Ironman-Szene

Daniela Ryf über Testosteron, Muskeln und Sexismus – sie sagt: «Es ist total die Zeit der Frauen»

© Jesper Gronnemark/Red Bull Content Pool

Sie dominiert die Ironman-Szene wie keine Frau zuvor. Auf Hawaii gewann die 33-jährige Daniela Ryf von 2015 bis 2018 vier Mal in Folge, zuletzt mit Streckenrekord, obwohl sie vor dem Rennen von einer Qualle verbrannt worden war. Ein Gespräch über Weiblichkeit, Testosteron und Rollenbilder.

Daniela Ryf, Sie gewannen vier Mal in Folge den Ironman auf Hawaii und dominieren die Szene. Welche Vorbilder hatten Sie als Kind?

Daniela Ryf: Mir hat es nie viel gesagt, Sportidole zu haben. Manchmal verstehe ich nicht, weshalb Menschen Sportler als Idole betrachten. Ich habe mehr Inspiration bei Menschen in meinem Umfeld gefunden. Bei meine Mutter zum Beispiel. Sie hat mir dabei geholfen, meine Leidenschaft zu entdecken, dafür bin ich ihr sehr dankbar. Ich bin aber immer meinen eigenen Weg gegangen, ohne Vorbilder. Mich hat es viel mehr motiviert, mich mit Älteren zu messen und dort mitzuhalten. Und damals gab es auch noch keine sozialen Medien, das ist auch nicht immer nur positiv.

Für viele junge Sportlerinnen und Sportler und Frauen sind Sie inzwischen aber ein Vorbild. Wie gehen Sie damit um?

Ich bin mir dieser Verantwortung bewusst und ich nehme das sehr ernst. Wenn ich Jungen helfen und sie inspirieren kann, ist das auch enorm schön. Für mich ist es aber auch eine Belastung, weil viele Menschen denken, Sportidole seien perfekt. Und das stimmt einfach nicht. Klar, ich bin eine Perfektionistin, aber sehr weit von Perfektion entfernt. Jeder Mensch hat seine Makel, sogar Roger Federer, obwohl er nahezu perfekt ist (lacht). Und wenn ich mich so anschaue, muss ich sagen: Ich bin alles andere als perfekt. Und ich möchte das auch nicht verkörpern. Im Gegenteil: Ich sehe darin auch Gefahren.

Welche Gefahren?

Spitzensport ist harte Arbeit und bei weitem nicht so spannend, wie viele denken. Auch Sportler fühlen sich einmal schlecht. Es ist nicht immer alles gut, wie das die sozialen Medien suggerieren. Manchmal kann ein Idol auch zu viel Druck machen für Junge. Viele Menschen denken, alles sei toll, wenn man berühmt wird. Das ist eine Illusion.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Mir hat auf Instagram mal ein junger Bub geschrieben und gefragt, ob ich ihm zurückfolgen könne. Er wolle auch gerne bekannt werden. Dann wird es gefährlich: Wenn die Bekanntheit das Ziel ist und nicht der Wunsch, etwas zu erreichen. Bei Idolen wird mir zu oft nur der Erfolg bewundert, nicht aber der Weg dorthin. Dazu kommt, dass der Sport nicht der Königsweg ist. Andere finden ihre Erfüllung in der Musik, oder machen ein Studium.

Welche Makel haben Sie denn?

Wenn wir damit anfangen, können wir nicht mehr aufhören (lacht). Auf ganz verschiedenen Ebenen. Mein Trainer hat mal gesagt, ich sei die unperfekteste Athletin, die er kenne. Mein Umfeld ist alles andere als auf den Sport ausgerichtet. Und ich fühle mich am wohlsten mit Menschen, die gar keinen Sport machen. Das klingt etwas absurd, gibt mir aber eine gewisse Balance. Alle meine Kolleginnen sind keine Sportler. Oder bezüglich Motivation. Viele denken, ich sei immer motiviert. Aber es gibt viele Tage, an denen ich nicht gut gelaunt bin. Ich bin zum Beispiel kein Morgenmensch. Wenn ich am Morgen trainieren muss, braucht das jeden Tag Überwindung.

