PRO: «Wir dürfen uns nicht ein zweites Mal lächerlich machen»

Meinung von Sportredaktor Marcel Kuchta: ein grandioses Comeback mit 7 Turniersiegen sowie den Grand- Slam-Titeln 18 und 19: Es gibt zu Roger Federer keine Alternative

In jedem anderen Land der Erde würde man lachen über die Diskussion, die wir im Vorfeld der «Sports Awards» führen. Schon allein der Gedanke, dass Zweifel bestehen an der Wahl von Roger Federer als Schweizer Sportler des Jahres 2017, zeigt mal wieder in aller Deutlichkeit, wie verwöhnt wir Schweizer in der Zwischenzeit geworden sind.

Nur damit man sich die Leistung Federers noch einmal vor Augen halten kann: Der Mann verpasste die zweite Hälfte der Saison 2016, um sein kaputtes Knie auf Vordermann zu bringen. Er kehrt im Januar 2017, nach über sechs Monaten ohne Spielpraxis, wieder auf die ATP-Tour zurück – und gewinnt eben mal ein Grand-Slam-Turnier. Sein 18. Sein erstes nach einer Wartezeit von fast fünf Jahren. Unglaublich! Hühnerhaut. Freudentränen. Emotionen pur!

Und dann geht es im selben Stil weiter. Turniersieg folgt auf Turniersieg. Am Ende des Tennisjahrs stehen sieben Vollerfolge im Palmarès. Und auch noch Grand-Slam-Titel Nummer 19. In Wimbledon feiert er – ohne einen einzigen Satzverlust! – den Turniersieg, den er sich so sehr gewünscht hat. Mit seinem achten Wimbledon-Titel ist er alleiniger Rekord-Titelhalter im wichtigsten und traditionsreichsten Tennisevent der Welt.

Soll Roger Federer Sportler des Jahres werden?

Soll Roger Federer Sportler des Jahres werden?

Aus diesem Holz sind nur die berühmtesten Sportlegenden geschnitzt. Und wir überlegen ernsthaft, ob jemand anders Schweizer Sportler des Jahres werden kann? In allen Ländern dieser Erde würde man einen Sportler dieses Kalibers auf Händen tragen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Sportnation Schweiz darf sich – nach 2005, als Töfflibub Tom Lüthi sensationell vor Federer gewählt wurde – nicht ein zweites Mal der Lächerlichkeit preisgeben. So toll die Leistungen eines Beat Feuz, eines Nino Schurter oder eines Andy Schmid tatsächlich waren: An Roger Federer gibt es nach einem solchen Jahr schlicht und einfach kein Vorbeikommen. Und man kann sich ehrlich gesagt auch nicht vorstellen, dass ein Beat Feuz am Sonntagabend eine allfällige Ehrung mit gutem Gewissen über sich ergehen lassen würde.

Kommt dazu: Allzu viele Gelegenheiten, den Maestro zu ehren, werden wir vermutlich nicht mehr erhalten. Deshalb, liebes TV-Publikum: Sie wissen, was zu tun ist.

KONTRA: «Ein Kandidat der Herzen und des Sinnes für Sport-Romantik»

Meinung von Sportredaktor Klaus Zaugg: Nach Tom Lüthi steht mit Beat Feuz der nächste Emmentaler bereit, um Roger Federer bei der Wahl zum Sportler des Jahres zu übertrumpfen

Ich sage: Abfahrtsweltmeister Beat Feuz ist der wahre «Sportler des Jahres». Ein Kandidat der Herzen und des Sinnes für wahre Sport-Romantik. Nun mag man einwenden, Roger Federer, einer der bekanntesten Schweizer Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, sei zwingend zum «Sportler des Jahres» zu küren. Keiner so berühmt, so reich, so erfolgreich und so proper.

Er ist eine Lichtgestalt, wie sie der Sport noch nie gesehen hat. Im Vergleich zu Roger Federer ist selbst der freundliche Ex-Abfahrtsweltmeister, Ex-TV-Experte und Pistenbauer Bernhard Russi ein verwegener, aufmüpfiger Rock ’n’ Roller und Nonkonformist.

Was aber hat Roger Federer mit wahrer Sportromantik zu tun? Nichts. Er ist einfach zu gut. Zu perfekt. Schier grenzenlos ist auch meine Bewunderung, und ich verneige mich so tief, wie ich es vermag. Aber er ist kein echter Kerl aus dem Volk wie Beat Feuz.

Soll Beat Feuz Sportler des Jahres werden?

Soll Beat Feuz Sportler des Jahres werden?

Und was ist ein wohlbehüteter Tennisspieler, der in kurzen Hosen bei schönem Wetter auf wunderbar gepflegten Plätzen seinem Beruf nachgeht, im Vergleich zu einem verwegenen jungen Mann, der sich todesmutig über steile, verschneite, ja vereiste Berghänge in die Tiefe stürzt und dafür vergleichsweise schäbig entlöhnt wird? Ein – excusez l’expression – Warmduscher.

Die Geschichte des wilden und doch freundlichen jungen Mannes aus dem Schangnau, einem Ort zuhinterst im Emmental, der immer wieder von Sturm, Blitz und Donner heimgesucht wird, ist einfach besser als das Sportmärchen des Musterknaben aus dem milden Baselbiet.

2005 haben wir entgegen aller sporttechnischen Logik den Töffweltmeister Tom Lüthi, einen freundlichen Bub aus dem Emmental, vor Roger Federer zu unserem Sportler des Jahres erkoren. Weil sein gefährliches sportliches Abenteuer die Schweizerinnen und Schweizer stärker berührte als alle Triumphe des Musterknaben aus dem milden Baselbiet, damals Weltsportler des Jahres.

Vor zwölf Jahren haben Herz und Romantik zum letzten Mal bei unserer Sportlerwahl über Verstand, Logik und Geldverehrung gesiegt. Nun ist es wieder einmal Zeit für wahre Sportromantik. Zeit für Beat Feuz, für einen Emmentaler als Sportler des Jahres.