Rio 2016
Das Flüchtlingsteam sorgt für Furore

Die Premiere des Flüchtlingsteams sorgt für Schlagzeilen – und hilft dem angeschlagenen IOC bei der Krisenbewältigung.

Marcel Kuchta
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ie südsudanesische Leichtathletin Rose Lokonyen (l.) trägt die Flagge für das Flüchtlingsteam bei der Eröffnungsfeier.

ie südsudanesische Leichtathletin Rose Lokonyen (l.) trägt die Flagge für das Flüchtlingsteam bei der Eröffnungsfeier.

KEYSTONE

Eigentlich war es ungerecht. Eben erst hatte das zehnköpfige Flüchtlingsteam beim Einmarsch der Athleten das Maracanã-Stadion betreten, als der Jubel, der sie auf seinem Weg durch die riesige Arena begleitete, schon wieder abebbte – und umso lauter wieder anschwoll. Nach dem «Team Refugee Olympic Athletes» (ROA) betrat nämlich als letzte der über 200 Delegationen und nach fast zwei Stunden Wartezeit die riesige Equipe von Gastgeber Brasilien das Stadion.Der Lärmpegel im weiten Rund erreichte sein Maximum. Alle Ovationen, die den anderen Mannschaften zuteil geworden waren, verblassten im Vergleich zum finalen Jubelfurioso. Aber eben: Eigentlich war es ungerecht. Die Zuschauer wurden durch das Drehbuch quasi dazu gezwungen, ihre Beifallskundgebungen für das Flüchtlingsteam abzuwürgen.

Gefragt wie die Superstars

Nun, den zehn Sportlern, die in den kommenden zwei Wochen unter der Olympischen Flagge antreten werden, war das letztlich herzlich egal. Für jeden Einzelnen von ihnen geht hier in Rio de Janeiro ein Traum in Erfüllung. Jedes einzelne Schicksal würde sich eignen für einen dramatischen Thriller. Aus den Fängen von Krieg, Terror, Folter und Verfolgung an die Olympischen Spiele. Das ist der Stoff, aus dem die grossen (Film-)Träume sind. Kein Wunder, haben die zehn Sportler in der Vorberichterstattung von Rio die Schlagzeilen dominiert. Ihre Pressekonferenz am vergangenen Dienstag fand im grössten der vier Säle statt. Dort, wo sich nur die Granden wie Michael Phelps, Usain Bolt, Rafael Nadal oder die NBA-Profis der US-Basketballer in den medialen Schlagabtausch mit der versammelten Weltpresse begeben, sassen die zehn Flüchtlinge und stellten sich den Fragen der Journalisten. Allen voran Yusra Mardini, die syrische Schwimmerin, die als das Gesicht dieser aus ursprünglich 43 Kandidaten zusammengewürfelten Truppe gilt.

Die syrische Schwimmerin Yusra Mardini (l.) mit IOC-Präsident Thomas Bach (M.) und ihrem Chef de Mission, Tegla Loroupe.

Die syrische Schwimmerin Yusra Mardini (l.) mit IOC-Präsident Thomas Bach (M.) und ihrem Chef de Mission, Tegla Loroupe.

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Mardinis Flucht aus ihrem Heimatland Syrien bietet Stoff für einen ganzen Hollywood-Streifen und soll tatsächlich verfilmt werden: die dramatische Überquerung des Mittelmeers, als ihr überfülltes Schlauchboot zu kentern drohte und sie zusammen mit ihrer Schwester 20 Leben rettete, indem sie das Boot über drei Stunden lang schwimmend an Land zogen. Die 18-Jährige ist nach ihrer geglückten Flucht in Berlin untergekommen, und fand dort mit Sven Spannekrebs einen Trainer, der sie begleitete, unterstützte und förderte. Mardini sagte: «Ich hoffe, dass alle Flüchtlinge aus meiner Geschichte lernen werden und jeder weiter an der Verwirklichung seiner Träume arbeitet.»

Die grosse Pressekonferenz und der allgemein enorme Rummel in den Tagen und Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele – sogar Papst Franziskus wünschte den zehn Athleten mit einer persönlichen Nachricht Erfolg – warfen aber auch kritische Fragen auf. Zum Beispiel, ob das Internationale olympische Komitee (IOC) mit der mit viel Pathos und schon fast kitschig zelebrierten Premiere des Projekts nicht von den vielen Problemfeldern ablenken will, die rund um die Olympischen Spiele in Rio existieren. Die Flüchtlinge vor der grossen Jesus-Statue, die Flüchtlinge beim Empfang im Olympischen Dorf, die Flüchtlinge zusammen mit der IOC-Korona um Präsident Thomas Bach. Es wurde kaum eine Gelegenheit ausgelassen, die PR-Maschinerie auf Hochtouren laufen zu lassen.

Zumal sich im Zusammenhang mit dem ROA auch noch reglementarische Fragen stellen. Gemäss IOC-Charta wäre es nur den Nationalen Olympischen Komitees erlaubt, Sportler für die Olympischen Spiele zu nominieren. Mit ihrem Vorpreschen hat das IOC also faktisch seine eigenen Regeln gebrochen. Zumal die Länder, aus denen die Athleten geflüchtet sind, in Rio selber auch noch eigene Delegationen stellen. Sogar das kriegsgebeutelte Syrien hat eine 7-köpfige Equipe am Start.

Ein Wink des Schicksals

In den Kampf um die Medaillen werden die zehn Flüchtlinge in den kommenden zwei Wochen nicht eingreifen können. Die jahrelange Absenz von Trainingsmöglichkeiten hat dazu geführt, dass sie leistungsmässig zu viel Terrain auf die Weltspitze verloren haben. Aber die Leistungen spielen in diesen Fällen nur eine zweitrangige Rolle. Für James Chiengjiek, Yiech Biel, Paulo Lokoro, Yonas Kinde, Popole Misenga, Rami Anis, Rose Lokonyen, Anjelina Lohalith, Yolande Mabikau und Yusra Mardini ist die Teilnahme an den Olympischen Spielen ein Wink des Schicksals.