Christian Stucki ist seit dem verlorenen Schlussgang beim «Eidgenössischen« in Burgdorf gegen Matthias Sempach der «König der Herzen». Er sagt, warum er gute Chancen sieht, doch noch ein «richtiger» König zu werden und spricht über Geld und Geist im Schwingen.

Sie haben eine moderne Homepage und sogar ein cooles persönliches Logo. Wir haben Sie unterschätzt.

Christian Stucki: Wir Schwinger müssen halt auch mit der Zeit gehen. So ein Logo haben andere Spitzenschwinger auch.

Das braucht es ja auch zur Vermarktung. Sind eigentlich die Verbandsoberen erfreut über diese Entwicklung?

Ganz alle freuen sich wohl nicht darüber. Aber das Verständnis ist sicher da. Schliesslich müssen sich heute ja auch die Organisatoren der grossen Feste vermarkten. Das Budget beim letzten «Eidgenössischen» betrug 26 Millionen und die Zuschauer erwarten eine gute Organisation. Das funktioniert nur noch mit Sponsoren. Wir sitzen also alle im gleichen Boot. Zudem geben wir ja zehn Prozent von unseren persönlichen Werbeeinnahmen dem Verband für die Nachwuchsförderung ab.

Sie arbeiten als Lastwagen-Chauffeur. Könnten Sie auf eine Berufstätigkeit verzichten und von Ihren Werbeeinnahmen als Schwinger leben?

Ja, wenn ich sehr, sehr bescheiden leben würde. Aber ich möchte auch dann nicht Profi sein, wenn ich gut davon leben könnte. Ich bin froh um meinen Job. Ich arbeite 60 Prozent und so habe ich genug Zeit für das Schwingen und für meine Familie. Nur Profi zu sein, wäre doch sehr monoton. Zumal ich ja als Schwinger nicht alleine trainieren kann. Ich brauche zum Üben einen Gegner, ich kann ja nicht einfach einen Sack herumreissen. Ich schwinge zur Freude und habe das Glück, dass ich damit auch sogar noch etwas verdiene. Das hätte ich nicht zu träumen gewagt, als ich mit dem Schwingen angefangen habe.

Verdienen Sie mit Werbung so viel wie König Matthias Sempach?

Nein.

Schon Jeremias Gotthelf schrieb über Geld und Geist. Leidet der Geist, gibt es Neid, wenn die Spitzenschwinger wie Sie Geld mit der Schwingerei verdienen und die meisten leer ausgehen?

Nein. Im Fussball oder im Eishockey verdienen die guten Spieler ja auch mehr. Das gehört zum Sport.

Sie haben zwar den Schlussgang beim «Eidgenössischen» verloren – aber als «König der Herzen» sind Sie so populär wie der König. Ihre spontane Gratulation nach der Niederlage ist den Leuten stärker in Erinnerung geblieben als der Sieger.

So? Ob das so ist, werden wir in 50 Jahren sehen. Wenn sich die Leute immer noch daran erinnern, haben Sie recht.

Kam diese spontane Reaktion wirklich von Herzen?

Ja, das kam spontan. So bin ich. Der «Mättu» (König Matthias Sempach, Anm. der Red.) und ich kennen uns seit Jahren. Er war besser, ich gönnte ihm den Titel von Herzen und drückte das so aus.

Eidgenössisches Schwingfest Burgdorf 2013

Eidgenössisches Schwingfest Burgdorf 2013

Alle Rechte SRF vorbehalten. Highlights von Burgdorf.

Der grosse Jörg Abderhalden hat einmal gesagt, man werde nur König, wenn man auch einen gewissen Egoismus habe. Sie werden als «Gemütsmore» bezeichnet. Sind Sie zu nett, zu wenig egoistisch, um König zu werden?

Was Sie für Fragen haben!

Das interessiert uns halt.

Diese Frage kann ich eigentlich nicht beantworten. Ich bin, wie ich bin. Es ist mein Naturell, die Dinge ruhiger anzugehen.

Also zu wenig Egoist, um König zu werden?

Wir sollten Ehrgeiz nicht mit Egoismus verwechseln. Jeder Einzelsportler ist ehrgeizig. Auch ich. Sonst würde ich ja den ganzen Trainingsaufwand nicht auf mich nehmen. Wenn ich nicht ehrgeizig wäre, würden wir jetzt nicht hier sitzen und ein Interview führen, und ich hätte nicht über hundert Kränze gewonnen. Ich denke aber, dass sich Ehrgeiz und die Anerkennung der Leistung des Gegners durchaus vereinbaren lassen. Wenn einer besser ist als ich, dann ist das okay. Ich bin beim «Eidgenössischen» in den Schlussgang gekommen. Das muss man erst mal schaffen und darüber habe ich mich gefreut. Das hat nichts mit fehlendem Ehrgeiz oder Egoismus zu tun.

Dann würde ja nichts dagegensprechen, dass Sie doch noch König werden?

Nein, eigentlich nicht.

Doch, Ihr Alter. Noch nie ist einer über 30 König geworden. Warum ist das so? Kann es sein, dass man sich in diesem Alter vom Samstag auf den Sonntag nicht mehr so gut erholen kann wie die Jungen?

Dass es noch keiner über 30 geschafft hat, ist wohl einfach Zufall. Natürlich stehe ich heute nicht mehr auf wie ein Engel. Es zwickt an ein paar Stellen. Aber deshalb steht einer guten Leistung am zweiten Tag nichts im Wege. Dazu kommt, dass einem die Erfahrung an einem grossen Fest auch viel hilft.

