«Ob ich ihm noch etwas beibringen kann?», wiederholt Heinz Ehlers murmelnd und lässt sich in seinen Sessel fallen. «Nein, Cristo muss man nichts mehr vermitteln.» Mit «Cristo» meint der Coach des HC Lausanne seinen 40-jährigen Goalie, Cristobal Huet, der Doyen der Equipe und das Rückgrat des Lausanner Hockeys. Im Waadtland hütet der französisch-schweizerische Doppelbürger das Tor im vierten Jahr. «Ich bin nur hier, um ihn bei Laune zu halten», erklärt sein Coach, «ich lasse ihn in Ruhe.»

Geniesst das Leben in Lausanne: Cristobal Huet.

Geniesst das Leben in Lausanne: Cristobal Huet.

Denn Huet kennt seinen Auftrag. «Pucks stoppen», nennt er es lapidar. Weil Huet das seit über zwanzig Jahren äusserst souverän macht, geniesst er eine natürliche Autorität. Am Ursprung dieser extensiven Erfolgsgeschichte stehen unerwartet die Olympischen Winterspiele 1968. In Grenoble wohnt Vater Huet erstmals einem Eishockeyspiel bei. Die Tschechoslowakei duelliert sich mit der Sowjetunion. Ein Kräftemessen von politischem Reiz. Vater Huet imponiert die martialische Eleganz des Eishockeys. Er fasst den Vorsatz, dass seine Kinder diesen Sport dereinst ausüben sollen. Jahre später folgt die Umsetzung.

Lange ohne Goalietrainer

Sohn Cristobal findet Interesse am Goaliedasein. Sein Talent verhilft ihm zum ersten Vertag – bei den «Loups» (Wölfen), dem Team aus Grenoble. Bald wird der Junge aus der Alpenstadt für die Nachwuchsnationalmannschaft aufgeboten. Auch deshalb wird Lugano aufmerksam. 1998 holen die Tessiner den Rohdiamanten. Zuvor überbrückt Huet die Sommerpause in einem Hockey-Camp in Verbier, wo er erstmals von einem Goalie-Trainer betreut wird. «Zuvor basierte mein Spiel auf Instinkten.» Huet streift das Rudimentäre ab, arbeitet hart. Die Episode in der Südschweiz startet zäh. Mit Lars Weibel ist die Konkurrenz ansehnlich. Doch es benötigt viel, um Huet zu beirren. Erst knüpft er Weibel den Stammplatz ab, dann wird er Meister.

2001 wird Huet gedraftet. Der Franzose wird zum Pionier. Als erst zweiter Franzose betritt er die grosse NHL-Bühne. Es folgen impressionsreiche Jahre. Los Angeles, Montreal, Washington und Chicago. Dazwischen ein Lockout und Bekanntschaften mit eiskalten NHL-Managern. Demgegenüber stehen aber auch stolze Fangquoten und Kontrakte, die Huet zum Millionär machen. Die NHL-Expedition gipfelt 2010 im Sieg des Stanley Cups. Huet bezeichnet den Triumph gerne als «Hölle im Paradies». In der heissen Phase, den Playoffs, wird ihm nämlich die Reservistenrolle zugeteilt. «Frustrierend», gibt Huet zu.

Rostfrei seit 1975

Auch deshalb verlässt er die Hawks. Fribourg leiht den mehrfachen Meistergoalie aus. Doch auch mit ihm bleiben die Saanestädter titelresistent. 2012 wird Huet abgesetzt, Nachwuchsgoalie Benjamin Conz erbt. Der 36-Jährige steht derweil vor der vermeintlich letzten Weichenstellung. Es gibt Angebote aus dem In- und Ausland. Weil seine Ehefrau aus dem Wallis stammt und er nach Kontinuität im Leben strebt, begutachtet Huet das Angebot des NLB-Klubs Lausanne. Die Wahl fällt auf die Waadtländer, die ihm einen Vierjahresvertrag anbieten. Dass man nochmals etwas um ihn herum aufbauen will, reizt Huet. Nur das NLB-Siegel stört. Der ambitionierte Plan der Westschweizer beruhigte aber sein Ego. «Bereits im nächsten Jahr wollten sie erstklassig spielen.» Das gelingt. Huet steht am Ursprung des Erfolgs.

Im dritten Jahr nach dem Aufstieg weist Lausanne schon zwei Playoff-Teilnahmen aus. Das sture Defensivkonzept, das die Westschweizer auszeichnet, würzen sie längst mit einer Prise Spektakel. Ohne den Effort in der Verteidigung zu vernachlässigen. Huet lässt am wenigsten Gegentore pro Spiel zu. Auch mit 40 ist Huet noch immer nicht eingerostet. Vor allem, weil er einfach zufrieden sei. Und nebenbei auf seine Ernährung achte. Im Gegensatz zu früher.

Vertrag vorzeitig verlängert

Aus dem stillen Leader, wie ihn sein Trainer charakterisiert, sprudeln noch immer Wünsche nach Errungenschaften. Mit Lausanne will er konsolidieren, seinen Vertrag hat er deshalb bis 2017 verlängert. Mit dem Nationalteam will er im selben Jahr an der Heim-WM überzeugen. Eigentlich ist dann sein Rücktritt geplant – zumindest von der internationalen Bildfläche. «Sollten wir uns aber für Olympia 2018 qualifizieren, wäre mein Abgang möglicherweise verschiebbar.» Huet entzieht dem Rostvorgang abermals den Sauerstoff.