Bundesliga

Clemens Tönnies und der riesige Scherbenhaufen auf dem FC Schalke

Unter Druck: David Wagner, der Trainer des FC Schalke 04.

Unter Druck: David Wagner, der Trainer des FC Schalke 04.

Die Gelsenkirchener haben sportliche und finanzielle Sorgen, doch der Abgang des Fleischfabrikanten macht Hoffnung. Als erstes wird eine Gehaltsobergrenze eingeführt. Kein Spieler soll mehr als 2,5 Millionen Euro verdienen. Die Schalker drücken Verbindlichkeiten in der Höhe von 197 Millionen Euro.

FC Schalke 08 – mag der Kalauer auch tumb sein: Die Zahlen stimmen. Mehr noch: Das 0:8 gegen die Bayern ist eine Metapher für den Zustand des Vereins auf und neben dem Rasen. «Eine Schande», nennt das Verteidiger Bastian Oczipka.

17 Mal in Folge haben die Gelsenkirchener nicht mehr gewonnen. Schaffen sie auch gegen Bremen keinen Sieg, muss Trainer David Wagner vermutlich gehen. Der FC Schalke 04 ist früher ein stolzer Verein gewesen.

Der in jugendlichen Jahren sieben Mal Meister wurde, 1997 mit den Eurofightern den Uefacup gewann und 2001 als Vierminuten-Meister in die Geschichte eingegangen ist. Aber jetzt kehren ihm immer mehr Menschen den Rücken zu.

Nicht wegen eines 0:8, sondern weil sie es nicht ertragen, wie weit sich der Verein unter Boss Clemens Tönnies von der Basis entfernt hat.

Nichts könnte dies besser illustrieren als der Umgang mit seinen Fans in Coronazeiten, als es um die Rückerstattung von Eintrittsgeldern geht. Schalke schreibt: «Warum benötigst du das Geld unbedingt jetzt? Begründe bitte deinen Härtefallantrag. Falls möglich, füge bitte auch entsprechende Belege an.»

Immenser Verschleiss an Managern und Trainern

Dass der Klub 24 Chauffeure von Juniorenteams auf die Strasse stellt, befremdet in Gelsenkirchen ebenso. Die Leute wissen ja, dass Verbindlichkeiten von 197 Millionen Euro auf dem Klub lasten und die Pandemie ihm ein Loch von vielen Millionen Euro beschert; doch was kann der kleine Mann für die jahrelange Misswirtschaft? Ist er schuld, dass Schalke seit 1996 sechs Manager und 23 Trainer, von Huub Stevens bis zu Wagner, verschlissen hat?

Der Fan macht grosse Augen, wenn er liest, dass S04 einem wie Domenico Tedesco einen Fixlohn von 1,08 Mio. Euro plus Prämien anbietet, einem Jungtrainer, der gerade Mal elf Profispiele auf dem Buckel hat. Und noch grösser werden sie, wenn er hört, dass Tedescos Gehalt ohne Not auf 2,5 Mio. erhöht wird und er später nach der Trennung eine Abfindung von 1,5 Mio. Euro kassiert.

Die vorzügliche Knappenschmiede sorgt zwar immer wieder für stolze Transfereinnahmen (Sané 52 Mio. Euro, Draxler 43, Kehrer 37, Neuer 30), und die moralisch zwiespältige Verbindung zum Energieriesen und Sponsor Gazprom bringt 30 Millionen Euro im Jahr, aber wenn Spieler wie Huntelaar (bis 2017) sieben Mio. Euro verdienen, wundert es nicht, wenn hohe Millionendefizite entstehen. Das Minus von 2019: 26,1.

Dass die Landesregierung Nordrhein-Westfalen unter diesen Bedingungen Schalke eine Bürgschaft von 31,5 Mio. Euro gewähren will, empfinden Steuerzahler als Frechheit.

Ausgliederung des Profibetriebs als Heilmittel

Auf Schalke betrachten es manche in der Führungsriege als Heilmittel, die Profiabteilung aus dem eingetragenen Verein auszugliedern und in eine Aktiengesellschaft zu überführen.

Allerdings: Der HSV und der VfB Stuttgart haben dies auch getan und sind wenig später abgestiegen. Die meisten der 160'000 Schalker Mitglieder wünschen sich, dass der Klub ganz in ihrem Besitz bleibt. Auch wenn sie wissen: Tradition allein reicht nicht.

Bei S04 hofft man nun, dass nach dem Abgang des Doppelmilliardärs Tönnies alles besser wird. Der Fleischfabrikant hatte sich bereits 2019 durch einen Rassismusskandal unmöglich gemacht, und nachdem sich in seiner Firma wegen miserabler Arbeitsbedingungen 1500 Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert hatten, trat Tönnies, auch unter dem Druck der Fans, Ende Juni zurück. «Schalke ist kein Schlachthof», haben sie auf ein Banner gepinselt. Tönnies ist nie ein Wohltäter gewesen, hat aber geschäftlich profitiert.

Zuerst einmal soll nun die Gehaltsobergrenze eines Spielers bei 2,5 Mio. Euro gedeckelt werden. Mit 600 Mitarbeitern und 275 Millionen Umsatz ist der FC Schalke 04 das umsatzstärkste Privatunternehmen Gelsenkirchens. In weiten Teilen des Ruhrgebiets ist er für die Menschen mehr als ein Fussballklub; für viele ein Leben zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Königsblau prägt ihr Selbstbild.

Tönnies hinterlässt einen Scherbenhaufen. Der frühere Weggefährte und Manager Rudi Assauer war ein guter Prophet, als er einst sagte: «Wenn der Schnee schmilzt, kommt die Scheisse zum Vorschein.»

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Autor

Markus Brütsch

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