Trotzdem leben Sie nach dem immer gleichen Dreiklang: Trainieren, essen, schlafen, trainieren, essen, schlafen. Und seit sie 2018 beim Ironman Hawaii ihren Streckenrekord pulverisiert haben, werden ihre Leistungen an denen der Männer gemessen. Wie gehen Sie damit um?

Wenn ich ehrlich bin, ist mir das ziemlich egal. Für mich ist klar: Ich bin eine Frau und messe mich an Frauen. Mein Ziel ist es nicht, auch noch die Männer zu schlagen. Für mich ist der Vergleich viel zu weit hergeholt, weil wir nicht die gleichen Voraussetzungen haben. Für mich steht im Vordergrund, zu zeigen, dass wir Frauen ein enorm hohes Niveau haben. Das zu vertreten, finde ich schön.

Im extremen Ausdauersport, wie Sie ihn betreiben, ist die Differenz zwischen den Geschlechtern aber weniger ausgeprägt. Es gibt Stimmen, die Ihnen zutrauen, diese Lücke ganz zu schliessen.

Wir haben gezeigt, dass wir den Männern im Ausdauersport relativ nahe kommen können. Das hat auch mit dem Testosteron zu tun, das im Ausdauersport weniger wichtig ist. Ich sehe die Leistungen der Männer aber als Motivation und lasse mich von ihnen inspirieren. Nicht, weil ich sie besiegen will, sondern weil ich es spannend finde, zu sehen, wie sich ihr Niveau entwickelt und ich mir überlegen kann, wie ich besser werde. Einen Jan Frodeno (3-facher Ironman-Hawaii-Sieger) zum Beispiel bewundere ich. Er ist nicht perfekt, aber komplett (lacht). Wenn er einen Halbmarathon in 1:09 Stunden läuft, denke ich mir, dass ich es vielleicht auch unter 1:18 Stunden schaffen kann. Schlagen kann ich ihn nicht, aber mich mit ihm messen schon.

Ihr Trainer Brett Sutton sagt über Sie: «Daniela ist eine Pionierin, der Roger Federer der Triathletinnen, nur dominanter. Man wird das nicht, wenn man eine Pussy ist.» Was halten Sie von solchen Aussagen?

Hat er das wirklich gesagt? (lacht). Ich habe zwei Seiten. Ich bin sehr hart. Aber manchmal bin ich auch ein Weichei. Nur: Wenn es drauf ankommt, dann weiss ich, wie man Gas gibt, und darum geht es auch. Ich würde mich nie mit Roger Federer vergleichen, weil er zu perfekt ist. Davon bin ich weit entfernt. Ich möchte das auch nicht. Federer ist mit dem Tennis auf einem ganz anderen Level als ich. Was ich an ihm bewundere, ist seine lange Karriere. Dass er den Mut hatte, eine Pause zu machen, obwohl alle gedacht haben, dass er nicht mehr zurückkommt. Das bewundere ich mehr als alle seine Siege.

Brett Sutton trainiert Daniela Ryf und Nicola Spirig.

Brett Sutton trainiert Daniela Ryf und Nicola Spirig.

Wie wichtig ist im Triathlon dieses – nennen wir es einmal Macho-Gehabe –, dass man auf keinen Fall seine Schwächen zeigen darf?

Im Rennen ist es sehr wichtig. Da musst du dein Pokerface aufsetzen. Im Tennis wäre das wohl noch krasser. Beim Ironman spielt sich viel im mentalen Bereich ab. Wenn du merkst, dass bei deinen Gegnern die Kräfte schwinden und Mühe im Kopf hat, kannst du jemanden schon nur dadurch schlagen, dass du einen starken Eindruck hast und das ausstrahlst. Macho ist aber vermutlich das falsche Wort, weil: Macho ist meistens vorne viel und hinten nichts (lacht). Das hilft dann nicht viel. Ich lasse lieber die Leistung sprechen.

