Ja, es stimmt!

Der FC Liverpool hat in der Champions League den grossen FC Barcelona in einem dramatischen Halbfinal-Rückspiel mit 4:0 aus dem Stadion geschossen. Und darf nun am 1. Juni im Estadio Metropolitano in Madrid gegen Ajax Amsterdam oder Tottenham Hotspur den Final der Königsklasse bestreiten. Wie schon im Vorjahr als es gegen Real Madrid eine 1:3-Niederlage absetzte.

Aber: Wo anfangen und wo aufhören bei der Aufarbeitung dieser epischen Fussballnacht? In der das 136. von 138 Spielen die nächste Sternstunde dieser so aufregend gewordenen Champions-League-Saison geliefert  hat. Mit dem Out von Real Madrid, Manchester City, Paris Saint-Germain und Juventus sowie den Überraschungsteams Ajax und Tottenham.

«You’ll never walk alone»

Das Bild, das nach einer kurzen Nacht als Erstes wieder hochkommt, zeigt die Liverpooler Spieler, die sich vor dem «Kop»,  der Kurve der Hardcore-Fans, eng zusammenstehend aufgereiht haben und mit Tränen in den Augen der Liverpooler Hymne «You’ll never walk alone» lauschen.

Xherdan Shaqiri sagt später: «Es ist schwierig, Worte für diese Emotionen zu finden. Es ist unglaublich, was passiert ist. Viele haben uns abgeschrieben. Aber wir haben an uns geglaubt.»

Liverpool feiert den zweiten Champions League Final in Serie.

Ein Team und seine Fans

Liverpool feiert den zweiten Champions League Final in Serie.

Es ist wohl schon so, dass nach ihrer 0:3-Niederlage sechs Tage zuvor nicht mehr viele an die Auferstehung der Reds geglaubt hatten. Diese waren im Camp Nou zwar kaum die schlechtere Mannschaft, nutzten ihre Chancen aber nicht und wurden von einem bestens aufgelegten Lionel Messi abgeschossen.

Moralspritze fehlte

Wie nur sollten die Liverpooler gegen diese routinierten und abgebrühten Katalanen das Wunder schaffen, nach diesem 0:3 noch in den Final einzuziehen? Zumal neben Mittelstürmer Roberto Firmino auch der Toptorschütze Mohamed Salah wegen einer Gehirnerschütterung nicht zur Verfügung stand. Und lediglich moralisch Beistand leisten konnte.  

«Never give up», stand in grossen Buchstaben auf dem T-Shirt, das der Ägypter an diesem Abend trug. Und: Weil die Liverpooler am Vorabend am Fernsehen zugesehen hatten, wie ihr Premier-League-Rivale Manchester City gegen Leicester gewann und der ersehnte Meistertitel nach 29 Jahren, es wäre der 19., nicht mehr aus eigener Kraft geholt werden kann, fehlte ihnen auch diese erhoffte Moralspritze.

Geistesgegenwärtig ausgeführter Corner

Aber Liverpool legte vor 55 212 Zuschauern los, als gebe es kein Morgen, ging früh durch Salah-Ersatz Divock Origi in Führung. Nach der Pause machte der eingewechselte Georginio Wijnaldum mit einem Doppelschlag (54. und 56.) den Rückstand wett, und was dann in der 79. Minute geschah, ist auf diesem Niveau noch nie zu sehen gewesen.

Liverpool erhielt einen Corner zugesprochen und Trent Alexander-Arnold schickte sich an, diesen zu treten. Weil aber Shaqiri herbeieilte, schien es, er wolle diesem die Ausführung überlassen.

Doch dann sah Alexander-Arnold, dass die Barça-Abwehr überhaupt nicht bereit war und Origi am Fünfmeterraum lauerte. Geistesgegenwärtig schlug er den Ball in die Mitte – und Origi hämmerte ihn zum 4:0 ins Netz.

Barça schont sich vor dem Spiel – und ist trotzdem müde

«Ich habe das Tor gar nicht gesehen. Das war allein die Idee von Trent Alexander-Arnold, 20 Jahre alt. Was für ein Kerl. Das sind Mentalitätsgiganten», sagte hinterher Jürgen Klopp, der Trainer.

«Meine Mannschaft hat nach dem Spiel in Barcelona schon den Glauben an die Wende gehabt. Ich selber habe auch an die Chance geglaubt. In der ersten Halbzeit war unser Pressing sensationell. Es war eine aussergewöhnliche Nacht. Das haut dich um.»

Es war beeindruckend, mit welcher Power die Engländer in ihrem 51. Pflichtspiel nach einer langen und harten Saison auftrumpften, während Barcelona am letzten Wochenende die gesamte Mannschaft in der Liga hatte schonen können, weil der Meistertitel schon in trockenen Tüchern ist. Und trotzdem müde wirkte.

