NBA

Clint Capela – Schweizer Basketballmillionär, aber unbekannt

Der Genfer Clint Capela müsste unter den Schweizer Teamsportlern eigentlich der grösste Star sein, ist es aber nicht. Warum eigentlich? Am Sonntag könnte er dennoch in der Kategorie «MVP des Jahres» einen Sport Award gewinnen.

Im Sommer gab Clint Capela der Zeitung «La Liberté» ein Interview. Er sagte unter anderem: «Ich will mehr sein als nur ein Basketballspieler.» Aus Capela sprach der Wunsch, auch als Philanthrop wahrgenommen zu werden und nicht bloss als NBA-Profi in Diensten der Houston Rockets.

Dabei ist das Problem, dass Capela hierzulande auch als Sportler kaum ein Profil hat. Als die Schweiz im letzten Winter den «Sportler des Jahres» wählte, stand er nicht einmal in der 15 Namen umfassenden Vorauswahl.

Dunk von Clint Capela gegen Golden State – und kaum ein Schweizer nimmt Notiz.

Dunk von Clint Capela gegen Golden State – und kaum ein Schweizer nimmt Notiz.

Aus Capela schien in dieser Chose Befremden zu sprechen als er im Sommer sagte: «Ich verdiene am meisten, das ist die Wahrheit. Und ich hoffe, dass die Leute, die den besten Schweizer Sportler wählen, sehen, dass ich auch etwas für das Land mache.» Capela spielte damit auf sein Nachwuchscamp in der Romandie an.

Am Sonntag ist es wieder so weit. Die umstrittene Wahl der Sportlerinnen und Sportler des Jahres steht an. Capela ist diesmal dabei, als Favorit in der neu geschaffenen Kategorie «MVP des Jahres» – immerhin. Der 25-Jährige ist der mit Abstand am besten bezahlte Teamsportler des Landes.

14'896'552 Dollar verdient er in Houston alleine in dieser Saison. Die Saläre in den vier grossen amerikanischen Profiligen unterliegen einer gewissen Inflation, sie sind in ihrer Quersumme wahnsinnig hoch, weil die Ligen Gelddruckmaschinen sind und die Teams nicht wissen, was sie mit all den Einnahmen machen sollen. Das Durchschnittssalär in der NBA liegt in dieser Saison bei 76'78'077 Dollar.

Bestbezahlter Teamsportler der Schweiz

Das ändert nichts daran, dass Capela einen steilen Aufstieg hinter sich und es in der NBA so weit gebracht hat wie kein Schweizer vor ihm, auch nicht der Pionier Thabo Sefolosha, der inzwischen bei den Houston Rockets sein Teamkollege ist.

Anfang Dezember knackte Capela einen Rekord des früheren Stars und heutigen Wirrkopfs Dennis Rodman: in acht Spielen hintereinander pflückte er stets mindestens 19 Rebounds herunter, die Fachbezeichnung für Abpraller nach verfehlten Abschlussversuchen.

Die Bestmarke dokumentiert seine Entwicklung; in seinem fünften Jahr in der NBA gehört auf seiner Position inzwischen zu den besten seines Fachs, zu den Top 10 der Liga. Und Tyson Chandler, ein NBA-Veteran mit über 15 Jahren NBA-Erfahrung, hat kürzlich gesagt:

Capelas Fortschritte werden registriert, in der NBA jedenfalls, in der Schweiz fliegt er weiterhin unter dem Radar. Er leidet unter dem gleichen Problem wie fast alle Teamsportler jenseits des Fussballs hierzulande: sie gelten als schwierig zu vermarkten. Auch im Eishockey finden manche der grössten Schweizer Namen kaum Werbeverträge.

Einfache Verhältnisse, Pflegeheime und kein Vater

Bei Capela ist bis dato kein Sponsoring bekannt. Eines der Probleme ist, dass die in Nordamerika engagierten Profis für viele der Schweizer weit weg sind, zu weit; aufgrund der Zeitverschiebung und dem Mangel an Free-TV-Übertragungen im deutschen Sprachraum sieht sich nur ein Spartenpublikum regelmässig die Live-Bilder an. Bei vielen beschränkt sich die Anteilnahme an Capelas Karriere auf die fünfzeiligen Kurzmeldungen in der Tageszeitung.

