Swiss Indoors
Das Denkmal ohne Denkmal - Federer bleibt in seiner Heimatstadt unsichtbar

Roger Federer ist momentan der grösste Schweizer Tennisspieler. Er gewinnt unzählige Titel und schreibt ständig Tennisgeschichte, aber trotzdem bleibt der 36-jährige in seiner Heimatstadt Basel unsichtbar.

Simon Häring
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Die St. Jakobs-Halle ist einziger Schauplatz der Federer-Festspiele in Basel.

Die St. Jakobs-Halle ist einziger Schauplatz der Federer-Festspiele in Basel.

Keystone

«Meine Damen und Herren, begrüssen Sie mit mir den erfolgreichsten Tennisspieler aller Zeiten: Er ist 6-facher Weltmeister, 19-facher Grand-Slam-Sieger und 4-facher Weltsportler des Jahres. Die Grössten aller Zeiten halten ihn für den Grössten aller Zeiten. Willkommen zu Hause, willkommen in der St. Jakobs-Halle: Rooooger Feeederer.»

Mit Worten wie diesen heisst Stadionsprecher Christoph Schwegler (71) heute den berühmtesten Sohn der Stadt zu seinem Spiel in der St. Jakobs-Halle gegen den Amerikaner Frances Tiafoe (19, ATP 76) willkommen. Tausende dokumentieren diesen Augenblick mit ihren Handys. Es ist der Auftakt zu den Federer-Festspielen. Doch was sich in dieser Woche in Basel abspielt, ist der Ausnahmezustand. Eine Inszenierung, wie sie sich überall auf der Welt abspielt, wenn der Baselbieter auftaucht.

In der Startrunde der Swiss Indoors fordert Frances Tiafoe (links) Roger Federer

In der Startrunde der Swiss Indoors fordert Frances Tiafoe (links) Roger Federer

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Und sonst? Gibt es kaum einen Hinweis darauf, dass hier der erfolgreichste Tennisspieler der Geschichte aufgewachsen ist. Eine Statue? Fehlanzeige. Ein Trämli mit seinem Konterfei? Fehlanzeige. Eine Strasse, die nach ihm benannt wäre? Fehlanzeige. Einsame Reminiszenz ist eine Messingplatte am Spalenberg, die ihn als «Ehrespalebärglemer 2008» ehrt. Einmal immerhin gab es einen Empfang auf dem Marktplatz.

Das ist allerdings schon neun Jahre her,und war auch nicht ausschliesslich Roger Federer gewidmet. Damals winkten mit seinem Doppel-Partner Stan Wawrinka und Fabian Cancellara alle Schweizer Olympia-Sieger von Peking 2008 den 3000 Zuschauern vom Balkon des Rathauses zu. Im Jahr zuvor machte die Post eine Ausnahme und druckte eine Briefmarke mit Federers Konterfei.

Basel will lieber noch warten

Dafür gibt es gute Gründe, der wichtigste: Federer selbst. Zwar ist in seinem Heimatverein, dem TC Old Boys Basel, der Hauptplatz nach ihm benannt. Weitere Devotionalien sucht man vergeblich. Madeleine Bärlocher, dort seine erste Trainerin, sagt: «Rogi will das nicht. Die Federers wollen keinen Personenkult. Sie waren immer einfache Leute und sind es bis heute geblieben.» Ein anderer Grund ist die Stadt Basel.

Dort ist es Usus, dass Strassen und Plätze nur postum nach Persönlichkeiten benannt werden. Eine Ausnahme sei denkbar, aber erst nach dem Rücktritt, wie die Regierung ausrichtet. So bleibt es bei herzlichen, aber doch formalen Gratulationsschreiben wie nach dem achten Wimbledon-Sieg.