Oder sind Sie technisch nicht gut genug?

Sie reduzieren mich also auf meine Grösse und mein Gewicht?

Nein. Aber würde Sie das stören?

Heute nicht mehr. Wenn ich das höre, dann schalte ich auf Göschenen-Airolo. Beim einen Ohr rein, beim anderen raus.

Also ist es nicht so?

Wenn ich technisch nicht gut wäre, dann wäre ich als Schwinger jetzt nicht dort, wo ich bin.

«Ich will mich nicht selber loben. Aber ich beherrsche meine Schwünge und mache sie sauber und konsequent. Dafür trainiere ich ja.»

Christian Stucki:

«Ich will mich nicht selber loben. Aber ich beherrsche meine Schwünge und mache sie sauber und konsequent. Dafür trainiere ich ja.»

Technisch auf Niveau eines Königs?

Ich will mich nicht selber loben. Aber ich beherrsche meine Schwünge und mache sie sauber und konsequent. Dafür trainiere ich ja.

Wie viele Schwünge gibt es eigentlich?

Etwa 36.

Und wie viele davon beherrschen Sie?

Fünf oder sechs.

Schwingen ist auch eine Frage der Technik und der Beweglichkeit. Bedeutet das, dass Sie als Titan mit Ihrer Grösse und Ihrem Gewicht nicht nur Vorteile haben?

Das Gewicht ist tatsächlich nicht nur ein Vorteil. Natürlich muss mein Gegner dieses Gewicht erst einmal bewegen. Aber ich muss mein Gewicht auch bewegen.

Wir können uns gar nicht vorstellen, dass Sie böse sein können. Regen Sie sich überhaupt auch mal
auf beim Schwingen?. Was braucht es, damit es Ihnen den Nuggi raushaut?

Das ist schwierig zu sagen. Bei bin wirklich sehr tolerant und ich beruhige mich auch schnell wieder.

Aber manchmal regen Sie sich schon auf, oder?

Ja, wenn einer einfach nicht schwingen will und nichts macht. Da bin ich schon mal unwirsch geworden und habe gesagt: «Wenn du schon nicht schwingen willst, dann hättest du gleich zu Hause bleiben können.»

Gibt es eigentlich beim Schwingen auch Psychospielchen? Provokationen? So wie vor einem Schwergewichtskampf im Boxen?

Nein, das gibt es unter Schwingern nicht. Höchstens mal ein ironischer Spruch.

Aber die Psychologie spielt schon eine Rolle?

Ja, aber auf einer anderen Ebene. Es geht mehr um die Körpersprache. Wie ich in den Ring gehe und wie ich meinem Gegner die Hand gebe.

Entschlossenheit demonstrieren.

Ja.

Sie sind als Werbeträger gefragt. Sprechen Sie die Preise mit den anderen Spitzenschwingern ab?

Nein. Ich schaue, dass es für mich stimmt. Wenn ich zum Beispiel für eine Autogrammstunde 500 Franken verlange, dann bekomme ich so viele Anfragen, dass ich nur nach am Rotieren bin und meine Familie und das Training vernachlässige. Also verlange ich einen höheren Preis. Ich bringe ja auch eine Gegenleistung. Wenn ich dafür sorge, dass einer dank meiner Präsenz an seinem Stand vierzig Besucher mehr hat und den Umsatz steigern kann, dann bin ich mehr Geld wert. Es muss für beide stimmen.

Was sagen Sie zu den Gerüchten, dass Sie zu den Titanen gehören, die im Jahr eine halbe Million verdienen?

Es wäre schön, wenn es so wäre.

Sie gehören zu den populärsten Einzelsportlern im Land …

… so, bin ich das?

«Das Gewicht ist tatsächlich nicht nur ein Vorteil. Natürlich muss mein Gegner dieses Gewicht erst einmal bewegen. Aber ich muss mein Gewicht auch bewegen.»

Christian Stucki:

«Das Gewicht ist tatsächlich nicht nur ein Vorteil. Natürlich muss mein Gegner dieses Gewicht erst einmal bewegen. Aber ich muss mein Gewicht auch bewegen.»

Sie haben jedenfalls einen hohen Wiedererkennungsgrad. Merken Sie das im täglichen Leben nicht?

Nun, jetzt wo Sie es sagen. Ja, ich werde schon mal auf der Strasse oder in Zürich im Tram erkannt.

Stört Sie das?

Nein, es ist ja eigentlich schön. Manchmal ein bisschen mühsam. Ich nehme es einfach, wie es kommt.

Dürfen wir Sie auch etwas Persönliches fragen?

Nur zu!

Wir haben immer gedacht, Schwinger seien sehr konservativ. Aber Ihre Frau ist berufstätig und arbeitet im Notariat von Biels Hockeypräsident Andreas Blank.

Ja natürlich. Sie hat dort weiterhin eine 40-Prozent-Stelle. Sie muss doch wegen mir nicht ihre gute Stelle ganz aufgeben. Meine Karriere ist nur möglich, weil ich eine so wunderbare Frau habe. Es muss für uns beide stimmen und ich kümmere mich gerne auch um unsere beiden Kinder. Wir haben dazu das Glück, dass meine Eltern beim Kinderhüten helfen.