Pyeongchang

«Das hier ist nicht das Ende» – Iouri Podlatchikov trotz Olympia-Aus mit erhobenem Kopf

Iouri Podladtchikov: «Ich habe eine traurige Nachricht für euch».

Iouri Podladtchikov: «Ich habe eine traurige Nachricht für euch».

Iouri Podladtchikov bleibt im bittersten Moment seiner Karriere der unnachahmliche Künstler. Wegen seinem Sturz vor 12 Tagen, kann er nicht an den Olympischen Winterspielen starten. Im bittersten Moment seiner Karriere blickt er trotz grosser Enttäuschung nach vorn.

Über diesen Spruch muss man ganz einfach schmunzeln. Die zwei gesunden Schweizer Halfpipe-Snowboarder erzählen, wie sie mit den Verletzungen und der Ungewissheit ihrer Teamkollegen Iouri Podladtchikov und David Hablützel umgehen.

Pat Burgener sagt nach dem ersten Training in der Olympia-Halfpipe am Freitag: «Iouri ist mega gut drauf. Es geht ihm viel besser, als dass man annehmen könnte. Immerhin lebt er noch.» Tönt zwar etwas zynisch, aber eben auch cool.

Aus wegen Hirnblutungen

24 Stunden später sitzt Titelverteidiger Podladtchikov im Flieger Richtung Heimat. Inzwischen kann man den Spruch des Teamkollegen richtig deuten. Iouri ist gut drauf, weil er die grösste Enttäuschung der Karriere mit erhobenem Kopf und vorwärts gerichtetem Blick entgegen nimmt.

Iouri Podladtchikov erlitt einen Nasenbeinbruch und eine Hirnerschütterung.

Iouri Podladtchikov erlitt einen Nasenbeinbruch und eine Hirnerschütterung.

Er hat beim Sturz vor 12 Tagen an den X-Games in Aspen nicht wie verkündet eine Hirnerschütterung, sondern mehrere Hirnblutungen erlitten. Bei einem MRI am Donnerstag ist die Verletzung nach wie vor sichtbar.

Der amtierende Olympiasieger muss über ein Risiko entscheiden, das kein vernünftiger Mensch eingehen darf. «Sollte ich den Kopf nochmals anschlagen, stehe ich vielleicht nie mehr auf», sagt der gebürtige Russe. Der Startverzicht bei Olympia bleibt die einzige Alternative.

Iouri Podladtchikov ist eine polarisierende Persönlichkeit: Künstler, Genie, Egozentriker, Perfektionist und scheues Reh. In der Summe ein wahres Chamäleon. Seinen Auftritt am Freitagnachmittag, bei dem er die Hiobsbotschaft bekannt gibt, moderiert er gleich selber, leitet auch die Fragerunde und übernimmt bisweilen sogar das Antworten für den Teamarzt. Er wirkt angesichts des Inhalts seiner Botschaft enorm gefasst. Es scheint, als hätte «IPod» wieder einmal alles im Griff.

Iouri Podlatchikov während der Pressekonferenz

Iouri Podlatchikov während der Pressekonferenz

Trotzdem dominiert eine drückende Melancholie den Auftritt. Die Emotionen sind spürbar, wenn auch selten sichtbar. Er, der gerne alles im Griff hat, muss sich geschlagen geben von einer Verletzung, die so anders ist als alles, was er bisher kannte. Den Bänderriss von 2014 überwindet er in Rekordzeit. Selbst den Kreuzbandriss im letzten März bei seinem WM-Finalrun managt er in einer Selbstverständlichkeit, als sei es eine einfache Hautschürfung.

«IPod» denkt grösser

Während viele Aussenstehende sich in diesem Moment fragen, ob dies Podladtchikov vielleicht die Goldchance bei Olympia kostet, richtet er seinen Blick bereits wieder nach vorne. Im Herbst sagt er in einem Interview mit der deutschen Zeitung «Die Welt»: «Ich will am 14. Februar mein bestes Ich sein auf dem Snowboard. Nur gewinnen reicht nicht. Man muss viel grösser denken.» Der Perfektionist und Supertechniker bastelt längst an seiner Darbietung für Pyeongchang. Ein Kunstwerk soll es werden, ein lieblicher Tanz in der Pipe.

Und jetzt das. Eine nicht sichtbare Blessur in seinem Kopf, der doch so stark ist und jedes Hindernis überwindet. «Ich habe trotz allem stets optimistisch nach vorne geblickt», sagt der 29-Jährige, «denn ich habe gedacht, dass alles möglich ist. Und eigentlich denke ich das immer noch.»

Iouri Podladtchikov muss auf Olympia-Start verzichten

Iouri Podladtchikov muss auf Olympia-Start verzichten

Doch gestern beim ersten Rendezvous mit der Halfpipe seit dem fatalen Sturz in Aspen fühlt er sich «in einigen Momenten sehr unwohl. Die Art, wie ich Snowboarden muss, um das zu erreichen, was ich mir vorstelle, geht nicht».

Aber Iouri Podladtchikov wäre nicht dieser Champion, wenn er vor seinem Abschied aus Pyeongchang keine positiven Signale ausstrahlen würde. Stolz marschiert er an der Eröffnungsfeier direkt hinter Fahnenträger Cologna und den Fans verspricht er: «Ich kann zu 100 Prozent sagen, dass dies nicht annähernd ein Endpunkt meiner Karriere sein wird.

Ich werde wieder fliegen.» Aber zuerst will er sich der Generalüberholung seines lädierten Körpers annehmen. «Ich habe zuletzt viel zu viele Verletzungen gehabt. Das kann nicht so weitergehen.»

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