Ski nordisch
Dario Cologna vor dem WM-Start: «Ich fühle mich noch nicht in der Phase, in der ich ans Aufhören denke»

Der erfolgreichste Schweizer Langläufer über seine WM-Ziele, die Gemeinsamkeiten mit Federer und die Doping-Diskussionen.

Rainer Sommerhalder
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Dario Cologna: «Roger Federer ist das beste Beispiel, dass auch die Wiederholung eines Erfolgs Freude bereiten kann.»

Dario Cologna: «Roger Federer ist das beste Beispiel, dass auch die Wiederholung eines Erfolgs Freude bereiten kann.»

Keystone

Dario Cologna, wie definieren Sie Glück?

Dario Cologna: (lacht) Eine ziemlich schwierige erste Frage. Geht das so weiter? Glück? Wenn es mir gut geht, ich gesund bin und das tun kann, was ich am liebsten mache. Auch ein gutes Umfeld gehört dazu. Glück ist, wenn alles passt im Leben.

Wann erleben Sie im Sport Glücksgefühle?

Vor allem im Wettkampf, wenn ich Rennen gewinne. Und alles aufgeht, was ich mir vorgenommen habe.

Was befriedigt denn mehr: die perfekte Leistung oder ein guter Rang?

Eine perfekte Leistung sollte auch in der Rangliste möglichst weit nach vorne reichen.Wenn ich im Ziel Zehnter bin, habe ich nicht das Gefühl, dass es eine perfekte Leistung war. Wenn ich ein Rennen gewinne, habe ich sicher vieles richtig gemacht. Am Schluss ist es das Resultat, das glücklich macht.

Colognas fünfte WM-Teilnahme

Dario Cologna nimmt nächste Woche in Lahti zum fünften Mal an Weltmeisterschaften teil. Seine bisherige Ausbeute: 1-mal Gold, 2-mal Silber. Noch besser liest sich der Palmarès des erfolgreichsten Schweizer Langläufers der Geschichte bei Olympischen Spielen mit 3-mal Gold. Welch kompletter Athlet der Bündner aus dem Val Müstair ist, zeigen die fünf Gesamtweltcup-Siege und die drei Erfolge an der Tour de Ski. Am 11. März wird Dario Cologna 31 Jahre alt. (rs)

Sie haben mit Ihren Leistungen die Messlatte hoch angesetzt. Viele verlangen von Dario Cologna Siege und Titel. Stört Sie diese Erwartungshaltung?

Nein, sie stört mich nicht. Ich habe mich daran gewöhnt und die hohe Messlatte gilt auch für meine eigenen Ansprüche. Im Sport ist es so, dass man am Erfolg gemessenwird. Wichtig ist mir, dass man meine Leistungen richtig einschätzt. Auch ein dritter Rang kann ein sehr gutes Resultat sein.

Ihre eigene Messlatte beginnt beim Podium?

Klar kann dieser Anspruch nicht bei jedem Rennen da sein. Aber bei jenen Rennen, auf die ich setze, ist das Podium das Ziel.

Gilt dies auch für die WM?

Seit 2008 konnte ich jedes Jahr grosse Erfolge feiern. Auch in Lahti geht es für michum Medaillen. Ich denke, das ist ein realistisches Ziel. Klar wird es nicht einfach und alles muss am Tag X zusammenpassen. Ist dies der Fall, bin ich in der Lage, um die Medaillen zu kämpfen.

Was in dieser Saison fehlt, sind Siege!

Die kommen noch.

Sie sind dreifacher Olympiasieger und «nur» einfacher Weltmeister. Ist ein WM-Titel schwieriger zu erreichen als ein Olympiasieg?

Ich glaube nicht. Bei Olympia hat es bisher einfach immer sehr gut gepasst. Ich hoffe natürlich, dass ich diesbezüglich in Lahti aufholen kann. Es ist mein grosses Saisonziel und ich arbeite daran, dass an der WM alles optimal aufgeht.

