Liebes Rio, bald ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Wir haben uns jetzt fast drei Wochen lang täglich gesehen und viel miteinander erlebt. Ich habe Deine wunderschönen Strände angehimmelt. Ich habe Deine Lage bewundert – eingeklemmt zwischen bewaldeten Hügeln und dem glitzernden Meer. Du warst für mich eine permanente Versuchung. Allein – es reichte nicht, dass wir eine tiefere Beziehung aufbauen konnten.

Wenn ich am Dienstag das Flugzeug besteige und Dich Richtung Heimat verlassen werde, dann bleibst Du in meinen Erinnerungen eine flüchtige Bekanntschaft. Ich hatte leider nie die Zeit und die Musse, dich näher kennen zu lernen. Die grosse Jesus-Statue hab ich nur von weitem gesehen. Den Zuckerhut ebenso. Alles war so nah und doch so fern.

Ich verbrachte Stunden im Stau. Wenn ich im Bett die Augen schliesse, leuchten noch jetzt die roten Linien auf Google-Maps auf, die das alltägliche Verkehrschaos auf dem Smartphone signalisieren. Ich verbrachte Stunden in klimatisierten Hallen. Es hat lange gedauert, bis sich mein Körper geschlagen gegeben hat. Aber jetzt, nach knapp dreiwöchigem Pendeln zwischen tropischer Hitze (ja, der Winter hier kann verdammt heiss sein) und den medialen Kühlschränken, habe ich kapitulieren müssen.

Und letztlich habe ich mich schwergetan, Dich wirklich liebzugewinnen, weil Du eine Stadt voller brutaler Gegensätze bist. Hier das mondäne Olympia-Viertel Barra mit seinen Hochhäusern. Dort die Überreste der Favela Vila Autodromo, welche zugunsten des grossen Busparkplatzes (!) neben dem Olympia-Park abgerissen wurde. Hier das spektakuläre Feuerwerk bei der Eröffnungsfeier. Dort in Sichtweite unzählige Armenquartiere, die oft ihrem eigenen Schicksal überlassen werden. Ich habe es nie geschafft, diesen Kontrast auszublenden, sorry.

Vielleicht kehre ich irgendwann unter anderen Umständen noch einmal zurück zu Dir. Vielleicht schaffst Du es dann, mein Herz zu erobern. Eine zweite Chance verdient hättest Du allemal. Machs gut, Rio. Auf ein andermal!

* Pão de Açúcar heisst Rios Zuckerhut auf Portugiesisch.

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Grafik: Elia Diehl

Cartodb: Olympische Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro