Schwingen

Christian Stucki und die «bösen» Berner: Wer soll sie am Unspunnen stoppen?

Christian Stucki – seines Zeichens «König der Herzen» – gehört zu den Berner Trümpfen fürs Unspunnen.Keystone

Christian Stucki – seines Zeichens «König der Herzen» – gehört zu den Berner Trümpfen fürs Unspunnen.Keystone

Alles andere als ein Sieg der Berner wäre eine Überraschung – ja, eigentlich ist Unspunnen ein Fest wie geschaffen für Christian Stucki, den «bösesten» Berner

Der alles dominierende, einschüchternde und scheinbar unbesiegbare «Böse» mit der Kragenweite eines Karl Meli, Ruedi Hunsperger, Ernst Schläpfer oder Jörg Abderhalden, die jeweils eine ganze Epoche dominierten, gibt es nicht mehr. Prognosen vor einem Fest mit eidgenössischem Charakter sind schwieriger geworden.

Aber bei aller Ungewissheit ist doch eine Struktur ersichtlich: Die Berner haben mit den Königen Kilian Wenger, Matthias Sempach und Christian Stucki – dem «König der Herzen» – als einziger Teilverband gleich drei Siegesanwärter. Und noch wichtiger: Dieses «Trio Grande» bekommt Flankenschutz durch ein breites Feld von Mittelschwingern, die, wenn es die Situation erfordert, auf ihre eigene Chance verzichten und fast jeden ausserkantonalen Gegner durch ein Remis («Gestellten») zurückbinden können.

Beispielsweise Bernhard Kämpf, Matthias Aeschbacher, Simon Anderegg oder Remo Käser. Siegesanwärter und aussichtsreiche Aussenseiter haben auch die Ostschweizer oder die Innerschweizer. Aber kein Teilverband hat die Breite der Berner.

Das Königreich der Bösen

Diese Zuversicht kann allerdings auch ein Irrtum sein. Vor sechs Jahren, beim letzten Unspunnen-Fest, ging das bernische «Königreich der Bösen» unter. Als draussen in der Arena der Ostschweizer Daniel Bösch und der Innerschweizer Christian Schuler (er muss verletzungshalber auf Unspunnen 2017 verzichten) zum Schlussgang in die Hosen stiegen, weilte Kilian Wenger bereits bei der Dopingkontrolle.

Christian Stucki und Matthias Sempach kamen frisch geduscht, gebürstet und gekämmt aus der Garderobe. Die Ränge 3 (Sempach), 4 (Wenger) und 8 (Stucki) täuschten noch über das Ausmass des Debakels hinweg: Die Berner Sägemehl-Superstars hatten schon nach drei von sechs Gängen, bei «Halbzeit» nichts mehr mit der Entscheidung zu tun.

Wer bezwingt die Berner?

Was hatte die Berner damals bloss zu Fall gebracht? Sie waren doch die grossen Favoriten (wie jetzt), und es schien, als könnte nichts passieren (wie jetzt). Mochte kommen, was wolle – einer würde schon durchkommen (wie jetzt). So dachten die Berner. So dachte eigentlich die ganze Schwinger-Schweiz. So denken die Berner und die ganze Schwinger-Schweiz auch in diesen Tagen wieder.

Schwingerlegende Niklaus Gasser ortete damals als Ursache eine zu hohe Nervenbelastung durch hohe Erwartungen, Medien- und Starrummel. Tatsächlich gehörten die Berner Titanen in den Wochen vor dem Fest zu den meistabgebildeten Schweizer Sportlern. Und Kilian Wenger, der damals regierender König war, sagte: «Ja, da ist was dran.» Christian Stucki wunderte sich hingegen, warum ihm Unspunnen 2011 kein Glück gebracht hatte. «Ich habe sehr gut geschlafen, ich kam am Sonntagmorgen als erster Berner in die Garderobe und fühlte mich super. Aber dann hatte ich einfach keinen Pfuus mehr. Ich weiss nicht warum. Es war einfach nicht mein Tag.»

Die Titanen sind den Rummel gewöhnt

Nun sind sechs Jahre ins Land gezogen. Die Titanen der Berner haben sich längst an diesen Rummel gewöhnt. Sie lassen sich nicht mehr irritieren. Obwohl König Matthias Glarner nach einem Unfall bei einem Medientermin auf Unspunnen verzichten muss.

Daniel Bösch hat 2011 das Unspunnen gewonnen

Daniel Bösch hat 2011 das Unspunnen gewonnen

Eigentlich ist ja Unspunnen genau ein Fest für einen «Bösen» wie Christian Stucki (1,98 m/142 kg). 2011 hat Daniel Bösch (1,93 m/135 kg) gewonnen. Sozusagen eine Ostschweizer Antwort auf Christian Stucki. Aber ohne dessen Charisma und Vermarktungspotenzial. Ein eidgenössisches «Eintagesfest» mit sechs Kämpfen hat eine andere, eine höhere Dynamik und Intensität als das Eidgenössische mit acht Gängen in zwei Tagen.

Ein Fest für Aussenseiter?

Unspunnen ist ein Fest, das es gut mit den Aussenseitern meint. Wir finden in den vergangenen 50 Jahren nur zwei Könige in der Siegerliste: Rudolf Hunsperger (1968) und Jörg Abderhalden (1999). Thomas Sutter (1993) wurde erst nach seinem Unspunnen-Sieg König. Unspunnen haben vor allem «Eintages-Könige» gewonnen. «Böse», die zu den besten aller Zeiten ohne Königstitel gehören wie Martin Grab (2006), Niklaus Gasser (1987), Leo Betschart (1981), Ernest Schlaefli (1976) oder eben Titelverteidiger Daniel Bösch. Und noch nie hat einer der bisher 22 Sieger seinen Unspunnen-Triumph wiederholt.

Kann Bösch den Triumph von 2011 wiederholen? Keystone

Kann Bösch den Triumph von 2011 wiederholen? Keystone

Christian Stucki, der flinke Riese, ist «zwäg». Mental robust wie nie, viel robuster als 2011. Flink wie nie, viel flinker als 2011. Technisch gut wie nie, viel besser als 2011. Wenn am Sonntag «sein» Tag ist, dann bringt er eine unbesiegbare Kombination aus Gewicht, Kraft, Wucht, Standfestigkeit, Explosivität, Technik und Beweglichkeit ins Sägemehl. Wenn er «zieht», dann macht er seine Schwünge präzis, entschlossen und konsequent. Er hat schon das Kilchberg-Fest 2008 gewonnen, den anderen eidgenössischen «Eintages-Showdown» neben Unspunnen. Und er führt die «Weltrangliste» (die von der Fachzeitschrift «Schlussgang» erstellte Jahreswertung) an.

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