Das Hologramm Gespielt hat Roger Federer in Newport auf Rhode Island nie. Dafür begrüsst ein Hologramm des Schweizers die Besucher der International Tennis Hall of Fame. «Es war eine Ehre, Modell zu stehen», sagte er bei der Lancierung vor zwei Jahren.
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Roger-Federer-Allee Neun mal holte Federer auf dem Rasen von Halle den Titel. Nirgendwo sonst war er erfolgreicher. Vor fünf Jahren wird auf der Anlage eine Allee nach ihm benannt. Federer: «Die Deutschen waren den Schweizern da einen Schritt voraus.»
Schweizer des Jahres 2003 wird Federers Name als Schweizer des Jahres auf der Ehrentafel auf der Älggi-Alp, dem geografischen Mittelpunkt der Schweiz, verewigt. Federer: «Ich bin 22 und mache Sport. Es ist unglaublich, dass die Leute mich gewählt haben.»
Roger-Federer-Allee Die Strasse, die in Biel zum Leistungszentrum von Swiss Tennis führt, wird nach Federer benannt. Bei den Feierlichkeiten fliessen Tränen: «Hier wuchs ich wie ein normaler Teenager auf. Die Talente sollen den gleichen Traum leben dürfen.»
Walk of Fame Nachdem Kaffeehersteller Jura ein Poster an der Fassade im solothurnischen Niederbuchsiten hatte entfernen müssen, ehrt ihn der Sponsor seit zwei Jahren mit einem «Walk of Fame». Ausgestellt sind dort Bilder, Pokale oder CDs.

Das Hologramm Gespielt hat Roger Federer in Newport auf Rhode Island nie. Dafür begrüsst ein Hologramm des Schweizers die Besucher der International Tennis Hall of Fame. «Es war eine Ehre, Modell zu stehen», sagte er bei der Lancierung vor zwei Jahren.

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Nun ist es nicht so, dass auf Federer das Bonmot zutrifft, wonach der Prophet im eigenen Lande nichts wert ist, nur in Basel finden sich kaum Spuren. Wer nach diesen sucht, wird anderswo fündig. Beispielsweise in Biel, wo die Zufahrtsstrasse zum Leistungszentrum von Swiss Tennis im letzten Jahr vom Namensgeber selber auf Roger-Federer-Allee getauft wurde.

Seit 2003 ist sein Name als «Schweizer des Jahres» auf dem Gedenkfelsen auf der Älggi-Alp verewigt, dem geografischen Mittelpunkt der Schweiz. Am meisten Aufsehen erregt der Sohn Basels aber ausgerechnet in Zürich. Am Flughafen, den jedes Jahr 27 Millionen Reisende passieren, begrüsst er Ankommende in Lebensgrösse und fordert sie zum gemeinsamen Selfie auf.

Fassaden-Federer sorgt für Unfälle

Wie üblich in solchen Fällen steht einer der zahlreichen Sponsoren hinter dieser Aktion, bei Selfie-Federer ist es die Credit Suisse. Eine Zeit lang lachte Federer die Autofahrer auf der A1 von Bern Richtung Basel von der Fassade des Sponsors Jura an. Doch, kein Witz, nach nur wenigen Monaten musste das 100 000 Franken teure Plakat im solothurnischen Niederbuchsiten auf Geheiss des Bundesamts für Strassen entfernt werden.

Der übergrosse Federer erhöhe die Unfallgefahr. «Wir haben auf dieser Strecke sowieso sehr viele Auffahrunfälle, vor allem am Freitagabend», sagte der damalige Sprecher, Thomas Rohrbach. Roger Federer musste weichen. Vor zwei Jahren eröffnete Jura dann einen «Walk of Fame».

Roger Federer bleibt in Basel irgendwie unsichtbar

Roger Federer bleibt in Basel irgendwie unsichtbar

KEYSTONE/AP/ANDY WONG

Vorstösse, die St. Jakobs-Halle nach ihm zu benennen, scheiterten immer wieder – der letzte, jener des grünliberalen Baselbieter Landrats Hans Furer, vor fünf Jahren. Anfang Jahr war es für kurze Zeit dann doch so weit, als die Bezeichnung der St. Jakobs-Halle auf Apple Maps mit Roger-Federer-Arena ergänzt wurde. Inzwischen ist der Eintrag aber wieder verschwunden.

Das ist gut und recht, verglichen damit, was im Ausland aufgeführt wird, aber immer noch überschaubar. Als der Saisonfinal der acht Jahresbesten noch in Schanghai stattfand, meisselte die britische Künstlerin Laury Dizengremel einen Terrakotta-Federer. In der Tennis Hall of Fame in Newport zelebriert die digitalisierte Version Paradeschläge und erklärt den Besuchern Federers Liebe zum Tennis. Und in Basel? Dort ist das Denkmal ohne Denkmal heute wieder in Fleisch und Blut dabei zu bestaunen, wie es die Geschichte seines Sports neu schreibt. Geht es nach Roger Federer, dürfte das noch ein paar Jahre so bleiben. Der Moment, bis er in Stein gemeisselt wird, kann warten.