Australian Open
Das kann nicht einmal Federer toppen: Das unglaubliche Comeback von Mirjana Lucic-Baroni

Mirjana Lucic-Baroni steht im Halbfinal der Australian Open. Das mag sich so nicht nach einer bemerkenswerten Schlagzeile anhören – ist es aber, wenn man sich genauer mit dem Karriereverlauf der Rückkehrerin befasst.

Donat Roduner
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Mirjana Lucic-Baroni ist sichtlich gerührt nach ihrem Einzug in den Halbfinal der Australian Open.

Mirjana Lucic-Baroni ist sichtlich gerührt nach ihrem Einzug in den Halbfinal der Australian Open.

Keystone

Um das Ausmass zu erahnen, schauen Sie sich dieses Platzinterview an:

Mirjana Lucic-Baroni kann ihr Glück kaum fassen. Sie hat in Melbourne eben Karolina Pliskova mit einem 6:4, 3:6, 6:4 eliminiert und steht im Halbfinal gegen Serena Williams. Dies ist der gerechte Lohn für eine, die während ihrer Karriere wesentlich mehr gelitten als gewonnen hat.

Beginnen wir die Schilderung ihrer Leidensgeschichte mit einem US-Präsidenten. Aber erstaunlicherweise nicht mit Donald Trump. Nein, wir beginnen mit Bill Clinton. Denn der war noch an der Macht, als sich Mirjana Lucic-Baroni und Serena Williams auf der WTA-Tour letztmals gegenübergestanden. Das war 1998 in Sydney, als sich die 16-jährige Amerikanerin gegen die 15-jährige Kroatin in drei Sätzen durchsetzte.

Anfänge mit Hingis

Morgen werden sich Lucic-Baroni und Serena Williams im Australian-Open-Halbfinal also nach 19 Jahren «Pause» wieder gegenüberstehen. Die beiden Pfade zu diesem Wiedersehen hätten aber unterschiedlicher fast nicht verlaufen können. Die jüngere der Williams-Schwestern hat das Frauentennis dominiert wie nur ganz wenige vor ihr.

Das wurde auch Lucic zugetraut, die ebenfalls als Jahrhunderttalent gehandelt wurde. An der Seite eines ebensolchen gewann sie 1998 am Australian Open die Doppel-Konkurrenz. Ihre damalige Partnerin war Martina Hingis, die sich in Melbourne ein Jahr zuvor zur jüngsten Grand-Slam-Siegerin gemacht hatte.

Hingis und Lucic (rechts) setzten sich im Doppel-Final gegen das Duo Zvereva/Davenport durch.

Hingis und Lucic (rechts) setzten sich im Doppel-Final gegen das Duo Zvereva/Davenport durch.

Keystone

Lucic erreichte 1999 in Wimbledon (Niederlage gegen Steffi Graf) ihren bisher ersten Grand-Slam-Halbfinal und sehr lange musste man befürchten, dass es ihr letzter bleiben würde. Die aufstrebende Tennisspielerin wurde von ihrem Vater Marinko angetrieben, sah sich aber auch dessen psychischem und physischem Terror ausgesetzt. Das ging so weit, dass die Mutter mit ihren fünf Kindern die Flucht ergriff und in den Vereinigten Staaten politisches Asyl beantragte.

Dadurch verschwand Mirjana Lucic von der Tennisbildfläche, doch sie hängte das Racket nie ganz an den Nagel. Sie schlug sich mit wenigen kleinen Turnieren durch und war in der Zeitspanne von 2004 bis 2009 an keinem Grand Slam zugegen. Danach fand sie aber allmählich den Tritt wieder. 2014 durfte sie sich sogar wieder Turniersiegerin nennen – sie hält damit mit 16 Jahren den Rekord zwischen zwei Vollerfolgen auf der WTA-Tour.

Werde jede Sekunde geniessen

Trotzdem kommt ihre jetzige Leistung am Australian Open überraschend. Auch für sie. Entsprechend sagte sie im Interview nach ihrem Viertelfinalsieg, dass sie unter «Schock» stehe. Für sie hat das Sportliche aber nur eine untergeordnete Bedeutung. Dieser Sieg mache, dass ihr Leben wieder in Ordnung sei, sagte sie unter Tränen.

«Gott ist gut!», sagte die überwältigte Mirjana Lucic-Baroni, die ihren Doppelnamen der Ehe mit einem italienischen Restaurantbesitzer in Florida zu verdanken hat. Sie weiss ihr Leiden hinter sich und kann ihr Leben wieder geniessen. Sie sagte aber auch, dass sie ihre Geschichte eines Tages erzählen werde.

Doch zuerst spielt sie den Halbfinal gegen Serena Williams, in dem sie zwar Aussenseiterin aber nicht chancenlos ist. Wieso soll sie nach der Nummer 3 des Turniers (Agnieszka Radwanska, Runde 2) nicht auch noch die Nummer 2 ausschalten? Sie selbst dämpft die Hoffnungen: «Schau dir nur diese Beine an», sagte sie in Anspielungen auf ihre diversen Tapes und Verbände. Die 34-Jährige versprach einzig: «Ich werde jede Sekunde geniessen.»

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