Die Türe öffnet sich nur für einen kurzen Moment. Der unbekannte Gast wird misstrauisch beäugt. Schliesslich sind die Wege zur Industriespionage derzeit ziemlich nah. Auf wenigen Quadratmetern reihen sich am Eingang zum Flüelatal die Wachs-Trucks von Norwegen, der Schweiz, Schweden, Russland und Deutschland aneinander. Man lebt während des Weltcupwinters Tür an Tür und weiss doch sehr wenig über seine Nachbarn.

Die Skipräparation ist das letzte grosse Geheimnis im Langlaufsport. Dass Weltcupdominator Martin Johnsrud Sundby im Jahr auf 1200 Stunden Training kommt, ist ebenso bekannt wie die meisten Inhalte seines Vorbereitungsprogramms. «Es gibt punkto Training eigentlich keine Geheimnisse mehr», sagt Dario Cologna. Ab und zu passiert eine Überraschung in Sachen Asthmamittel oder Doping, doch selbst die Teamärzte der führenden Langlauf-Nationen treffen sich regelmässig zum gemeinsamen Austausch. Einzig Russland fehlt bei diesen Meetings, obwohl gerade die russischen Ärzte viel zu erzählen wüssten.

Pascal Clement, Colognas Skiwachser.

Pascal Clement, Colognas Skiwachser.

Nur im Wachsbereich spricht man nicht miteinander, grüsst sich höchstens freundlich. «Schliesslich entscheidet unsere Arbeit oft über Sieg oder Niederlage», wie Roger Wachs, der Chef des Schweizer Serviceteams, betont. Er könne zwar mit einem perfekten Ski keinen Athleten von Rang 30 aufs Podest bringen, «aber durchaus von Platz 5 zum Sieg verhelfen». Oder umgekehrt.

Harte Diskussionen im Team

Die Verantwortung des Servicemanns ist riesig. Dario Cologna kann in der Form seines Lebens sein, mit stumpfen Latten unter den Füssen wird er kein Rennen gewinnen. Die Kritik in der Öffentlichkeit kommt trotzdem nur in homöopathischen Dosen. «Das Material war sicher auch nicht ganz optimal», sagte Cologna zu seinem Abschiffer über 15 km klassisch in Lillehammer. In der Reihenfolge lange nach der Feststellung über seine eigene Verfassung.

Hinter den Kulissen werde dann aber durchaus Klartext gesprochen, verrät Roger Wachs. Schliesslich suchen Läufer wie Servicemann den grösstmöglichen Erfolg. «Nicht immer aber ist die Kritik am Material angebracht», sagt der Servicechef aus Büren an der Aare, «ab und zu lenkt es auch von eigenen Unzulänglichkeiten ab.» Wachs ist es wichtig, dass in seinem Team kein übertriebener Druck aufkommt, denn letztlich sei die Arbeit «ein ganz normales Handwerk». Und bilanzieren dürfe man ohnehin nie nach einem einzelnen Rennen, «sondern jeweils erst nach der Saison. Oft gleichen sich Vor- und Nachteile während des Winters aus.»

Dario Cologna (l.) entscheidet beim Skitest mit den Wachsleuten über den Rennski.

Dario Cologna (l.) entscheidet beim Skitest mit den Wachsleuten über den Rennski.

Dass es die Schweizer Serviceleute mit den führenden Norwegern aufnehmen können, ist nicht selbstverständlich. Schliesslich gelten hier ähnliche Grössenverhältnisse wie bei den Athleten. Während die Schweizer im Weltcup mit sieben Wachsleuten aufkreuzen, beschäftigt Norwegen 25 Personen. Das hat nicht nur Vorteile. Zwar würde dadurch bei schwierigen Verhältnissen die Chance steigen, «die Nadel im Heuhaufen zu finden», sagt Wachs, «aber manchmal verderben viele Köche auch den Brei». Ihr Wachs-Waterloo erlebten die Norweger ausgerechnet bei den Olympischen Spielen von Sotschi. Da fanden sie die perfekte Mischung im Gegensatz zu den Schweizern nie.