Shaqiri ist zurück – und Alisson wieder Barça-Schreck

Eine spezielle Nacht war es auch für Shaqiri. In diesem Kalenderjahr kaum mehr zum Einsatz gekommen, stand er für Salah als rechter Flügel in der Startformation. «Es war nicht einfach ohne Spielpraxis. Aber ich hatte auf diese Chance gewartet und bin nun unglaublich stolz darauf, was wir erreicht haben. Jetzt will ich diesen Pokal unbedingt holen – zum zweiten Mal», sagte Shaqiri.

Mit Bayern München hatte er ihn 2013 schon einmal gewonnen. Obwohl es kein gutes Spiel von Shaqiri mit einer bescheidenen Passquote von 67 Prozent gewesen war, hatte auch der Schweizer Nationalspieler mit einer Massflanke zu Wijnaldums Kopftor zum 3:0 seinen Anteil am Triumph. Als er kurz vor dem Ende ausgewechselt wurde, standen 10,51 Kilometer auf dem Zähler.

Shaqiri nach Barcelona-Demontage: «Es war einfach verrückt»

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Nicht zu vergessen ist indes auch die Leistung von Goalie Alisson Becker, der einige Male grossartig hielt und das so wichtige Auswärtstor Barcelonas vereitelte. Apropos Becker: Dieser hatte im letzten Jahr das Tor der AS Roma gehütet, welche nach dem 1:4 im Camp Nou die Katalanen mit einem 3:0 eliminiert hatte…

Nach dem Viertelfinal-Triumph mit der AS Roma im letzten Jahr erlebt Torhüter Alisson die nächste grosse Wende gegen Barcelona, diesmal mit Liverpool.

Torhüter Alisson: Wieder ein epischer Sieg gegen Barcelona

Nach dem Viertelfinal-Triumph mit der AS Roma im letzten Jahr erlebt Torhüter Alisson die nächste grosse Wende gegen Barcelona, diesmal mit Liverpool.

Grösste Wende in einem CL-Halbfinal

Am Tag nach dem grossen Liverpooler Sieg geizten die Medien nicht mit Superlativen. «Das grösste  Comeback seit Lazarus», titelte «Daily Mail». Tatsächlich: Vor den Reds hatten in der K.o.-Phase der Champions League bisher erst drei Teams einen Rückstand von mindestens drei Toren nach dem Hinspiel aufgeholt, aber keines im Halbfinal (Deportivo La Coruña - AC Mailand, 1:4/4:0, 2003/04, Viertelfinal. FC Barcelona - Paris St. Germain, 0:4/6:1, 2016/17, Achtelfinal. AS Rom - FC Barcelona, 1:4/3:0, 2017/18, Viertelfinal).  

Einzig im früheren Europacup der Meister schaltete Panathinaikos Athen 1971 nach einem 1:4 noch Roter Stern Belgrad aus und der FC Barcelona setzte sich 1986 nach einem 0:3 gegen IFK Göteborg durch. Beide verloren das Finale.

Nun also hatte Liverpool den FC Barcelona zum bereits vierten Mal aus dem Wettbewerb geworfen und damit zum vierten Mal den Final in der Königsklasse erreicht. Gewonnen haben sie ihn aber nur 2005, nachdem sie im Endspiel in Istanbul gegen die AC Milan einen 0:3-Pausenrückstand aufgeholt und das Penaltyschiessen für sich entscheiden hatten.

Kein Mitleid

Soll man nun mit dem FC Barcelona und seinen Fans Mitleid haben? Bestimmt nicht. Schon oft genug haben die Katalanen die Pokale abgeräumt und ihre Gegner gedemütigt. Sie haben gestern nicht nur die erste Niederlage in dieser Champions-League-Saison erlitten, sondern eine ihrer schwersten Schlappen überhaupt und erst zum sechsten Mal in einem Europacupspiel vier Tore kassiert.

392 Tage nach dem Debakel von Rom war Barça erneut in den Hammer gelaufen. Es war physisch dem Liverpooler Pressing nicht gewachsen und beging deshalb vor den beiden ersten Toren durch Jordi Alba und Ivan Rakitic selten gesehene Fehler.

Es half den Spaniern nicht, dass sie mehr Ballbesitz und die grössere Passgenauigkeit als Liverpool hatten. Wichtiger war wohl: Die Gastgeber liefen gesamthaft beinahe sieben Kilometer mehr.

Das schreiben Spaniens Zeitungen nach dem Debakel

«Ein historisches Fiasko», schrieb «Marca». Und «El Pais» titelte: «Barça brennt auf Anfields Scheiterhaufen». «Ich entschuldige mich bei den Fans, weil es uns nach Rom schon wieder passiert ist. Das ist sehr hart», sagte Mittelfeldspieler Sergio Busquets. «Mein Respekt gilt dem FC Liverpool. Wir wollten etwas tiefer stehen, das ist uns mit dem vierten Tor um die Ohren geflogen. Danach haben wir keine Antworten mehr gefunden», sagte Trainer Ernesto Valverde.

Der FC Barcelona war sich seiner Sache zu sicher. Zumal nach den Ausfällen von Firmino und Salah. Am Montag übermittelten die Spanier Salah per Twitter noch die besten Genesungswünsche. Jetzt können die Liverpooler solche nach Barcelona schicken.