England hat keine Erwartungen mehr. Nichts beschreibt die Lage der Nation besser als die Fülle von leeren Sitzen, die sich vor den Spielern aufbauten, als sie am Mittwoch den Rasen des Wembleys betraten.

Nur 40 181 Leute wollten den 1:0-Sieg gegen Norwegen noch sehen, so wenige wie noch nie, seit das Wembley vor sieben Jahren wiedereröffnet wurde. Der Glaube ans Team ist verschwunden. Dramatisch zerfallen.

Eine ganze Nation leidet an den Nachwirkungen der frustrierenden Auftritte von Brasilien. Das Bild des Nationalteams ist nach dem Vorrunden-Aus an der WM so schlecht wie noch nie.

Hodgson flucht sich durch die Pressekonferenz

Und dieser knappe Sieg gegen Norwegen? Junges Blut und viel Ballbesitz in Ehren, aber der Auftritt war doch eher ein Signal der Verzweiflung, als dass er optimistisch in die Zukunft blicken liesse. Und Roy Hodgson, ein Nationaltrainer, der nicht bekannt ist dafür, Kritik der Öffentlichkeit zu nahe an sich heranzulassen, fluchte sich richtiggehend durch die Pressekonferenz im Anschluss des Spiels – so wütend war er über die Ungeduld von Fans und Journalisten.

Hodgson hält sich an langfristigen Zielen fest. Und setzte zur flammenden Rede an: «Du kannst nicht erwarten, dass einer, der fünf Spiele für England gemacht hat und seit sieben Monaten für Liverpool spielt, plötzlich David Beckham ist», sagte er über Jungstar Raheem Sterling, noch der beste Engländer am Mittwoch.

«Du kannst nicht erwarten, dass ein Phil Jones, der sich nach seinen vielen Verletzungen erst gerade einen Stammplatz bei Manchester United erarbeitet hat, plötzlich die Souveränität eines John Terry hat. Und ein Jack Wilshere soll plötzlich die Fähigkeiten eines Bryan Robson zeigen, dabei verlor er so viel Zeit wegen seiner Verletzungen? Das ist die Realität – schon vergessen?»

Die Chance nicht ruinieren

Schliesslich fügte er mit mahnendem Finger an: «All diese negativen Stimmen haben leider Gottes einen Einfluss auf unsere Leistungen. Wir können die Uhr nicht zurückdrehen und diese Spiele gegen Italien und Uruguay noch einmal absolvieren. Es ist passiert und wir vergessen es nicht. Aber jetzt müssen wir dafür sorgen, dass uns diese miesepetrigen Stimmen nicht allzu sehr aufhalten. Lasst die Spieler die Chancen nutzen und ruiniert sie nicht voreilig! Wenn wir uns für die EM 2016 qualifizieren – ja, das tun wir ohne Zweifel! –, dann wird es interessant zu sehen, was diese Gruppe leisten kann.»

Wayne Rooney, der neue Captain, beschrieb die EM-Qualifikation als ein «neues Kapitel». Aber es ist ein neues Kapitel mit längst bekannten Baustellen. Rooney ist allein auf weiter Flur mit seiner Erfahrung. Steven Gerrard, Frank Lampard, Ashley Cole, sie alle sind zurückgetreten nach hervorragenden Karrieren mit hundert Länderspielen oder mehr – allein, für einen Titelgewinn mit dem Nationalteam hat es keinem von ihnen gereicht.

Wenn die nachfolgenden Spieler dann Fabian Delph, Jack Colback und Danny Rose heissen, dann kann man es drehen und wenden, wie man will, der Entschluss kann nur heissen: Der Teich englischer Talente ist von äusserst bescheidener Grösse.

Bezeichnend ist, dass Hodgson versuchte, Frank Lampard nach dessen Transfer auf Leihbasis zu Manchester City zu überzeugen, doch noch ein bisschen weiter für England zu spielen. Es war vergebene Mühe. Und so vereinigt nur Rooney mit seinen 96 Länderspielen so etwas wie Erfahrung. Der zweiterfahrenste Spieler heisst Gary Cahill, 28 Länderspiele und eine einzige Endrunde in seinem Rucksack.

Viele Spieler sind im Klub nur Ersatz

Spieler wie Walcott, Barkley, Lallana, Shaw oder Carrick sind alle verletzt – jetzt auch noch Sturridge. Zwei der vier Stürmer, Welbeck und Lambert, verbringen ihre Zeit auf der Ersatzbank. Everton-Verteidiger Jagielka hat mit dem 3:6 gegen Chelsea gerade eine ziemlich grausame Erfahrung hinter sich.

Und Torhüter Joe Hart (Manchester City) muss gerade den Siegtreffer des bescheidenen Stoke City verdauen – der Ball rollte gemächlich zwischen seinen Beinen hindurch. Das ist das Bild, das England zurzeit abgibt. Was für eine zerbrechliche Gruppe!