Grundsätzlich wird die Wirkung der richtigen Wachswahl aber überschätzt. «Zu 60 Prozent entscheidet der richtige Ski, zu 30 Prozent der Schliff und nur zu 10 Prozent der Wachs», sagt Langlaufchef Hippolyt Kempf. Und weil zumindest für das Schweizer Team die Möglichkeiten bei der Auswahl der Ski begrenzt sind, konzentriert man sich auf den Schliff. Jede Nation hat eigene Schleifmuster, die behütet werden wie ein Staatsgeheimnis.

Dennoch findet ein Wissenstransfer statt, wenn auch auf perfidem Weg. «Was glauben Sie, wieso haben wir auf diese Saison hin den früheren Servicemann des Deutschen Axel Teichmann verpflichtet?», sagt Kempf mit einem frommen Grinsen. Auch der Transfer des Italieners Gian-Luca Marcolini in der Weltcupsaison 2011/12 darf getrost unter Industriespionage abgebucht werden.

Norweger in der Fabrik

Andererseits schaut Kempf pingelig genau darauf, dass Schweizer Wissen nicht im Ausland landet. Wobei nicht alle Nationen dies in gleicher Weise nötig haben. Die Norweger sind dank ihrer finanziellen Möglichkeiten ohnehin einen Schritt weiter gegangen als alle anderen. Sie kaufen sich im Sommer schon mal für einige Wochen bei einer Skifirma ein. «Die Norweger mieten ganze Produktionshallen, um ihre Ski selber anzufertigen», erklärt Kempf. Dabei geht es um den genauen Spannungsbogen des Modells. Dank eines Aushängeschilds mit dem Format von Dario Cologna dürfen aber auch die Schweizer davon ausgehen, dass der Ausrüster ein grosses Interesse daran hat, dass die gelieferten Ski laufen.

«Die Norweger mieten ganze Produktionshallen, um ihre Ski selber anzufertigen», sagt Hippolyt Kempf, Langlaufchef Swiss Ski.

«Die Norweger mieten ganze Produktionshallen, um ihre Ski selber anzufertigen», sagt Hippolyt Kempf, Langlaufchef Swiss Ski.

Ein grosser Sprung war für die Schweiz die Anschaffung eines eigenen Wachs-Trucks vor vier Jahren. Damit gewinne man wertvolle Zeit, erklärt Roger Wachs, «denn gerade bei unklaren Verhältnissen kann einem die Zeit davonlaufen». Damit dies nicht passiert, werden die ersten Serviceleute im Februar bereits zwei Wochen vor der Eröffnungsfeier an den WM-Ort Lahti reisen. Zuerst wird dort der Grundschliff getestet. Hat man Probleme, das richtige Rezept zu finden, gilt für Roger Wachs eine Regel: «Auf keinen Fall die Abläufe verändern und ungetestete Dinge ausprobieren. Unser System steht, wir ändern nur Details.»

Zurück nach Davos. Der Weg, bis Nathalie von Siebenthal nach ihrem sechsten Rang von einem «Hammerski» sprechen kann und Dario Cologna sich sehr zufrieden über das Material zeigt, ist weit. Dienstagnacht kommt der Truck aus Lillehammer an. Dank den stabilen Wetterverhältnissen brechen die Serviceleute die Ski frühzeitig auf drei mögliche Modelle runter. Gemeinsam mit dem Athleten geht der persönliche Servicemann am Vortag zur Rennzeit auf die Loipe und entscheidet sich für den richtigen Ski. Eine Stunde vor dem Rennen wird dieses Ritual nochmals wiederholt. Am Schluss entscheidet oft das Gefühl des Athleten. Und nicht immer liegt er damit richtig. Gestern hat es für alle Beteiligten gepasst.