So wurde Cologna über 15 km klassisch zum zweiten Mal Olympiasieger:

Dario Cologna wurde 2014 zum zweiten Mal Olympiasieger. Dario Cologna ballt im Ziel die Faust
9 Bilder
Der Sieg bahnt sich an. Dario Cologna schaut sich die scheiternde Konkurrenz an
Dario Cologna ist 30 Sekunden nach Johan Olsson gestartet und überholt den Schweden, der Zweiter wird, auf der Zielgerade!
Dario Cologna ist zum zweiten Mal Olympiasieger: Er gewinnt über 15 km klassisch
Der Bündner deklassiert seine Gegner im frühlingshaften Sotschi
Völlig ausgelaugt lässt sich Cologna im Ziel fallen

Dario Cologna wurde 2014 zum zweiten Mal Olympiasieger. Dario Cologna ballt im Ziel die Faust

Keystone

Roger Federer hat kürzlich gesagt, seine Hauptmotivation sei die Freude am Spiel. Im Langlauf ist die spielerische Komponente überschaubar. Was motiviert Sie?

(lacht) Es ist trotzdem dasselbe, es ist die Freude am Sport. Bei uns ersetzt die Freude an der Bewegung in der Natur das Spiel.

Welche Ziele streben Sie in Ihrer Karriere noch an? Letztlich ist jedes Ziel, das Sie sich setzen können, nicht mehr als eine Wiederholung?

Federer ist das beste Beispiel, dass auch die Wiederholung eines Erfolgs Freude bereiten kann. Er hat fünf Jahre lang keinen Grand Slam mehr gewonnen. Wenn es dannwieder einmal aufgeht, ist es umso schöner und wird vielleicht auch wieder mehr geschätzt. Federers Seriensiege hat man so hingenommen, weil sie der Normalität entsprachen. Beim jüngsten Erfolg war die Euphorie spürbar zurück. Auch ich hatte an der Tour de Ski das Gefühl, mein dritter Platz sei mehr geschätzt worden als in einem früheren Jahr. Für die Zukunft kann ich keine anderen Ziele haben als Olympiasiegeoder Weltmeistertitel. Etwas Grösseres gibt es nicht. Ein grosser Sieg wird mir immer sehr viel bedeuten.

Wie auch Roger Federer nach einem verlorenen Grand-Slam-Final mussten Sie sich nach WM-Silber vor zwei Jahren in Falun die Frage anhören, wieso Sie nicht gewonnen haben!

Ja, das stimmt. Die Reaktionen sind sofort anders, wenn man Zweiter wird. Obwohl esmanchmal nur Details sind, die entscheiden. Ich habe aber kein Problem mit solchen Reaktionen, schliesslich will auch ich selber möglichst weit vorne sein in der Rangliste.

Die gesperrten Russen wollten vor dem internationalen Sportgericht eine Starterlaubnis für die WM erreichen. Wäre eine Teilnahme von Legkow und Co. in Lathi für Sie ein Skandal?

Das kann ich nicht beurteilen, weil ich die Fakten zu wenig kenne. Man hat als Athlet schon bei Sundby oder Johaug wenig erfahren. Das finde ich nicht gut. Man sollte hier transparenter werden. Es ist ein heiklerFall, weil keine positiven Proben vorliegen. Ich weiss nicht genau, auf welcher Basis die FIS die Russen gesperrt hat. Vielleicht hätte man anstelle einzelner Athleten den russischen Verband sperren können. Aber das müssen die Spezialisten beurteilen.

Spricht man mit anderen Athleten über die Dopinganschuldigungen?

Intern schon. Vielleicht auch mit einem Athleten aus einer anderen Nation, den man gut kennt. Aber grundsätzlich ist es derzeit, gerade mit Blick auf Norwegen, ein ziemlich heikles Thema.

Sie waren vor zwei Jahren in Falun WM-Zweiter im Skiathlon hinter dem Russen Maxim Wylegschanin. Vielleicht wird daraus ja noch Gold. Welchen Wert hätte ein solcher Titel?

Das ist reine Spekulation. Es wäre emotional sicher nicht das Gleiche, wie wenn du als Erster über die Ziellinie läufst. Aber ich habe ja bereits einen Gesamtweltcupsieg von Sundby geerbt. Heute sehe ich mich durchaus als Sieger. Wenn man argumentieren würde, ein geerbter WM-Titel zählt nicht gleich viel, dann würde man damit ja sagen: Doping ist in Ordnung!

