Ein Blick über London nach Silvester, eine Stadt im Katerzustand. Bedeckter Himmel, leere Strassen. Im Norden der britischen Metropole thront er auf einer Anhöhe, der imposante Alexandra Palace. Auf der Rückseite viktorianische Fassaden, Baujahr 1873, gedacht als Freizeit- und Erholungsraum für die Bevölkerung. «The People’s Palace» eben. Diesen Auftrag erfüllt der «Ally Pally» in diesen Tagen besonders, wobei die Freizeit dominiert – und nicht die Erholung.

Denn im Bauch dieses Bauwerks stösst man auf eine Welt, in der fliegende Pfeile noch akzeptiert sind. Sie gar so sehr geliebt werden, dass man im Viertelstundentakt aufsteht und sie lauthals ehrt. «Steht auf, wenn ihr die Darts liebt», lautet die Parole. Herzlich willkommen an der Darts-WM.

Verkleidungen aller Art 

Ob Papst, Superman oder Barack Obama: Alle lieben diese Pfeile. Oder zumindest jene, die mit viel Aufwand und Fantasie diesen Charakteren nacheifern. Denn hinter den Masken verbergen sich Menschen wie Bob, 45-jährig und seit zwei Jahrzehnten Busfahrer, heute Superman. Oder Mike, 50-jährig, stellt unter der Woche Klodeckel her, heute Papst. Der Dartssport fusst auf ihnen, den Pub-Gängern, dem einfachen Volk. Auch darum ist die Darts-WM als das bekannt, was sie seit Jahren ist: eine einzige grosse Party.

Die Arbeiterklasse zelebriert sich selber. Sie macht den Grossteil des in der Halle anwesenden Publikums aus. Die Tische, um die sie sich suhlen, werden Session für Session auf deren Beständigkeit geprüft. Vor allem dann, wenn die drei Pfeile unter der 20 im acht Millimeter schmalen Triple-Feld landen. 180, das Punktemaximum, der Mob rastet aus. Die Stuhlbeine wackeln längst.

Eine Tribüne umgibt das Fussvolk. Auch an erhöhter Lage wird an Kostümauslagen nicht gespart. Auch da wird gesungen. Auch da wird gefeiert. Nur zahlen die Zuschauer dort halt ein wenig mehr für ihren Eintritt. Das führt zu Gesangschören von provozierendem Charakter. Noch bleibt es ruhig.

Ohne Gewalt geht es auch an der Darts-WM leider nicht 

«Warten Sie nur», warnt uns einer von der Security. Die Schlägereien hätten sich in den letzten Tagen gehäuft. «Sogar Stühle flogen.» Auch darum sind alleine 150 Sicherheitsleute in der Halle. «Damit man im Fernsehen ja nichts sieht.» Handgreiflich würden die Fans meist erst nach den Sessions. Dann, wenn nur noch der Alkohol regiert. 6000 Liter werden in einer Session getrunken, das sind durchschnittlich zwei Liter pro Zuschauer. Als während eines Unterbruchs ein Fan die Tribüne mit einem Becher Wasser erklimmt, wird er lauthals ausgelacht. Ein erstes Vorurteil bestätigt sich: Alkohol ist Trumpf. Auch darum steht im Leitfaden für die Medien, dass Journalisten nicht gerne betrunken gesehen würden.

Unser Besuch klärt aber auch auf: Nein, die Pfeil-Werfer sind auf der Bühne nicht beschwipst, Alkoholkonsum ist ihnen strengstens untersagt. Nein, nicht alle Darts-Spieler sind dick. Wer bereits die erste Runde verfolgt, sieht, dass einige sogar ganz gut in Form sind. Und nein, man kann ihnen nicht absprechen, Sportler zu sein.
Unter welch ohrenbetäubendem Lärm die Protagonisten ihre Präzisionskünste vortragen, ist beeindruckend. Ihre Skores berechnen die vifen Cracks im Eilzugstempo – ohne technische Hilfsmittel. Auch mental bewegen sich Darts-Spieler in anderen Sphären. Dass sich der Dartssport in den letzten Jahren in den Kreis der grössten Indoorsportarten Englands gemausert hat, ist kein Zufall.

Eine Symbiose aus Karneval und Oktoberfest

Die Sportart ist zugänglich, jeder hat schon einmal Pfeile geworfen – und realisiert wie willkürlich seine Geschosse in der Scheibe stecken. Darts-Profis trainieren jeden Tag mindestens sechs Stunden. Es ist ein Aufwand, der sich mittlerweile lohnen kann. An der Darts-WM werden Preisgelder im Gesamtwert von 1,5 Millionen Pfund verteilt. Chancen auf die 300 000 Pfund, die der Weltmeister erhält, haben am Freitag noch acht Spieler. Es ist Viertelfinal-Tag. Die Halle ist abermals ausverkauft, 3000 Fans sind da. Die Atmosphäre erinnert an eine Symbiose aus Karneval und Oktoberfest. Das Schamgefühl scheint nicht zu existieren.

Spätestens jetzt wird die Genialität von Barry Hearn, Vermarkter der Darts-WM ersichtlich. Aus einem einfachen Spiel macht er einen Event, ein Erlebnis. Lichtshow, Nebelmaschine, motivierende Synthesizer-Musik. Jeder Darts-Spieler wird mit seinem Palmarès und Übernamen begrüsst, dazu betritt jeder Crack die Bühne einzeln – begleitet von langbeinigen Blondinen und aufbrausendem Einmarschsong. Diese Walk-Ons geniessen längst Kultstatus.

Ebenso die Stimme von Caller Russ Bray. Wenn der 58-jährige Schiedsrichter mit seiner dauerhaft heiseren Stimme bei einem Punktemaximum die Aussprache der «One hundred and eighty» so richtig ausdehnt, flippt die Szene aus. Dass ein Spieler brilliert, sieht man übrigens nur auf den immensen Leinwänden. Auf die Dartsscheibe schaut niemand, viel zu weit entfernt.

Man kann sich mit den Darts-Spielern identifizieren

Kurze Werbeunterbrechung. Die Maskierten eilen ins «Fan Village», eine überdimensionale Halle mit Essenständen, Bars und Wettbüro, wo jeder Fünfte eine Wette abschliesst. Nur die Schnellsten erleben den ersten Dart nach der Pause wieder in der Halle. Der endlos klebrige Boden bremst zusätzlich.

Hinter dem Dartssport versteckt sich aber auch der ganz grosse Kitsch: Tellerwäscher-Storys wie jene von Phil Taylor, dem 16-fachen Weltmeister. Bevor sich der 55-Jährige zum Millionär warf, stellte er Toilettenpapier-Halter her. Er war einer wie Superman Bob. Oder die Mobbingvorfälle um Michael van Gerwen, die sich erst einstellten, als der Holländer anfing, Pfeile zu werfen. Die Mehrheit kann sich mit den tätowierten Pub-Charakteren identifizieren. Es ist auch darum bezeichnend, dass im britischen Blätterwald nur der Boulevard ausgiebig über die WM berichtet. Er könnte ja groteske Züge annehmen, dieser Aufstand der Arbeiterklasse.