Niemand hat an den Machthebeln des internationalen Sports eine derart grosse Präsenz wie die Schweiz. Sie stellt den Fifa-Präsidenten, den IOC-Sportdirektor und eine Rekordzahl von vier Personen unter den insgesamt 100 stimmberechtigten IOC-Mitgliedern.

Schweizer sind ebenfalls an vorderster Front involviert, wenn die «Regierung» des Internationalen Olympischen Komitees, der 14-köpfige Exekutivrat, heute in Lausanne entscheidet, wie Russland für sein Dopingprogramm bei den Winterspielen 2014 in Sotschi bestraft wird. Neben den USA stellen sie mit Fis-Präsident Gian Franco Kasper und Denis Oswald als einzige Nation zwei Exekutivmitglieder.

Sein Urteil fällt die IOC-Spitze am späten Nachmittag direkt im Anschluss an zwei Präsentationen der eingesetzten Russland-Untersuchungskommissionen – geleitet von zwei Schweizern. Eine zu den gedopten Sportlern unter dem Vorsitz von Oswald, die andere zur staatlichen Verantwortung für das Dopingprogramm mit Alt-Bundesrat Samuel Schmid an der Spitze. Russlands olympisches Schicksal liegt also quasi in Schweizer Hand.

Viele Optionen

Doch wie wird die Entscheidung lauten? Von der Maximalstrafe eines kompletten Ausschlusses über das Mitmachen von «sauberen» Athleten unter neutraler Flagge bis hin zu einer massiven Geldbusse von 100 Millionen Dollar liegen alle Optionen auf dem Tisch. Eher lächerlich scheinen Varianten wie der Verzicht auf russische Flagge oder Hymne bei Siegerehrung oder ein Ausschluss der Sportler von Eröffnungs- und Schlusszeremonie.

Die Meinungen sind gemacht. Westliche Athleten und Antidoping-Organisationen fordern mehrheitlich den Ausschluss. Viele Sportverbände stellen sich gegen eine Kollektivstrafe. Funktionäre solcher Organisationen sind es auch, die unter dem Vorsitz des deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach letztlich entscheiden werden. Die Schweizer Kasper und Oswald haben gegenüber der «Nordwestschweiz» in jüngster Vergangenheit verlauten lassen, dass sie gegen eine Kollektivbestrafung sind. Ob sich andere Exekutivmitglieder aus wenig wintersportaffinen Nationen wie Aruba, Fidschi, Guatemala oder Singapur gegen das IOC-Schwergewicht Russland stellen werden, ist fraglich.

Die Olympischen Winterspiele finden in Pyeongchang statt.

Die Olympischen Winterspiele finden in Pyeongchang statt.

Nachdem sich das IOC dank seinem bisher äusserst behutsamen Umgang mit dem russischen Dopingskandal viel Kritik hat anhören müssen und Präsident Bachs Nähe zu Russlands Machthaber Putin vielfach beanstandet wurde, sorgen nun ausgerechnet die beiden «Schweizer» Kommissionen bei den Befürwortern von harten Sanktionen für Hoffnung. Oswald begründet die lebenslängliche Sperre für bisher 25 russische Sotschi-Athleten auch mit dem im sogenannten McLaren-Report bewiesenen systematischen Vorgehen. Oswald nennt den russischen Wissenschafter und Kronzeugen Grigori Rodtschenkow als erste offizielle IOC-Stelle «glaubwürdig».

Auch Samuel Schmid wird der IOC-Spitze heute allem Anschein nach ein schonungsloses Urteil über die Verstrickung von staatlichen Stellen abgeben. Logische Konsequenz wäre die Höchststrafe für Russlands Sport auf jeden Fall. Bis heute musste das IOC nachträglich 99 russische Athleten aufgrund von Dopingvergehen bei Olympischen Spielen disqualifizieren. Ein weltweit einsamer Rekord.