Dies ist eine Geschichte, die eigentlich unmöglich ist. Weil der Klubfussball in England vom Wahnsinn umtrieben ist. Immer grösser. Immer verrückter. Immer mehr Geld. Ein Ende nicht absehbar.

Dies ist die Geschichte von Hull City. Es ist eine erstaunliche Geschichte voller Chaos. Und mittendrin: Eldin Jakupovic. Schweizer Torhüter, bald 32-jährig, einst Champions-League-Held beim FC Thun, heute fast vergessen gegangener Söldner in der englischen Provinz.

Ende Mai 2016 steigt der Verein nach einem Jahr in der zweiten englischen Liga wieder in die Premier League auf. Fast 140  Millionen Franken Mehreinnahmen sind dank des TV-Vertrags garantiert. Aber auf die grosse Party folgt die riesige Ernüchterung.

Die ägyptische Eigentümer-Familie Allam hat keine Lust mehr auf ihren Verein. Wohl auch deshalb, weil die geplante Namensänderung von «Hull City» auf «Hull Tigers» 2014 von der Liga abgelehnt wurde. Anstatt eine konkurrenzfähige Mannschaft zusammenzustellen, geschah einfach: nichts.

Etliche Spieler verlassen den Verein. Ein 18-Jähriger ist der bisher einzige Transfer. Dazu kommen einige schlimme Verletzungen. Drei Wochen vor Saisonstart gibt der Trainer entnervt auf. Gerade einmal 13 gesunde Profis hat Hull City beim ersten Spiel gegen den Sensationsmeister Leicester zur Verfügung.

Die lange Wartezeit

Als Eldin Jakupovic am vergangenen Samstag kurz vor Mitternacht am Telefon von diesem ersten Spiel erzählt, ist er von den Emotionen überwältigt. Unter diesen Voraussetzungen ein Spiel gewinnen? Ohne eine einzige Auswechslung, gegen den Meister. «Verrückt! Unbeschreiblich!», fällt ihm nach dem 2:1 als Erstes ein. «Vielleicht hat der eine oder andere Wetter ein bisschen etwas verloren – aber uns wäre das nicht passiert. Wir glauben trotz aller Umstände an uns.» Der englische Akzent in seiner Stimme ist längst unverkennbar.

Es ist für Jakupovic ein doppelt süsser Tag. Weil auch Stammtorhüter McGregor zu den Langzeitverletzten gehört, ist er plötzlich zur Nummer 1 aufgestiegen. Nach einer ziemlich langen Wartezeit. Seit 2012 ist Jakupovic bei Hull City unter Vertrag. Und es ist nicht so, dass er keine Erfahrung hätte in der Premier League. Aber meist musste er nach kurzer Zeit wieder auf die Ersatzbank. Die letzten drei Einsätze in der Premier League datieren vom Oktober und November 2014. «Das war schon schwierig zu akzeptieren», erinnert sich Jakupovic, «aber was soll ich machen? Es bleibt gar nichts anderes übrig als weiterzukämpfen.»

Es ist ein Kampf, der sich gelohnt hat. Ende Saison, nach den erfolgreichen Playoff-Spielen um den Aufstieg, hat Jakupovic seinen Vertrag verlängert bis Juni 2018, mit Option auf zwei weitere Jahre. «Das war wichtig für die Zukunft von meiner Familie und mir, es gibt uns eine gewisse Sicherheit.»

Elf Jahre ist es mittlerweile her, seit Eldin Jakupovic mit dem FC Thun in der Champions League für eine der grössten Schweizer Sport-Sensationen gesorgt hat. Seine tollen Paraden beim Quali-Spiel in Kiew standen am Ursprung des Erfolgs.

Doch der Erfolg hatte auch Schattenseiten. «Es ging alles sehr schnell, vieles ist auf mich eingeprasselt. Es war, als hätte ich im Lotto gewonnen.» Jakupovic lacht, wenn er von den alten Zeiten erzählt. Davon, auch einmal das Leben neben dem Platz genossen zu haben. «Doch nun ist mein Leben ruhiger geworden.»

Sollen sie doch wetten

Aber nicht weniger spannend. Dafür sorgen seine Frau und Tochter Alina. Gerade sind sie von längeren Ferien bei Jakupovics Schwiegereltern in Amerika zurückgekommen. «Jetzt werde ich wohl etwas weniger Fussball schauen auf dem Sofa», sagt der Torhüter lachend.

In der Tat, Jakupovic ist auffallend gut informiert über den internationalen Fussball. Und kein bisschen weniger darüber, was in der Schweiz vor sich geht. Sogar in der Challenge League. So lobt er Xamax und den FC Schaffhausen für den sehr ansprechenden Start. Dass der FCZ direkt wieder aufsteigt, betrachtet er gleichwohl bereits als sicher.

Doch wie geht es weiter mit seinem chaotischen Verein? «Ich kann mir nicht erklären, wie es so weit kommen konnte. Klar ist: Wir brauchen Verstärkungen. Ohne Einwechselspieler, das geht vielleicht einmal oder zweimal gut. Vorderhand müssen wir alle beten, dass sich niemand mehr verletzt.» Heute spielt Hull City in Swansea. «Wir haben ein erstes Ausrufezeichen gesetzt. Aber weitere müssen folgen, wenn wir in der Premier League bleiben wollen.» Sämtliche Experten haben Hull City auf den letzten Tabellenplatz getippt. «Einige trauen uns auch einen neuen Minus-Rekord zu. Sollen sie ruhig darauf wetten.»