Champions League

Das Märchen der jungen Wilden: Ajax Amsterdam begeistert Fussball-Europa

Der 19-jährige Ajax-Captain Matthijs de Ligt (vorne) köpfelte die «jungen Wilden» aus Amsterdam in den Halbfinal.

Ajax Amsterdam schaltet nach Real Madrid auch Juventus Turin aus. Der europäische Blätterwald überhäuft den niederländischen Rekordmeister mit Lobeshymnen.

Die Jungspunde von Ajax Amsterdam sorgten nach der Sensation gegen Real Madrid mit dem Sieg gegen Juventus Turin für den nächsten historischen Favoritensturz. Die jungen Wilden rocken weiter die Champions League:

«Das geht um die Welt», freute sich Ajax-Geschäftsführer Edwin van der Sar stolz nach dem 2:1-Triumph seiner Mannschaft bei Mitfavorit Juventus um Superstar Cristiano Ronaldo. Die Teamstützen Donny van de Beek und der wie Mittelfeldchef Frenkie de Jong überragende Captain Matthijs de Ligt (67.) schossen Ajax in den Champions-League-Himmel.

«Ctrl + Alt + de Ligt» titelte das Portal «Sport360». Ajax qualifizierte sich als erstes Team, das durch drei Qualifikationsrunden musste, für den Halbfinal. Die Holländer hatten wie Super-League-Vizemeister Basel die Champions-League-Kampagne in der zweiten Qualifikationsrunde in Angriff genommen.

Via Sturm Graz, Standard Lüttich und Dynamo Kiew ging es in die Gruppenphase. Dort setzte man sich gegen Bayern München, Benfica sowie AEK Athen durch. Und nun stolperte also nach Real Madrid auch Juventus Turin.

Die Highlights der Partie.

«Ein unglaublicher Abend»

«Das Märchen geht weiter», schrieb die Zeitung «De Volkskrant», das «Algemeen Dagblad» schwärmte nach dem «Mirakel» vom «Überraschungsteam für die Ewigkeit». Die Fussballprominenz aus aller Welt gratulierte, Rafael van de Vaart jubelte zu Hause vor dem Fernseher, und sogar die italienische Presse feierte die «Enkelsöhne Cruyffs» («Gazzetta dello Sport») als «Kinder-Champions voller Persönlichkeit» («La Stampa»).

Völlig berauscht zeigte sich Ajax-Trainer Erik ten Hag nach dem Schlusspfiff. «Das ist ein unglaublicher Abend für Ajax, seine Spieler und den niederländischen Fussball. Wir haben unsere Grenzen gesprengt», sagte der 49-Jährige, der 2015 bei Bayern München nicht einmal mehr gut genug war für die zweite Mannschaft.

Rafael van der Vaart jubelt vor dem TV.

Auch dieses Märchen kostet Geld

Amsterdam feierte den ersten Halbfinaleinzug seit 1997 und die «jungen Wilden» ausgelassen. 33,1 Millionen Euro – diese Zahl sollte kennen, wer nach der jüngsten Sensation von ebendiesen «jungen Wilden» schwärmt. 33,1 Millionen Euro beträgt das Ajax-Transferminus in dieser Saison. Es ist also keineswegs so, dass der niederländische Rekordmeister Fussball-Europa nur mit Jungs aus dem eigenen Nachwuchs rockt. Auch dieses Märchen kostete Geld. Viel Geld.

Und dennoch: Bei Ajax haben sie in der jüngeren Vergangenheit sehr viel richtig gemacht. Dort wurden Spieler zu bewährten Profis wie der omnipräsente und geniale Captain Matthijs de Ligt, der gerade mal 19 Jahre alt ist. Auch Frenkie de Jong oder Donny van de Beek, beide 21 Jahre alt, hätte so mancher europäische Topklub gerne in seinen eigenen Reihen.

Geschäftsführer Edwin van der Sar und Sportdirektor Marc Overmars, Helden beim bislang letzten Champions-League-Sieg 1995, haben aus dieser Rasselbande mittels kluger – und eben auch teurer – Transfers wie dem von Rückkehrer Daley Blind (16 Millionen Euro) oder Dusan Tadic (11,4) ein Spitzenteam gebaut.

Ausverkauf droht

Dass diese Mannschaft nach den achtbaren Remis in der Vorrunde gegen Bayern München nun Titelverteidiger Real Madrid und Topfavorit Juventus Turin schocken konnte, ist auch das Verdienst des Trainerstabes.

Chefcoach Erik ten Hag empfiehlt sich mit seiner Mischung aus diszipliniertem Positionsspiel und kreativer Freiheit mit dem Ball längst für höhere Aufgaben. Sein Assistent Alfred Schreuder will das Ajax-Konzept ab Sommer als Nachfolger von Julian Nagelsmann in Hoffenheim implementieren – eines der spannendsten Projekte der Bundesliga.

Dann werden die jungen Ajax-Wilden, das zeichnet sich längst ab, in alle Winde zerstreut sein. De Jong wechselt nach Barcelona, de Ligt könnte ihm womöglich folgen. Zuvor sei den Enkeln des grossen Johan Cruyff allerdings als Lohn für ihr begeisterndes Spiel noch der Henkelpott gegönnt.

Wo zieht spielt das Ajax-Supertalent nächste Saison?

Juventus Turins Rechnung: 1+1=0

Und Juventus Turin? Die Aktie der Alten Dame stürzte am Mittwoch kurzzeitig prompt um satte 25 Prozent ab. Die Turiner werden nach der bitteren Pleite über die Bücher gehen müssen. Zwar wird am Samstag im Heimspiel gegen die Fiorentina der 35. Titelgewinn (der achte in Folge) mit grösster Wahrscheinlichkeit frühzeitig Tatsache, aber die Saison 2018/19 ist sportlich ein Rückschritt.

Der Rekordmeister holt dieses Mal nur einen einzigen Titel. Zu dieser Ausbeute stehen die Ausgaben auf dem Transfermarkt in einem krassen Missverhältnis. Über 200 Millionen Euro gab Juventus im letzten Sommer für neue Spieler aus, allein 117 Millionen für Cristiano Ronaldo. Aber nicht nur: Leonardo Bonucci etwa wurde für 38 Millionen Euro von Milan zurückgeholt. João Cancelo für 40 Mio. von Valencia übernommen.

Sie sollten mit dem teuren bisherigen Stamm um Giorgio Chiellini, Miralem Pjanic, Blaise Matuidi oder Mario Mandzukic nach 23 Jahren endlich mal wieder die Champions-League-Trophäe holen. «Wir haben diesem Ziel alles untergeordnet. Aber wenn man neue Spieler holt, ergibt 1+1 nicht immer 2. Manchmal gibt es 3 oder 4, manchmal aber auch 0», erklärte Trainer Massimiliano Allegri nach dem Ausscheiden gegen Ajax. Er wollte damit weniger andeuten, dass seine Spieler nicht zusammenpassten, als darlegen, dass Titel nicht zu kaufen sind.

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