2015 gewannen Sie den Ironman Hawaii trotz starkem Periodenschmerz. Wären Sie in solchen Momenten nicht manchmal lieber ein Mann?

Nein, auf keinen Fall (lacht). Klar, es gibt diesen einen Tag im Monat, an dem ich so starke Bauchschmerzen habe, dass ich lieber nur im Bett liegen würde und nicht so leistungsfähig bin wie normal. Es gibt Sportlerinnen, die die Periode hormonell steuern, für mich ist das kein Thema, ich habe es versucht. Manchmal ist das halt Pech. Was spannend zu erfahren wäre, ist, wie sich beim Sport das Testosteron anfühlt. Oder wie es wäre, mehr Kraft zu haben. Andererseits: Wenn ich meinen Körper mit jenen der Männer vergleiche, denke ich: ‹Meine Arme sehen nicht so schlecht aus (lacht)›. Ich habe gar keine grossen Nachteile. Sowieso finde ich: Momentan ist total die Zeit der Frauen.

Auf dem Rad können die Gegnerinnen Daniela Ryf kaum das Wasser reichen.

Auf dem Rad können die Gegnerinnen Daniela Ryf kaum das Wasser reichen.

Wie meinen Sie das?

Ich finde, wir Frauen haben es im Leben besser als die Männer. Zum Teil sind sie arme Kerle, für sie ist es nicht einfach. Sie müssen sich immer die Frage stellen: Was darf man als Mann noch sagen, ohne als Sexist abgestempelt zu werden? Das stelle ich mir schon schwierig vor. Denn ich finde: In vielen Bereichen sind wir Frauen gegenüber Männern sogar bevorzugt. Natürlich gibt es noch Bereiche, in denen es noch nicht so ist. Stichwort Lohngleichheit. Das sollte doch in unserer Zeit kein Thema mehr sein!

Andererseits dominiert im Sport ein androzentrisches Weltbild. Die Männer sind der Massstab, die Frauen die Abweichung von der Norm.

Im Triathlon sind wir diesbezüglich zum Glück sehr weit: Frauen und Männer erhalten zum Beispiel gleich viel Preisgeld.

Ihr Trainer sagte einmal über Sie: «Alle denken, dass Daniela eine Maschine ist, aber das stimmt nicht. Sie ist physisch eine Maschine, aber mental ist sie sehr, sehr weiblich.» Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Ich bin auch körperlich keine Maschine, sonst wäre ich jetzt ja nicht verletzt (lacht). Die Frage ist doch: Was ist denn männlich und was ist weiblich? Vermutlich meinte er damit meine sensible Seite. Und ja, die gibt es. Ich bin ein sehr sensibler Mensch, keine Frage. Und vielleicht merkt man mir das nicht immer an, weil ich das nicht so zeige. Aber es gibt Dinge, die treffen mich. Beispielsweise Kommentare in den sozialen Medien. Dort erhalte ich zwar sehr viel Zuspruch, aber ich fühle mich auch oft missverstanden und das lässt mich nicht kalt. Ich finde aber, das hat nichts mit weiblich oder männlich zu tun.

Jan Frodeno ist für Daniela Ryf eine Quelle der Inspiration.

Jan Frodeno ist für Daniela Ryf eine Quelle der Inspiration.

Sie sagten einmal: «Nur wenn man dem Körper gibt, was er braucht, kann er funktionieren.» Welche Beziehung pflegen Sie zu ihrem Körper?

Eine sehr enge. Mein Körper ist mein Kapital. Viele Menschen haben das Gefühl, wir würden den Körper schinden und seien nicht ganz gepickt. Aber ich gebe meinem Körper enorm Sorge. Wenn mir etwas Schmerzen bereitet, bin ich sehr, sehr vorsichtig. Denn ich habe nur einen Körper, nur eine Karriere. Jetzt ist die Frage: Wie nutze ich diesen Körper. Will ich ein Jahr gut sein oder 15 Jahre? Und wenn du 15 Jahre gut sein willst, musst du deinem Körper Sorge tragen.

