Das Ende der Träume: Chinas Fussball steht vor einer schweren Zukunft

Zum Start der «Chinese Super League» liegt der Fussballsport in der Volksrepublik brach - sportlich und ökonomisch. Dabei hatte Generalsekretär Xi Jinping, selbst ein leidenschaftlicher Fan des runden Leders, doch sehr grosse Pläne.

Fabian Kretschmer, Schanghai
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Fussballnachhilfe für China: David Beckham war 2013 auf einer einwöchigen Tour in China, um Werbung für Fussball zu machen. Gefruchtet hat es wenig.

Fussballnachhilfe für China: David Beckham war 2013 auf einer einwöchigen Tour in China, um Werbung für Fussball zu machen. Gefruchtet hat es wenig.

AP/CHINATOPIX

Nach dem überraschenden 4:0 liegen sich die in grün-weiss gekleideten Fans jubelnd in den Armen. Im «Haxnbauer» in Schanghai, einem Wirtshaus mit Hirschgeweih-Deko, Maßkrügen und Kellnerinnen in Dirndl, haben sich an diesem Samstagabend dutzende Fussballenthusiasten zum «Public Viewing» getroffen. Doch auf der Leinwand läuft keineswegs die heimische «Chinese Super League» (CSL), sondern Ballsport aus dem Westen: Borussia Mönchengladbach gegen Eintracht Frankfurt.

Auch der 21-jährige Lu kann sich ausschliesslich für die deutsche Bundesliga und die spanische «La Liga» begeistern. Chinesischer Fussball sei eben alles andere als cool, sagt der hagere Wirtschaftsstudent mit der randlosen Brille:

«Die Mädchen stehen eher auf die grossgewachsenen Basketballer, chinesische Fussballer sind nicht so beliebt. Und auch meine Verwandten können nicht so recht verstehen, dass man über Stunde lang ein Fussballspiel schaut, bei dem oftmals kein einziges Tor fällt».

Wenn am Dienstag die neue Saison der CSL beginnt, hält sich die Euphorie merklich in Grenzen. Der heimische Ballsport liegt wirtschaftlich und sportlich brach, der Traum von der grossen Fussballnation ist längst ausgeträumt. Wie zum Sinnbild für den tragischen Status Quo muss die CSL ohne den letztjährigen Champion auskommen: Der Jiangsu FC aus Nanjing wurde aufgelöst, nachdem sich der Sponsor zurückgezogen hat. Rund ein dutzend weiterer Vereine aus den oberen drei Ligen sind in der letzten Saison ebenfalls pleite gegangen – immerhin weniger als noch 2019.

Talente wären da - Fussball ist aber ein Verlustgeschäft

«Keiner von denen macht Geld. Das rächt sich natürlich irgendwann», sagt ein deutscher Sportfunktionär, der in China einen Jugendverein leitet. Sportlich kickten die Chinesen ferner liefen, weit abgeschlagen hinter den benachbarten Fussballligen in Südkorea und Japan. «Dabei hast du unter den 12-Jährigen genauso viele Talente in China wie etwa auch in Deutschland», sagt der Sportfunktionär, der anonym bleiben will. Dann jedoch setze der akademische Druck ein: Im hochkompetitiven Bildungssystem erlauben nur die wenigsten Eltern ihren Sprösslingen, eine Fussballerlaufbahn zu verfolgen.

Die Pläne des Generalsekretärs

Dabei hatte Generalsekretär Xi Jinping, selbst ein leidenschaftlicher Fan des runden Leders, noch 2015 das Grossprojekt Fußballmacht zur Chefsache erklärt. Bis spätestens 2050 werde man innerhalb der Weltspitze mitmischen können, hiess es. Doch nun, sechs Jahre später, ist das Reich der Mitte von jener Vision weiter entfernt denn je.