Wo ist sie, die Fülle an Qualität, aus der wir Alternativen picken könnten? Englische Spieler machen gerade einmal 33 Prozent aus in der heimischen Liga. Der Sommer der Extravaganz hat der Premier League soeben einen neuen Rekord beschert. 835 Millionen Pfund investierten die Vereine für Transfers.

Der Fokus aber lag auf Spielern wie Radamel Falcao, Angel Di Maria oder Mario Balotelli. Einheimische Talente waren mässig begehrt. Einer wie Welbeck wird für Arsenal nur darum interessant, weil sich der eigentliche Stürmer Giroud verletzt. Oder sie werden aussortiert wie Rodwell, Richards und Cleverley.

Oder es gibt zwar Interessenten wie für Lennon, Townsend, Johnson und Milner, aber der Transfer kommt nicht zustande – und die Spieler finden sich auf dem Abstellgleis wieder. Sogar dann, wenn einmal ein Verein (Manchester United) 40 Millionen Euro für ein Talent (Luke Shaw) bezahlt, geht es nicht ohne Misstöne. Die Diskussionen drehen sich um seine Fitness, gemeint ist schlicht: sein Übergewicht. Shaw ist 18-jährig.

Das System erstickt Talente

Die grossen Klubs aber fischen in fremden Teichen. Hodgson hat auch als Klubtrainer gearbeitet in England. Er weiss, wie es ist, unter Druck zu stehen. Aber in seiner jetzigen Rolle kann er seine Frustration trotzdem nicht verbergen. Das System der Premier League erstickt all das junge Talent. Die Vereine haben so viel Geld zur Verfügung wie nie.

«Das Problem sind die verstellten Bahnen in die erste Mannschaft», sagt Englands Trainer. «Die Akademien machen einen guten Job und die allermeisten der jungen Spieler sind auch Engländer, aber wo früher ein Junger bei einer Verletzung eines Arrivierten einmal einspringen durfte, heisst es heute: Kaufen wir einen Topklasse-Ausländer!»

Und Hodgson fragt: «Wo spielen denn heute unsere Talente? Meine Zweifel sind erheblich, dass aus einem, der in der Championship (Englands zweite Liga, d. Red.) spielt anstatt gelegentlich in der Champions League, ein neuer Rooney oder ein Beckham entsteht.»

Eine Kommission ist mit der Aufgabe betraut, Lösungen zu finden. Erste Vorschläge präsentierte sie im Mai. Zum Beispiel die Gründung einer Liga mit «B-Mannschaften», damit auch die «Reserve-Spieler» gegeneinander antreten können. Die Reaktionen auf die Vorschläge waren bestenfalls kritisch, schlimmstenfalls aber wütend. Die kleinen Klubs sollen nicht erneut geschwächt werden.

Talsohle noch nicht erreicht?

Alle diese Faktoren führen zu einer gewissen Apathie gegenüber den Problemen. Das Ansehen der Premier League war nie höher mit all ihrem Glamour. Das Nationalteam dafür ist so stark wie nie ins Schwanken geraten. Die Fifa führt England auf Rang 20 in der Weltrangliste, aber man wird das Gefühl nicht los, dass die Talsohle noch nicht erreicht ist.

Es ist eine fast unlösbare Aufgabe, die Stimmung in den nächsten Jahren zu verbessern. Und schon gar nicht reichen dazu Siege gegen San Marino, Litauen, Estland, Slowenien oder die Schweiz, verbunden mit einer EM-Teilnahme. Das Team muss lernen, mit seinem Fussball zu begeistern. Es muss die Bindung zum Publikum wieder finden – das geht nur über Unterhaltung, das geht nur mit attraktiven Spielen, mit offensivem Geist.

Ein Start wäre es, das LiverpoolModell zu kopieren, diesen schnellen, aggressiven, stürmenden Fussball, der die Anfield Road richtiggehend entflammt hat. Spieler wie Sterling, Sturridge oder Henderson können die Gruppe anführen, der Rest muss folgen. Das Problem dabei: Liverpool-Trainer Brendan Rodgers ist von Natur aus wagemutig und draufgängerisch – England-Trainer Hodgson ist von Natur aus vorsichtig.

Für Hodgson ist es nicht der Anfang eines neuen Kapitels, sondern vielmehr der nächste Schritt auf seiner vierjährigen Reise als Cheftrainer. Zuallererst muss er die traumatischen WM-Erfahrungen aus seinen Spielern rausprügeln und dann ihren Ruf wiederherstellen.

«Meine Gedanken sind einfach: Wir alle müssen diesen jungen Spielern helfen, die Enttäuschungen zu verarbeiten. Lasst uns nicht wegen ein paar schlechter Resultate alle unsere Überzeugungen über Bord werfen! Wir alle befinden uns in einer Situation, die wegen der WM nicht so positiv ist, wie wir es gerne hätten. Daran können wir nichts ändern. Lasst uns weiterarbeiten.» Basel wird der erste Prüfstein sein.

Dominic Fifield Der Autor begleitet das englische Nationalteam für die Tageszeitung «The Guardian».