Spüren Sie, wie der Ruf des Langlaufs durch die Doping-Geschichten leidet?

Natürlich. Wir reden auch jetzt über solche Geschichten. Das ist nicht gut für unseren Sport. Aber gerade bei den Vorfällen von Sotschi sind offensichtlich weite Kreise involviert. Da ist der Langlauf nur ein kleiner Teil davon. Aber natürlich sind gerade die jüngsten Meldungen aus Norwegen, die viele Leute schockiert haben, schlecht für uns.

Zwei der grossen Konkurrenten in IhrerKarriere sind die Norweger Sundby und Northug. Zwei ganz unterschiedliche Typen. Welcher ist Ihnen lieber?

Vielleicht eine Mischung aus beiden? Das ist schwierig zu beantworten. Ich habe es mit beiden gut. Im Wettkampf läuft man halt immer auch gemäss den eigenen Mitteln. Ein starker Läufer wie Sundby läuft taktisch ganz anders als Northug, der die Differenz auf den letzten Metern schaffen kann.

Sie scheint die provokative Art eines Petter Northug im Gegensatz zu einigen seiner anderen Konkurrenten nie gestört zu haben?

Northug hat ja nie etwas Verbotenes getan. Er hat sich ganz einfach auf seine Stärken verlassen. Wenn dich seine Art stört, dann musst du halt etwas dagegen unternehmen. Ich habe oft nicht verstanden, dass man nicht früher im Rennen etwas versucht hat. Man weiss schliesslich genau: Wenn Petter Northug vor dem Schlussspurt noch dabei ist, ist klar, wie die Sache endet.

Was haben Sie dagegen unternommen?

In den grossen Rennen mit Massenstart, die ich gewonnen habe – an der WM 2013 in Val di Fiemme oder bei Olympia 2014 in Sotschi – habe ich mich darauf eingestellt, die Entscheidung zwei, drei Kilometer vor dem Ziel mit einer Temposteigerung zu schaffen. Nur so wird man Northug vielleicht los.

Man nimmt Sie an den Wettkämpfen stets als sehr kontrolliert und korrekt wahr. Man hört aber auch, dass Sie durchaus ein Lausbub sein können. Wann erlebt man den schelmischen Dario Cologna?

Wenn ich mit dem Team unterwegs bin oder mit Kollegen zusammen, fallen zwischendurch schon mal einige Sprüche.

Sie sind im Vergleich zu früher auch gegenüber den Medien deutlich lockerer drauf. Das Alter?

Ich bin vielleicht auch ein wenig vorschnell in den Topf gesteckt worden, ich sei sehr ruhig oder sogar scheu. In bin zwar nicht einer, der in der Öffentlichkeit grosse Sprüche machen muss. Aber ich kann durchaus kontern, wenn es sein muss.

Wie sehen die Pläne für Ihren weiteren Karriereverlauf aus?

Graubünden 2026 ist ja jetzt als Ziel weggefallen (lacht). Ich halte es wie Roger Federer. Solange ich Freude am Sport habe, mache ich weiter. Ich will nicht jedes Jahr auf den möglichen Rücktritt angesprochen werden. Ich fühle mich noch nicht in der Phase, in der ich ans Aufhören denke. Ich habe sicher die Olympischen Spiele 2018 und die WM 2019 in Seefeld im Fokus. Dann bin ich 33 Jahre alt und habe weiterhin alle Optionen.

Beim Rücktritt hat Cologna ähnliche Ansichten wie Landsmann Roger Federer.    

Beim Rücktritt hat Cologna ähnliche Ansichten wie Landsmann Roger Federer.    

EPA

Was bringt Sie auf die Palme?

Unfaire Konkurrenten oder Ungerechtigkeiten kann ich nicht leiden.

Zum Schluss: Sie sind ein grosser Fussballfan und selbst ein begnadeter Fussballer. Was halten Sie von der Weltmeisterschaft mit 48 Mannschaften?

Ich finde es keine sehr gute Idee. Es sollte eine gewisse Challenge bleiben, sich für eine Endrunde zu qualifizieren. Aber bei der Entscheidung ging es wohl leider nicht nur um den Sport.