Den wenigsten dürfte in Erinnerung geblieben sein, dass Capela aus einfachen Verhältnissen stammt, dass ihn seine Mutter alleine grosszog, dass er vorübergehend in Pflegeheimen lebte. Dass er sagt, das Wort «Vater» führe er in seinem Wortschatz nicht.

Dass er mit dem ersten NBA-Salär die Schulden der Mutter in der Höhe von gegen 300'000 Franken beglich. Dass er Basketball erst als 13-Jähriger entdeckte. Dass sein Cousin Tsehry 2006 für ein Tötungsdelikt zu 13 Jahren Haft verurteilt worden ist.

Womöglich muss die Schweiz erst warm werden mit Capela – und auch mit dem Basketball. Der Sport hat in der Schweiz einen schweren Stand, es fehlt an der Lobby, die lokale Halbprofiliga findet kaum Beachtung. In der Deutschschweiz noch weniger als in der Romandie und im Tessin.

Es sind diese Landesteile, die den Schweizer Meister stets unter sich ausmachen. Klammert man Fribourg Olympic aus dem sprachlich zweigeteilten Freiburg aus, kam der Champion zuletzt 1933 aus der Deutschschweiz: Uni Bern.

Capelas Charmeoffensive im Sommer

Am Dasein als Nischensport wird sich so schnell nichts ändern, obwohl Capela im Sommer so etwas wie eine Charmeoffensive unternahm: erstmals seit fünf Jahren spielte er wieder für die Nationalmannschaft, er bestritt die Vorqualifikation für die EM 2021. Den ersten Schritt überstanden die Schweizer, aber wenn im Februar die nächste Runde ansteht, wird Capela aufgrund seiner Verpflichtungen in der NBA nicht dabei sein können.

Mit Houston befindet er sich auf einer wilden Titelhatz; nach dem Ende der Regentschaft der Golden State Warriors haben sich die Rockets als ernsthafter Kandidat in Stellung gebracht. Doch die Zeit drängt: die wichtigsten Einzelspieler James Harden und Russell Westbrook sind älter als 30, es ist nicht klar, wie viele Jahre im Zenit ihnen noch bleiben.

Bei Capela verhält es sich anders, er hat sein Leistungsvolumen noch nicht erreicht. Mike D’Antoni, der Coach der Rockets, sagt, Capela habe alle Anlagen, um der beste Center der Welt zu werden. Das klingt verdächtig nach einem dieser sehr amerikanischen Komplimenten: freundlicher Überhöhung ohne Grundlage. Denn an den beiden besten Individualisten Joel Embiid (Philadelphia 76ers) und Giannis Antetokounmpo (Milwaukee Bucks) dürfte Capela auch mittelfristig kaum vorbeikommen.

Capela muss zeigen, auch im Playoff nützlich zu sein

Capelas Darbietungen in den letzten Wochen waren ermutigend, aber noch muss er beweisen, dass er für die Rockets auch im Playoff nützlich sein kann. In den letzten Jahren enttäuschte er in der entscheidenden Meisterschaftsphase so sehr, dass das Management der Rockets sich ernsthaft damit beschäftigte, den Schweizer zu transferieren. Am Ende wurde mit Chris Paul ein anderer prominenter Akteur aussortiert, aber das Signal wird bei Capela angekommen sein.

Seinem scheinbar unzerstörbaren Selbstbewusstsein scheint dies nichts anhaben zu können. Capela sagt:

Und: «Wir wollen dann dominieren, wenn es am wichtigsten ist – in den Playoffs.» Ein Titel hätte den angenehmen Nebeneffekt, Capela in der Schweiz aus der Anonymität zu führen. Der Genfer könnte sich dann dem nächsten Schritt widmen: als mehr wahrgenommen zu werden als nur als Basketballprofi.

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