Russland an der Olympia
Das Haus der Verstossenen: Im Russland-Haus wird gefeiert ganz nach dem Motto «Russland im Herzen»

Das erste Spiel bei Olympia der favorisierten russischen Nationalmannschaft – die so nicht heissen darf. Mitverfolgt im Russland-Haus – das so auch nicht heissen darf

Rainer Sommerhalder, Pyeongchang
Merken
Drucken
Teilen
Russische Fans fiebern im Sports House mit ihren Lieblingen mit.

Russische Fans fiebern im Sports House mit ihren Lieblingen mit.

Felipe Dan/Keystone

Hier zeigt Russlands Sport sein lächelndes Gesicht. Im «Sports House», das eigentlich «House of Russia» heisst, werden Fröhlichkeit und Gastfreundschaft zelebriert. Hier lässt man Provokationen sein, wird auch der Gast aus dem bösen Westen mit offenen Armen empfangen.

An der Wand hängen Fotos von aktuellen und ehemaligen Olympia-Helden. Doch selbst das Bild der ausgeschlossenen Shorttrack-Legende Victor Ahn, das man am Eröffnungstag dort noch fand, wurde inzwischen entfernt. Alles läuft politisch korrekt. Man will feiern und nicht demonstrieren.

Während russische Journalisten im Mediencenter die Vertreter des Lausanner Sportschiedsgerichts unsanft bedrängen, russische Hacker die olympische Technologie kurzzeitig lahmlegen, russische Aktivisten eine riesige Landesflagge ans Hauptquartier der Welt-Anti-Doping-Agentur projizieren und der russische Aussenminister die Verbannung seines Landes von den Olympischen Spielen als Verschwörung der USA bezeichnet, findet man an diesem Ort keinen, der mit Groll und Wut auf die Welt unterwegs ist. Das Motto der Gastgeber und des «Olympischen Teams von Russland» heisst denn auch «Russland im Herzen».

Der Ukrainer im Bus

Das – seien wir ehrlich – Russland-Haus liegt in einem Tourismusviertel direkt am Strand der Hafenstadt Gangneung. Im Bus dorthin kommen leichte Zweifel auf, ob das der richtige Weg ist. Denn der einzige Mitfahrer trägt eine ukrainische Olympia-Uniform. Der wird ja wohl nicht unterwegs zum Feind sein?

Vor dem Gebäude winkt ein Kätzchen – oder ist es ein Tiger? Bevor die russische Gastfreundschaft so richtig zu tragen kommt, muss man zuerst den Metalldetektor und den grimmigen Bodyguard überwinden. Beides erweist sich als einfacher als erwartet. Das Piepsen beim Durchschreiten des Geräts wird schlicht ignoriert.

Drinnen ist gerade ziemlich viel los. In zwei Stunden spielt die «Sbornaja», wie das russische Eishockey-Nationalteam genannt wird, zum ersten Mal bei Olympia. Dutzende von russischen Gästen jeden Alters lassen sich Flagge und Slogans auf die Wange sprayen. Die ganz Mutigen, und von denen gibt es viele, schmücken ihre komplette Haarpracht mit den Landesfarben. Das Russland-Haus ist ihre letzte Bastion vor dem Stadion. Wenn schon den Athleten russische Flaggen und russische Hymne verweigert werden, dann soll der Nationalstolz zumindest auf den Zuschauerrängen sichtbar werden.

«Aber im Herzen sind wir natürlich alle Russen.»

Drinnen im Haus dominiert die russische Sprache. Die Suche nach einem Gesprächspartner, der Englisch versteht, gestaltet sich schwierig. Die Rettung heisst Daniel, ist Manager des Russland-Hauses und erinnert in Stil und Aufmachung an einen Modedesigner. Nur ein wenig hyperaktiv. Dieser Karl Lagerfeld auf Speed spricht also Englisch.

Der extravagant in ein schwarzes Oberteil, das Pullover, Kleid und Jacke in einem ist, gekleidete Daniel ist Event-Manager aus St. Petersburg. Er erklärt den tieferen Sinn des Slogans, der jedem Gast an der Rezeption ungefragt in Form eines Herzens an die Brust geklebt wird. «Wir sind hier die olympischen Athleten aus Russland. Aber im Herzen sind wir natürlich alle Russen.»

Mitleid mit den Russen

Mehr erzählt er nicht. Ein vorsichtiges Nachfragen zum halbbatzigen olympischen Bann, der in diesem Haus weiter entfernt ist als die Rückseite des Mondes, blockt er schroff ab. «Ich bin nicht befugt, ein Interview zu geben», sagt er und weist auf die Köstlichkeiten am kostenlosen Dessert-Buffet hin. «Bedienen Sie sich.»

Das Spiel beginnt. Nur gut zwei Dutzend Personen verfolgen das Geschehen auf der grossen Leinwand. Das halb leere Stadion bietet genügend Platz für jeden Russen vor Ort. Die Sbornaja geht schnell 2:0 in Führung, die Stimmung ist gut. Beim Torerfolg dröhnt russische Volksmusik aus den Boxen. Die fröhlichen Gesichter stecken an.

Doch dann die Wende, am Schluss verliert der Turnierfavorit überraschend 2:3. Im Geheimen leidet man ein wenig mit den Menschen hier. Systematisches Doping hin oder her. Auf der Rückfahrt in die Stadt sitzt – man mag es kaum glauben – erneut ein ukrainischer Funktionär im Bus. Wie denkt er wohl über die Russen?

Impressionen der Party-Russen im Sports House finden Sie in unserem Blog.