Tennis

Das Gesicht der Krise – Maria Scharapowa polarisiert im Frauentennis

Heldin oder Bösewicht? An Maria Scharapowa scheiden sich die Geister.

Heldin oder Bösewicht? An Maria Scharapowa scheiden sich die Geister.

Weil dem Frauentennis die Persönlichkeiten fehlen, steht Maria Scharapowa im Fokus. Mit der Russin kommen Euphorie und Ärger zurück in die Frauentenniswelt.

Selten war eine Auslosung für ein Grand-Slam-Turnier ein derart heftig diskutiertes Politikum wie in diesem Jahr bei den Australian Open. Grund dafür war das Fehlen von Serena Williams (36), die im letzten Herbst erstmals Mutter geworden war und deshalb auf die Titelverteidigung verzichtet.

An ihrer Stelle präsentierte Maria Scharapowa (30) den Daphne Akhurst Memorial Cup. Ausgerechnet die Russin also, die im Vorjahr wegen einer Dopingsperre gefehlt hatte und als Erzrivalin Williams’ gilt.

So beschrieb Scharapowa in ihrer Biografie «Unstoppable» (Unaufhaltsam) eine Szene von 2004, nachdem sie im Wimbledon-Final Williams bezwungen hatte. «Serena hasste mich dafür, dass ich das dünne Kind war, das sie gegen jede Erwartung geschlagen hat. Aber am meisten hasste sie mich dafür, dass ich sie in der Kabine habe weinen hören.» Williams hat diese Worte nicht vergessen.

Williams freut sich nach ihrem Halbfinal-Sieg gegen Scharapowa in Wimbledon 2015

Williams freut sich nach ihrem Halbfinal-Sieg gegen Scharapowa in Wimbledon 2015

«Tennis ist ein Spiel und kein Job»

Das alles sind alte Geschichten, wie auch die verbüsste Dopingsperre Scharapowas. Doch sie zeigen, wie auch die Auslosung, wie sehr dem Frauentennis die Gesichter und Rivalitäten derzeit fehlen. «Das Frauen-Tennis ist einseitiger geworden, monotoner. Es geht nur noch darum, noch härter auf den Ball zu schlagen und schnell an die Spitze zu kommen. Das ist falsch», sagte Martina Hingis im letzten Sommer im Interview zur «Nordwestschweiz».

Mit ihr, Jennifer Capriati, den Williams-Schwestern oder Anna Kournikowa sei der Sport zu ihrer Zeit noch farbenfroher gewesen. «Tennis ist immer noch ein Spiel und kein Job», sagte Hingis.

Es gibt nur wenige Sportarten, die so sehr von Rivalitäten leben wie das Tennis. Bestes Beispiel ist der Männer-Zirkus. Als vor einem Jahr Roger Federer und Rafael Nadal in Melbourne den Sieger ermittelten, schien für einen Moment die Zeit still zu stehen.

Wer füllt das Vakuum?

Bei den Frauen ist das anders. Niemand konnte in den letzten Monaten das Vakuum ausfüllen, das Serena Williams hinterlassen hat. Trotz fundamentaler Umwälzungen an der Spitze hat sich bisher keine neue Weltordnung etabliert. So wechselten sich im letzten Jahr fünf Spielerinnen an der Spitze des Rankings ab.

Nach Williams gewannen mit Jelena Ostapenko, Garbine Muguruza und Sloane Stephens drei verschiedene Spielerinnen in Paris, Wimbledon und New York. Weihnachten feierte aber Simona Halep als Erste der Weltrangliste, vor Caroline Wozniacki. Beide gehören seit Jahren zur Weltspitze, einen Grand-Slam-Titel sucht man in ihrem Palmarès indes vergeblich.

Das weckt Begehrlichkeiten. Belinda Bencic sagt: «Man hat ja gesehen, wie Jelena Ostapenko 2017 fast aus dem Nichts einen Grand-Slam-Titel gewann. Da denkt man schon, dass man das auch schaffen könnte.»

Belinda Bencic

Belinda Bencic

Von der Realität eingeholt

Doch zwei Tage nach dem Coup gegen Venus Williams wird auch Bencic von der Realität eingeholt. Die Niederlage gegen die unbekannte Thailänderin Luksima Khumkum entbehrte jeglicher Logik. Die Unberechenbarkeit im Frauentennis ist Segen und Fluch zugleich. Segen, weil der Sport davon lebt. Fluch, weil sie als Überdosis Gift ist.

Denn wer diesen Zirkus verfolgt, will die Ikonen, in denen er sich wiedererkennt, in den Hauptrollen sehen. Als Sieger oder als Verlierer. Bei Aufstieg und Fall. Er will im Sport, der ihm als Analogie auf das Leben dient, sein Weltbild bestätigt oder widerlegt sehen – aber nicht permanent erschüttert.

Doch wie soll das gehen, wenn neue Heldinnen die Halbwertszeit eines Joghurts unter der sengenden Sonne haben? Wie sehr Gesichter dem Frauentennis derzeit fehlen, wird am Beispiel der erst 15-jährigen Ukrainerin Marta Kostyuk sichtbar. Nach ihrem Einzug in die dritte Runde gibt sie 19 TV-Stationen, 7 Radios und der versammelten Weltpresse Auskunft.

Als Kostyuk 2002 zur Welt kommt, ist Serena Williams die Nummer 1 der Welt und hat schon drei Grand-Slam-Titel gewonnen. Das Fehlen der Titelverteidigerin wirft ein Schlaglicht auf die Sinnkrise im Frauentennis. Nichts verdeutlicht das mehr als die Tatsache, dass mit Maria Scharapowa einer Gefallenen die Rolle der Heilsbringerin zugesprochen wird.

Man braucht Scharapowa

Plötzlich wird vergeben und vergessen. «Wir haben sie verurteilt, aber das ist vorbei. Wir brauchen sie in unserem Sport», sagte die 18-fache Grand-Slam-Siegerin Chris Evert während der US-Open. Als Scharapowa am Dienstag 731 Tage nach ihrem letzten Spiel in Melbourne zu Taylor Swifts Song «Look What You Made Me Do» auf den Platz lief, hatte das etwas Absurdes.

Denn alle schienen sich zu freuen – Anhänger wie Kritiker. Schliesslich kehrte mit Maria Scharapowa eine Projektionsfläche für Freude und Ärger, für Jubel und Enttäuschung zurück. Ob als Heldin oder Bösewicht ist dabei offenbar völlig unerheblich.

Maria Scharapowa

Maria Scharapowa

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