Ski Alpin
Das Feuer in ihren Augen: Wendy Holdener ist die Aufsteigerin der Saison

Die Ansprüche haben sich verschoben. Das Leben hat Wendy Holdener aber gelehrt, geduldig zu bleiben. Mit erst 22 Jahren hat die Schweizerin bereits viel erlebt. Das hilft.

Martin Probst
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Wendy Holdener zeigt Emotionen und ist darum bei den Fans sehr beliebt.

Wendy Holdener zeigt Emotionen und ist darum bei den Fans sehr beliebt.

KEYSTONE

Das vielleicht schönste Kompliment erhält Wendy Holdener ausgerechnet von ihrer grössten Konkurrentin. Mikaela Shiffrin hätte zahlreiche Athletinnen nennen können, die sie im Slalom jagen. Doch Shiffrin wählt im Interview mit Sportnet.at die Schweizerin: «In Wendys Augen sehe ich dieses Feuer. Es sagt: ‹Ich komme, um dich zu holen!›.»

Eine künftige Gesamtweltcupsiegerin?

Auch wenn es gestern noch nicht gereicht hat und Holdener im letzten Slalom der Saison Rang 4 hinter der überlegenen Siegerin Shiffrin belegte, zeigt die Aussage der Amerikanerin auf eindrückliche Weise, welchen Respekt sich die 22-Jährige in diesem Winter erarbeitet hat. Holdener ist die Aufsteigerin der Saison. Sie hat ihre ersten beiden Weltcuprennen gewonnen und durfte in St. Moritz die kleine Kristallkugel für die beste Kombi-Fahrerin entgegennehmen. Besonders diese Auszeichnung, die ihre Allrounderqualitäten unterstreicht, führt dazu, dass einige in Holdener bereits eine künftige Mitfavoritin im Gesamtweltcup sehen.

Wendy Holdener - hier nach ihrem 2. Platz von Lienz.

Wendy Holdener - hier nach ihrem 2. Platz von Lienz.

KEYSTONE/EPA APA/ROBERT JAEGER

Abwegig ist dies nicht. Der Schweizer Frauencheftrainer Hans Flatscher sagt: «Wir hätten bei Wendy nur auf den Slalom setzen können. Aber ich wusste, dass sie auch Riesenslalom und Super-G fahren kann und ein wenig Abfahrt. Die Kombi-Kugel ist nun der erste Lohn dafür, dass wir sie nicht spezialisieren.» Trotzdem hält Holdener im Feld der Slalomspezialistinnen mit und belegte zweimal Rang zwei und schloss den Disziplinenweltcup als Dritte ab. Die Schweizerin sagt: «Ich habe immer gesagt, dass ich irgendwann alle Disziplinen fahren will. Doch man unterschätzt, wie viel Kraft es braucht.»

Das Feuer wäre beinahe erloschen

Nicht zu viel auf einmal wollen. Das war lange nicht die Stärke von Holdener. Als sie im März 2013, 19-jährig, zum ersten Mal auf dem Weltcup-Podest stand, sollte das die Richtung vorgeben: steil nach oben. «Doch es gehört zu einer Karriere dazu, dass eine Athletin mal stagniert und einen Schritt zurückmachen muss», sagt Flatscher. In der Folgesaison erlebte dies Holdener. «Ich habe mich unter Druck gesetzt und war nicht mehr so locker. Ich bin froh, dass ich diese Erfahrung schon gemacht habe. Das hilft mir, die aktuellen Erfolge zu verarbeiten», sagt Holdener.

Nicht immer ging es in der Karriere von Wendy Holdener bergauf.

Nicht immer ging es in der Karriere von Wendy Holdener bergauf.

