«Corona, du Fiesling!» – die Sportschweiz hadert

Steffi Buchli über die Folgen des Corona-Virus für die Sport-TV-Sender.

Steffi Buchli
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Sendepause: Auch die Sport-TV-Sender sind vom Corona-Virus betroffen.

Sendepause: Auch die Sport-TV-Sender sind vom Corona-Virus betroffen.

Bild: PD

Eigentlich hätte ich im Moment gar keine Zeit, Kolumnentexte zu schreiben. Eigentlich wäre ich jetzt im Playoff-Film. Eigentlich würde es jetzt heissen: Essen, schlafen, senden. Es wären meine 16. Eishockey-Playoffs als TV-Journalistin. Nun sitzen wir da und versuchen, uns an das nicht für möglich Gehaltene zu gewöhnen: Heute ist spielfrei statt der Start in die «schönste Zeit des Jahres».

Steffi Buchli.

Steffi Buchli.

Gaetan Bally/Keystone

Im Stress sind wir bei MySports trotzdem. In dieser Woche ging es ziemlich hemmungslos drunter und drüber bei uns. Spezialsendungen planen, Sendungen absagen. Interviews machen, Interviews geben. Trailer löschen, Trailer neu vertonen. Programmraster über den Haufen werfen, sich Programme aus den Fingern saugen. Wir sind – wie die ganze Schweiz – im Krisenmodus.

Mich beschäftigt und bedrückt die Einsicht, dass so eine Situation ganz schnell ans Eingemachte geht: Corona unterbricht Lieferketten, bringt Kurzarbeit und Einnahmenausfälle. Kurzum: Corona ist menschlicher, aber auch wirtschaftlicher Ausnahmezustand. Natürlich macht dieser auch vor dem Sport nicht halt. Das Corona-Virus ist ein echter Fiesling.

Die Fussball- und Eishockeyklubs wollen keine Geisterspiele, weil die Gastro- und Ticketeinnahmen essenziell sind. Verständlich. Die Nerven bei einigen Klubs liegen blank, denn die finanziellen Reserven sind klein. Jobs – und bisweilen gar Existenzen – stehen auf dem Spiel. Und dann kommt da noch das unverschämte Fernsehen daher und fordert «lieber Geisterspiele als gar nichts». Ja, das ist unsere Haltung.

Weil auch wir unser Corona-Bürdeli tragen. Weil auch wir rund 200 Menschen auf unserer Payroll haben, die ihren Lebensunterhalt teilweise oder ganz bei uns verdienen. Unsere Lieferkette ist auch unterbrochen: Wir veredeln an sich schon edle (sprich teure) Sportveranstaltungen mit Kommentierungen und Studioproduktionen. Nun soll uns kein Rohmaterial mehr angeliefert werden. Haben wir einen anderen Lieferanten als Alternative? Nein. Haben wir noch Live-Spiele im Keller an Lager, die wir ausstrahlen könnten? Nein, natürlich nicht.

Eine Zeitung schrieb diese Woche, dass die TV-Stationen «am langen Hebel sitzen», eine andere meinte, dass die Fernsehsender «Geisterspiele erzwingen». Es geht weder um Machtdemonstration noch um Erpressung. Es geht einzig darum, dass alle, die Teil der langen Sport-Nahrungskette sind, im Moment versuchen, ihren persönlichen Schaden in Grenzen zu halten. Und ich meine damit nicht primär eine Geldsumme, wenn ich von Schaden spreche. Ich rede in unserem Fall von freischaffenden Kameraleuten, die den Tränen nahe sind, weil ihnen sämtliche Aufträge aus der Sportschweiz im Moment weggestrichen werden, weil keine TV-Station grosse Übertragungen machen kann. Das ist unsere Geschichte, die von MySports oder die der Sport-TV-Sender.

Ein für alle Mal (als Antwort auf alle empörten Fan-Mails, die ich diese Woche erhalten habe): Auch ich habe lieber hoch emotionale Playoffs in vollen und vor allem stimmungsvollen Stadien. Aber im Moment bleibt uns nur, aus einer Reihe von suboptimalen Lösungen die am wenigsten suboptimale auszusuchen. Für einmal emotionslos.

Corona wird uns noch eine Weile begleiten. Die Welt – und mit ihr der Sport – wird hadern und leiden. In dieser angespannten Situation wirkt Polemik wie Gift. Ich bin aus tiefstem Herzen überzeugt, dass Verständnis, Lösungsorientiertheit und Pragmatismus die besseren Begleiter sind.

Steffi Buchli (41) ist «MySports»- Programmleiterin. Sie war bei Olympia, WM und EM dabei und meint deshalb manchmal, sie habe sportlich alles gesehen. Sie schreibt im Wechsel mit Flo­rence Schelling, Sarah Akanji und Céline Feller jeden Samstag über Themen aus der Welt des Sports.

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