Handball gerade in die Bedeutungslosigkeit ab. Umso erstaunlicher, dass es ein Schweizer ganz nach oben geschafft hat. Was der Geschichte eine exotische Note verleiht. Fast so, als würde ein Iraner den Skiweltcup aufmischen.

«Schwierig zu akzeptieren»

Messi des Handballs, nennen sie ihn auch. Ryan Giggs wäre auch lange Zeit ein passender Vergleich gewesen. Die Parallelen sind offensichtlich. Der Waliser, einer der weltbesten Offensivspieler seiner Zeit, der mit Manchester United 36 Titel gewann, durfte lediglich zuschauen, wenn irgendwo eine Fussball-WM oder -EM gespielt wurde. Wie der Schweizer Handballstar. Hart sei das gewesen, sagt Schmid. Auch, weil er die Gewissheit hat, beim Rendezvous der Weltelite eine dominierende Rolle spielen zu können. Aber er wird über Jahre quasi aus dem eigenen Haus ausgesperrt. «Es wurde jedes Jahr schwieriger zu akzeptieren, wie fast alle meine Klubkollegen im Januar eine Endrunde bestreiten durften, während ich zum Zuschauen verdammt war.» Schmids Leidenszeit ist vorläufig be­endet. Die Schweiz nimmt erstmals nach 14 Jahren an einer EM teil und trifft in der Gruppenphase ab dem 10. Januar auf Gastgeber Schweden, Polen und Slowenien.

Darum überragt er selbst die schwersten und bösesten Jungs

Schmid ist Mitte 20, als er für die Schweizer Liga bereits zu gross ist. Wobei er mit 190 Zentimetern und 90 Kilo bestenfalls Handball-Durchschnitt verkörpert. Erst recht auf seiner Position im Rückraum. Aber mit seiner Geschmeidigkeit, seinen feinen Händen, seiner Intuition und seinem Spielwitz überragt er selbst die schwersten und bösesten Jungs. Er merkt: Hier geht es für ihn nicht weiter. Andere, denen Schmid eine ähnliche Begabung ­attestiert, hatten mit fehlenden sportlichen Perspektiven kein Problem. Sie finanzierten sich mit Handball ihr ­Studium und setzten danach auf eine berufliche Karriere. Schmid indes war klar: Ich muss weg, um weiterzu­kommen.

Mit 26 unterbricht der Luzerner sein Studium der Sportwissenschaften und wechselt von Amicitia Zürich, wo er zweimal Meister wurde, zu Bjerrinbro-­Silkeborg. In Dänemark wird er gleich in seiner ersten Saison zum besten ­Spieler gewählt, worauf ihn die Rhein-Neckar Löwen 2010 verpflichten. Schon zu diesem Zeitpunkt ist er den Nati-Kollegen enteilt. «Wahrscheinlich habe ich es so weit gebracht, weil ich mich stärker mit dem Sport ausein­andersetze als andere. Für mich war Handball immer eine Leidenschaft. Selbst heute vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Handball denke.» Aber ­warum ist ihm keiner gefolgt? Was hat die anderen Schweizer Handballer abgehalten, ins Ausland zu gehen? «Ich denke, es ging den Schweizer Hand­ballern zu gut. Uns Schweizern geht es doch generell gut, was ja auch eine grosse Errungenschaft ist. Aber der Wohlstand ist eher nicht kompatibel zum Spitzensport. Umso erstaunlicher ist, welch guten Ruf der Schweizer Sport hat. Wenn man mit 24 vor der Entscheidung steht, Spitzensport oder Job, kann ich verstehen, wenn einer die Karte Job spielt, weil das mehr Sicherheit garantiert. Ganz anders die ­Situation der Osteuropäer. Für sie ist der Handball eine Chance zum sozialen Aufstieg.»

Vor bald elf Jahren, im Februar 2009, spielte Andy Schmid noch für den ZMC Amicitia in der Zürcher Saalsporthalle.

Vor bald elf Jahren, im Februar 2009, spielte Andy Schmid noch für den ZMC Amicitia in der Zürcher Saalsporthalle.

Aber immer nur weiter und höher und vorwärts? Nein, so läuft das auch bei Schmid nicht. Sein erstes Jahr in der Bundesliga entpuppt sich als Horrorshow. Heute sagt er: «Dieses Jahr hat mir am meisten geholfen. Es ist immer einfach, wenn die Sonne scheint. Aber in diesem Jahr bin ich so richtig auf die Schnauze gefallen. Das war lehrreich. Und wie ich aus diesem Loch herausgefunden habe, war sehr prägend für die weitere Karriere. Ohne dieses Jahr wäre ich nicht der, der ich heute bin. Trotzdem will ich dieses Jahr nicht noch einmal erleben.»

So kennt man Andy Schmid heute: Als jubelnder Anführer und Co-Captain des deutschen Bundesligisten Rhein-Neckar Löwen.

So kennt man Andy Schmid heute: Als jubelnder Anführer und Co-Captain des deutschen Bundesligisten Rhein-Neckar Löwen.

Dazu muss man wissen: Die Rhein-Neckar Löwen sind ein junger Verein, der mit viel Geld den schnellstmöglichen Erfolg anstrebte. Ein ­Retortenklub, der sich bis 2007 Spielgemeinschaft SG Kronau/Östringen nannte. Alimentiert von SAP-Mit­gründer Dietmar Hopp (u. a. auch Mäzen des Fussball-Bundesligisten Hoffenheim), der für 100 Millionen Euro am Stadtrand von Mannheim eine multifunktionale Halle bauen liess. Kurz: Die Löwen greifen das Establishment des deutschen und europäischen Handballs an. Und da bleibt für Sentimentalitäten kein Platz.

