Fifa
Das Gentlemen's Agreement ist out

Die Ethikkommission glaubt Joseph Blatter nicht, dass dieser zwei Millionen Franken an Michel Platini für dessen Beratertätigkeit überwies – es fehlt ein abgeschlossener Vertrag.

Etienne Wuillemin und Markus Brütsch
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Sepp Blatter am Donnerstag, 17. Dezember 2015, beim Fifa-Hauptsitz in Zürich. Rechts sein Anwalt Lorenz Erni.

Sepp Blatter am Donnerstag, 17. Dezember 2015, beim Fifa-Hauptsitz in Zürich. Rechts sein Anwalt Lorenz Erni.

Keystone

1. Was ist passiert?
Fifa-Präsident Joseph S. Blatter (79) und Michel Platini (60) sind von der Ethikkommission des Weltverbands für acht Jahre gesperrt worden. Für alle «fussballrelevanten» Tätigkeiten, wie es so schön heisst. Zudem wird eine Geldstrafe fällig, die allerdings kaum der Rede wert ist: Blatter muss rund 50 000 Franken zahlen, Platini 80 000.

2. Wofür sind die beiden gesperrt worden?
Es geht um die dubiose Zahlung von 2 Millionen Franken, die Platini im Jahr 2011 von Blatter angeblich für lange zurückliegende Beratertätigkeiten (von 1998 bis 2002) erhalten hatte. Beide pochen auf die Rechtmässigkeit, sie sprechen von einem mündlichen Vertrag und einem «Gentlemen’s Agreement». Die rechtsprechende Kammer der Ethikkommission, der Richter Hans-Joachim Eckert (München) vorsitzt, sah keine rechtliche Grundlage für die Überweisung. Deshalb wurden beide wegen mehrerer Verstösse gegen den Ethik-Code (Annahme und Gewährung von Geschenken und sonstigen Vorteilen, Interessenkonflikte, Loyalität) sanktioniert. Für den Vorwurf der Bestechung und Korruption reichten die Beweise aber nicht.

3. Was ist dabei der Knackpunkt?
Das von Blatter und Platini ins Feld geführte «Gentlemen's Agreement», das in früheren Jahren wie ein Vertrag betrachtet wurde, gibt es nicht mehr. Für heutige Juristen gibt es nur Verträge.

4. Können sich Blatter und Platini noch wehren?
Ja. Zunächst müssen beide die Fifa-Berufungskommission anrufen, danach steht der Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS auf dem Programm. Bestätigt auch der das Urteil, werden beide wohl vor das dann zuständige Schweizer Bundesgericht ziehen. Dort werden dann aber nur noch Verfahrensfragen überprüft, nicht, ob die Ethikkommission inhaltlich richtig lag.

5. Wird Blatter von diesen Möglichkeiten Gebrauch machen?
Ja, er gibt sich äusserst kämpferisch und sagt, er werde bis zum Ende kämpfen. Auch Platini hat dies angekündigt.

6. Welche Folgen hat die Sperre in der Praxis?
Blatter musste sein Büro schon Anfang Oktober räumen, als er für vorläufig 90 Tage suspendiert wurde. Auch seine Fifa-E-Mail-Adresse musste er abgeben. Blatter hat Stadionverbot, er darf also keine offiziellen Fussballspiele mehr besuchen – Testspiele hingegen schon. Somit ändert sich der Status quo gar nicht so sehr. In der Fifa und der Europäischen Fussball-Union (Uefa) durfte das einst so mächtige Duo deshalb schon seit dem 8. Oktober nicht mehr mitmachen. Im Weltverband wird am 26. Februar ein neuer Präsident gewählt und das Blatter-Kapitel dann für immer geschlossen. Blatter hofft, durch einen Entscheid des CAS doch noch den ausserordentlichen Kongress leiten zu können, wo sein Nachfolger als Fifa-Präsident gewählt wird.

7. Welche Auswirkungen hat die Sperre auf die Wahl seines Nachfolgers am 26. Februar?
Die Uefa weiss nicht, was Sache ist und ziert sich weiter. Sie war «extrem enttäuscht» vom Urteil und steht weiter zu Platini. Aber dieser ist erledigt.

8. Muss Blatter ins Gefängnis? Was müsste passieren, damit es noch geschieht?
Die Sperre wurde von der Fifa-Ethikkommission verhängt. Alleine deswegen muss Blatter natürlich nicht befürchten, hinter Gitter zu gehen. Allerdings ermitteln die Schweizer Bundesanwaltschaft und das amerikanische FBI weiterhin gegen Blatter. Es geht um fragwürdige TV- und Marketingverträge. Blatter soll die Rechte wissentlich viel zu billig vergeben – und damit seine Fifa geschädigt haben.

9. Kann er noch sicher in der Welt herumreisen? Oder bleibt er im Bunker der sicheren Schweiz?
Seit die amerikanischen Behörden gegen ihn ermitteln, ist für Blatter das Risiko einer Verhaftung im Ausland zu gross. Es sei denn, er besucht seinen Freund Wladimir Putin, der Blatter für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen hat. Blatter sagte jüngst dem «Spiegel»: «Ich fliege momentan nicht. Wenn Krieg oder Krise ist, bleibt der Kommandant in der Kommandostation. Der geht nicht an die Front und lässt sich erschiessen. Das habe ich beim Militär gelernt.» An dieser Einstellung ändert sich nichts, auch wenn Blatter nun nicht mehr Fifa-Kommandant ist.

10. Kann er seinen Lohn behalten?
Sein Arbeitsvertrag läuft noch bis zum 26. Februar. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, daher hat er im Moment noch Anspruch auf Salär, Auto und Wohnung.

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