Wie sehr wirft es Sie aus der Bahn, wenn der Körper nicht funktioniert?

Es beschäftigt mich, wenn ich eine Weile nicht Rennen kann. Denn Rennen hat für mich viel mit Freiheit zu tun. Für mich ist es etwas vom Schönsten, wenn man man in den Wald rennen gehen kann. Beim Rennen verarbeite ich auch viel. Wenn das wegfällt, vermisse ich etwas. Ich spüre meinen Körper sehr gut. Schwierig wird es für, wenn ich nicht mehr wahrnehme, was dem Körper gut tut und was nicht. Diese Unsicherheit führt zu Hilflosigkeit, die man aushalten muss.

So viel wie in diesem Jahr habe sie noch nie trainiert, sagt Daniela Ryf, die 90 Tage am Stück in St. Moritz verbracht hat.

So viel wie in diesem Jahr habe sie noch nie trainiert, sagt Daniela Ryf, die 90 Tage am Stück in St. Moritz verbracht hat.

Durch den Sport verändert sich auch der Körper, der für sie in erster Linie ein Werkzeug ist. Aber welche Rolle spielt für Sie die Ästhetik?

Früher hatte ich Mühe damit, dass ich so muskulös war. Ich wollte dünnere Arme und einem Ideal entsprechen. Inzwischen bin ich aber sehr stolz auf meinen Körper. Ich habe gelernt, ihn zu akzeptieren, wie er ist, und ihn zu lieben. Wenn ich in den USA einkaufen gehe und die Leute sagen: «Oh, deine Arme sehen so fit aus, what are you doing?» und begeistert sind, finde ich das auch schön. Es ist ein Teil von mir. Mittlerweile bin ich sehr stolz darauf, stark zu sein. Ich werde immer fit sein wollen, weil ich mich in meinem Körper wohl fühlen will. Jeder hat andere Voraussetzungen, nach denen man seinen Körper formen kann, das muss man akzeptieren. Die Ästhetik ist aber nicht der Grund, weshalb ich das alles mache. Triathlons ist Schwimmen, Velofahren und Rennen. Die Ästhetik spielt keine Rolle. Jeder Körper ist anders. Das ist auch schön. Meine Botschaft ist: Zufrieden sein mit dem, was man hat. Gutes Aussehen ist ja relativ.

Trotzdem haben Sie sich früher bei Shootings in Magazinen schon freizügiger gezeigt. Wollten Sie damals bewusst zeigen, dass Sie nicht nur ein Kraftpaket sind, sondern auch eine feminine Seite haben?

Nein, so sehe ich das nicht. Das Bild ist durch die sozialen Medien verzerrt. Ich laufe ja nicht dauernd in Sportbekleidung rum und ziehe mich auch einmal gerne schön an. Ich habe diese andere Seite, man sieht sie nur weniger, und ich mache das auch sehr bewusst. Denn ich stehe für den Sport in der Öffentlichkeit. Wenn ich etwas Schönes erlebe, möchte ich das auch nicht immer mit der ganzen Welt teilen. Ich möchte mein Privatleben schützen, meine Familie und Freunde. Sie wissen manchmal nicht einmal, welche Wettkämpfe ich bestreite. Das ist es auch, was ich im Studium geniesse. Meine Mitstudenten kennen mich oft nicht und das ist sehr erfrischend. Es erdet, weil ich nichts Spezielles bin. Ich war immer lieber normal, obwohl ich es nie gewesen bin. Dort zählt nur, was du sagst und wie du dich gibst, und nicht, wer du bist. Darum: Nein, ich habe nicht das Gefühl, dass ich zeigen muss, dass ich auch noch andere Seiten habe.

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