Zwar haben dutzende Unternehmen, vorwiegend aus der Immobilienbranche, mit stolzen Geldsummen Vereine aufgekauft. Doch dabei hatten die meisten von ihnen weder eine langfristige Strategie noch Ahnung von Sport-Management. Stattdessen ging es vor allem darum, den politisch verordneten Willen durch vorauseilenden Gehorsam zu erfüllen. Der Eintritt in die chinesische Fussballliga, so lautete das Kalkül, würde Gefälligkeiten und Netzwerke unter den führenden Parteikadern erkaufen.

Gehaltsobergrenze lässt die Anziehungskraft verblassen

Dutzende «Fussball-Expats» aus Südamerika und Europa wurden jedoch durch die absurd hohen Löhne angelockt, die Brasilianer Hulk und Oscar zählten zu den prominentesten von ihnen. Doch eine mittlerweile vom Staat herausgegebene Gehaltsobergrenze für ausländische Spieler von maximal drei Millionen Euro pro Jahr hat die internationale Anziehungskraft der CSL deutlich verblassen lassen.

Doch zumindest vorübergehend kreierte die Investitionswut der Chinesen einen regelrechten Hype. Dutzende ausländische Vereine – vom FC Bayern bis zu Manchester United – haben sich mit Büro-Zweigstellen in der Volksrepublik niedergelassen. Man möchte Merchandise verkaufen, durch Jugendarbeit Einnahmen kreieren und irgendwann einmal einen chinesischen Spieler heranzüchten.

Markt von 1,4 Milliarden potenziellen Konsumenten

In der Branche spricht man vom sogenannten «Yao Ming Effekt»: Als der 2,29 Meter grosse Basketball-Spieler Yao Ming Ende der 90er Jahre in die NBA wechselte, sorgte dies für eine Goldgräberstimmung sondergleichen: Die Fernsehrechte schossen in die Höhe, Trikot-Verkäufe gingen durch die Decke und die Jugend begeisterte sich plötzlich für Basketball. China ist immerhin ein Markt von 1,4 Milliarden potenziellen Konsumenten.

Als es beim Fussball verheissungsvoll aussah, wurde Peter Stebbings 2017 nach China entsandt. Der einzige akkreditierte Sportjournalist berichtet für die Nachrichtenagentur AFP über den Fussballsport in der Volksrepublik. Im 26. Stock einer Anwaltskanzlei zieht der Brite bei einem "After-Work-Event" ein durchwachsenes Fazit:

«Als ich vor vier Jahren hier ankam, dachten die Leute noch, die chinesische Liga sei eine Bedrohung für die Premier League. Mittlerweile frage ich mich manchmal: Worüber schreibe ich hier überhaupt noch?»

Und dennoch, sagt Stebbings, solle man nicht zu kritisch mit den chinesischen Fussballambitionen ins Gericht gehen. Noch stünde am Anfang, der Aufbau von nachhaltigen Strukturen brauche einen langen Atem. Frühestens in 20 Jahren werde man wohl nennenswerte Resultate erzielen können.

Immerhin ein Hoffnungsschimmer

Bis dahin jedoch wird das Interesse der Jugend wohl weiter abflachen. „Für meine Eltern war das Schauen von chinesischen Fussballspielen noch ein willkommener Zeitvertreib nach einer anstrengenden Arbeitswoche“, sagt der 32-jährige Angestellte eines Pharmaunternehmens in Shanghai. Doch er selbst sei über die Europa- und Weltmeisterschaften zum Fussball gekommen, den Zustand der heimischen Liga hält er für hoffnungslos:

«Es gibt ein gängiges Sprichwort: Fussball ist Fussball, aber chinesischer Fussball ist etwas ganz anderes.»

Einen Hoffnungsschimmer gibt es jedoch sehr wohl: Die Frauen-Nationalmannschaft hat sich jüngst nach einer vielversprechenden Leistung auf dem Platz für die Sommerolympiade in Tokio qualifiziert.

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