Hintergrund

Darum ist die Bedeutung der Konditionstrainer im Fussball mittlerweile so hoch

So wirds gemacht: Werner Leuthard, Leiter Fitness beim FC Basel, zeigt Captain Matias Delgado, wie er sich dehnen muss.

So wirds gemacht: Werner Leuthard, Leiter Fitness beim FC Basel, zeigt Captain Matias Delgado, wie er sich dehnen muss.

Konditionstrainer werden im Fussball immer wichtiger – sie haben sogar Einfluss auf die Lizenzvergabe. Ein Einblick in die Tätigkeit eines Konditionstrainers.

Wer sich in jüngster Vergangenheit ein Fussballspiel angeschaut hat, der hat sich vielleicht gewundert: Warum zum Teufel tragen die Spieler BHs? Natürlich haben die Überzieher bei den Fussballern nicht den gleichen Zweck wie beim weiblichen Geschlecht. Die «GPS-BHs» liefern Daten über Laufdistanz, Bewegungsverhalten und Puls der Fussballer. Getragen werden sie im Spiel und im Training – und manchmal sogar nachts im Bett.

Zusammen mit Tracking-Gurten oder Wärmekameras sind die «GPS-BHs» das neuste Spielzeug einer Berufsgattung, die zu Beginn des Jahrtausends in die Betreuerstäbe der Fussballklubs stiess und deren Bedeutung sich seither massiv gesteigert hat. Heute kann man getrost festhalten: Der Part der Konditionstrainer ist (mindestens) genauso wichtig wie jener des Assistenztrainers – zum Teil noch wichtiger. Klubs mit dem nötigen Kleingeld leisten sich neben dem Konditions- auch einen Fitness- und Athletiktrainer. So hat der FC Basel nach der Verletzungsmisere der vergangenen Saison reagiert und mit Werner Leuthard eine Fitness-Koryphäe verpflichtet: Leuthard entscheidet, wann ein verletzter Spieler ins Teamtraining zurückkehrt oder wann ein Spieler die Intensität senken muss.

Konditionstraining – was früher simpler Waldlauf war, ist heute unterteilt in unzählige Teilbereiche: Stabilität, Explosivität, Schnelligkeit, Sprungkraft, Prävention – für alles gibt es spezielle Übungen. Die Bedeutung der Konditionstrainer ist mittlerweile so hoch, dass die Lizenzvergabe an sie gebunden ist: Alle Vereine der Super League, Challenge League und Promotion League müssen einen Konditionstrainer anstellen. Dafür, dass besonders clevere Vereine nicht den Stadionspeaker pro forma zum Konditionstrainer befördern, sorgen von der Swiss Football League (SFL) eigens einberufene Experten: Pflicht ist das Konditionstrainer-Diplom des Schweizer Fussballverbands (SFV) oder eine gleichwertige Ausbildung.
Die Super-League-Vereine stellen aus dem Interesse der Wettbewerbsfähigkeit sowieso einen Konditionstrainer an. Hingegen ist es für einige Klubs der unteren Ligen ein notwendiges und teures Übel. Immerhin: Die SFL hilft. Zur Unterstützung erhält jeder Klub pro Saison 10 000 Franken, wenn der Konditionstrainer die nötigen Diplome hat und vollamtlich angestellt ist.

Mit Ball statt im Wald
Die gesteigerte Bedeutung der Physis hat ihre Berechtigung: Vergleicht man den Fussballer der 80er-Jahre mit dem Fussball von heute, wird klar, dass die Spieler von damals nicht Athleten im heutigen Sinne waren. Der moderne Fussballer ist ausdauernder, agiler, stärker und schneller. Trotz dieser offensichtlichen Veränderungen hat es gedauert, bis die neuen Trainingsmethoden in Europa salonfähig wurden: Vorreiter war Jürgen Klinsmann. Als er 2004 die deutsche Nationalmannschaft übernahm, importierte er aus seiner Wahlheimat USA einen Athletiktrainer, einen Videoanalysten und einen Ernährungsberater. In den grossen amerikanischen Sportarten wie Basketball und Football waren spezifische Trainings da längst Normalität. Mittlerweile sind sie es auch im Fussball. Die Bedeutung der Spezialisten zeigt diese Episode: Liverpool-Coach Jürgen Klopp lotste den Fitnesstrainer und die Ernährungsberaterin von Bayern München auf die Insel, was Pep Guardiola gar nicht schmeckte. Der Spanier hätte das Duo gerne zu Manchester City mitgenommen.

Einer, der vom Fitnessboom im Fussball direkt profitiert, ist Oliver Riedwyl. Er ist seit 2014 Konditionstrainer der Schweizer Fussballnationalmannschaft und sagt: «Die Physis ist genauso wichtig wie Technik und Taktik.» Eine Weisheit, der sich alle Jungtrainer bewusst seien. Die ältere Gilde aber habe, so Riedwyl, immer noch Mühe, die Konditionstrainer als entscheidendes Element ihrer Arbeit zu akzeptieren. «Es gibt leider noch zu viele Trainer, die nach altem Schema funktionieren.»

Die Arbeit geht noch lange nicht aus
Dabei hat das Konditionstraining an Attraktivität gewonnen: Stand früher das monotone Laufen bei den Spielern so hoch im Kurs wie für pubertierende Teenager der Familienspaziergang, ist das heute anders. Grund: Die Übungen werden getarnt mit Balltraining. Oftmals merken die Spieler gar nicht, dass sie etwa gerade an ihrer Antrittsschnelligkeit feilen. Eine Folge dessen, dass viele Konditionstrainer einst selber Fussball gespielt haben. Wie Riedwyl, der in der 1. Liga für Grenchen, Solothurn und Breitenrain stürmte.
Entscheidend geprägt wird die Arbeit der Konditionstrainer von der Technik. Sie macht die Fussballer gläsern: Jeder Muskel, jede Bewegung, jeder Herzschlag wird überwacht. Der Fussballromantiker fragt zu Recht: Sollte nicht die Freude im Vordergrund stehen? Riedwyl sagt: «Die Frage ist berechtigt. Irgendwann ist die Technik so weit, dass man alles überwachen kann.» Und wo sind die Grenzen? «Die Distanz, die ein Feldspieler heutzutage in einem Spiel läuft, rund zwölf Kilometer, wird sich nicht mehr gross verändern. Doch in puncto Intensität ist das Aufholpotenzial noch gross: Der Fussball wird noch schneller, explosiver und härter.» Die Arbeit wird den Konditionstrainern noch lange nicht ausgehen.

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