Vom Fehleinkauf zum besten Spieler der Liga

Schmid kommt im Löwengehege nicht zurecht. Der Trainer lässt ihn links ­liegen. Und zum Ende der ersten ­Saison muss er gar konstatieren, dass ihn eine Handball-Zeitschrift im Ranking der Fehleinkäufe auf Platz eins führt. Schluss, aus, vorbei? Bettel hinschmeissen und zurück in den Schoss der Schweizer Wohlfühloase? Natürlich spinnt Schmid Gedanken dieser Art. Aber sein Stolz lässt es nicht zu, nach nur einem Jahr aufzugeben. «Zum Glück», sagt er. «Durchsetzungsvermögen, Wille, aufstehen nach einem Rückschlag. Alles, was einen Sportler ausmacht, habe ich in diesem Jahr ­gelernt.» Schmid beisst sich bei den Löwen mit ihrer unerbittlichen Leistungs­kultur durch und wird in der vierten ­Saison zum wertvollsten Spieler der Bundesliga gewählt. Wie auch in den vier darauffolgenden Spielzeiten. Fünfmal erhält er diese Auszeichnung, ein Novum in der Geschichte der Bundesliga. Stefan Kretzschmar, einst Linksaussen der deutschen Nationalmannschaft und heute TV-Experte, adelt Schmid als «Lion(el) Messiah of Handball». Schmid, das Phänomen. Ein Superstar eines Sports, der in der Heimat grösstenteils Breitensport-Charakter hat.

Trotzdem fährt Schmid viele Jahre in die Schweiz, wenn das Nationalteam ruft. In erster Linie, weil er Patriot ist. Er hofft, den einen oder anderen mit seiner Verbissenheit anzustecken. Dass der Leistungsgedanke in der Nati nicht ausgeprägt ist, macht ihm zu schaffen. Aber er mag die Typen. Und er will sie nicht dafür verurteilen, weil sie nur nebenbei Handball spielen. Das Problem: Er findet sich mit der Zeit damit ab, dass mit der Schweiz nichts zu holen ist. Enttäuschungen und Niederlagen haben programmatischen Charakter. Resignation macht sich breit bei Schmid. Und so stellt er sich die Sinnfrage: Soll ich weiterhin die Zeit, die ich mit meiner Frau und meinen beiden Jungs verbringen kann, in ein Halb­profi-Projekt investieren und dabei unnötig Energie und Nerven verbrauchen? Nein. Schmid zieht die Reissleine, legt die Nati-Karriere vorerst auf Eis – das Geschrei geht los.

Es gab viel Wirbel um Andy Schmid. Der Regisseur wollte zwischenzeitlich nicht mehr für die Schweizer Nationalmannschaft auflaufen.

Es gab viel Wirbel um Andy Schmid. Der Regisseur wollte zwischenzeitlich nicht mehr für die Schweizer Nationalmannschaft auflaufen.

Ein Schicksal ähnlich wie das von Roger Federer

Überheblichkeit wird ihm vorgeworfen. Viel dezenter zwar, aber die Stossrichtung ist ähnlich wie bei Roger ­Federer, wenn der auf den Davis-Cup verzichtete. Den Entscheid revidiert Schmid erst 2016 nach Michael Suters Beförderung vom U21- zum A-Nationaltrainer. Suter macht Schmid klar, dass er in ihm nicht die alleinige Galionsfigur sieht. Er verspricht ihm, alles zu unternehmen, um eine Leistungskultur zu implementieren. «Das hat er geschafft», sagt Schmid. «Deshalb macht es auch wieder Sinn und Spass, für die Nati zu spielen. Früher hiess es: Andy geh voraus, wir bleiben zurück und ­gucken was passiert. Heute heisst es: Andy, geh voraus, wir folgen dir.» ­Inzwischen sind neben Schmid acht weitere Nationalspieler im Ausland ­engagiert.

Gefällt mir, gibt Nationaltrainer Michael Suter zu verstehen. Er meint damit sicher auch, dass er Andy Schmid in seinem Team weiss.

Gefällt mir, gibt Nationaltrainer Michael Suter zu verstehen. Er meint damit sicher auch, dass er Andy Schmid in seinem Team weiss.

Vor Monaten, als die Qualifikation für die EM noch nicht feststand, orakelte Schmid, mit einem Happy End seine Karriere im Nationalteam zu beenden. Da er im nächsten August 37 wird, aber noch bis 2022 bei den Rhein-Neckar Löwen auf der Platte stehen will, fragt man sich schon: War’s das nach der EM? «Nein. Ich würde jetzt gerne so lange wie ­möglich dabeibleiben, den Weg mitprägen. Ausserdem denke ich, dass mit dieser Mannschaft weitere Happy Ends möglich sind.»

Mehrfachbelastung war noch nie ein Problem für Schmid. Bevor die ­Kinder zur Welt kamen, gründete er mit einem Jugendfreund und seinem Teamkollegen Uwe Gensheimer die Firma «uandwoo», die Socken und Unterwäsche vertreibt. Unterdessen haben sie die Firma zu 75 Prozent verkauft. Und vor drei Monaten hat er ein Kinderbuch mit dem Titel «Mein Sprungwurf» herausgebracht. Der ­ältere seiner beiden Jungs, der siebenjährige Lio, fragte nach einer Handball-Geschichte. Weil Schmid keine fand, schrieb er selbst eine. Inzwischen hat er schon über 5000 Bücher verkauft. Und, gibt es eine Fortsetzung? «Nein, das ist ein One-Hit-Wonder.» Also das Kontrastprogramm zu ihm selbst.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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