Keystone

Dabei ist es nicht selbstverständlich, dass sie überhaupt noch Ski fährt. Das Feuer, das nicht nur Shiffrin in ihren Augen erkennt, wäre einst fast erloschen. Damals, Ende 2010, als bei ihrem drei Jahre älteren Bruder Kevin, der selbst Skiprofi werden wollte, Krebs diagnostiziert wurde. Wendy Holdener war damals in der FIS-Weltrangliste die Beste des Jahrgangs 1993 in Abfahrt, Super-G und Slalom und belegte Rang zwei im Riesenslalom. An der Junioren-WM im Februar 2011 gewann sie Gold in der Kombination, Silber in der Abfahrt und Bronze im Riesenslalom. Doch die Situation mit ihrem Bruder überforderte sie. Sie fragte sich, warum er und nicht ich? Sie fuhr nicht mehr gerne Ski. Fast wäre es vorbei gewesen.

Ein zweites Standbein

Heute hat Holdener längst akzeptiert, dass ihr gemeinsamer Traum nun nur noch ihrer ist. Geholfen hat ihr, dass ihr Bruder seit zwei Jahren ihr Manager ist und den Krebs besiegt hat. «Als ehemaliger Skifahrer kennt er unsere Welt», sagt sie. Und irgendwie ist er so eben doch dabei. «Am Anfang war die Zusammenarbeit nicht immer einfach. Weil wir uns nahestehen, nahmen wir Differenzen in Bezug auf die Vermarktung persönlich», erzählt sie. «Doch mittlerweile läuft es sehr gut.» Unterstützung bei der Vermarktung erhält Kevin, der ein Wirtschaftsstudium absolviert, von einem guten Freund der Familie, der Teilinhaber eines Treuhandbüros ist.

Auch Wendy Holdener setzt auf ein zweites Standbein. An der Sportschule in Engelberg hatte sie parallel zum Skisport die Ausbildung zur Hotelkauffrau abgeschlossen. «Doch diese ist in der Schweiz nicht zertifiziert. Darum musste ich ein Zusatzjahr anhängen, um das KV abzuschliessen», erklärt Holdener. Im Herbst hatte sie die letzte Chance dazu. «Sonst wäre die Ausbildung aus Engelberg verfallen.»

Bald auch in der Abfahrt spitze?

Gemeinsam mit Athletinnen wie Corinne Suter oder Priska Nufer belegt Holdener eine Klasse. «Insgesamt sind wir acht Skifahrerinnen und Skifahrer. Das macht es einfacher», sagt Holdener, die auch von Teamkollegin Michelle Gisin unterstützt wird. Die Abschlussprüfungen finden im Juni statt. Nach der Saison wird intensiv gelernt. «Im Januar und Februar merkte ich, dass mir die Zeit zum Lernen neben dem Skisport fehlt. Ich musste oft Dinge auf den letzten Drücker erledigen», sagt Holdener.

Dass die Teamkolleginnen in dieser Zeit für sie da sind, schätzt die 22-Jährige. «Natürlich sind wir Einzelsportler, aber ein gutes Umfeld treibt an.» Mit ihren Erfolgen in dieser Saison will Holdener als Vorbild für die Teamkolleginnen dienen, um zu zeigen, was möglich ist. Wenn sie so erzählt, sieht man das Feuer in ihren Augen. Ein vierter Rang wie gestern reicht ihr nicht mehr. «Ich bin nicht gut gefahren.»

Im Gesamtweltcup liegt Holdener vor dem abschliessenden Riesenslalom heute in St. Moritz auf dem sechsten Rang mit 817 Punkten. Als sogenannte 500-Punkte-Fahrerin könnte sie im nächsten Winter auch in den Disziplinen Super-G und Abfahrt direkt nach den ersten 30 starten – und somit den Weg zur Allrounderin vorantreiben. «Vorerst will ich aber vor allem im Riesenslalom einen Schritt weiter nach vorne machen», sagt sie. Für die Ausweitung des Programms auf noch mehr Disziplinen sei sie noch nicht bereit. «Ich werde es aber mit den Trainern nach der Saison anschauen.» Ihre Augen funkeln.