Persönlich
Christian Schlauri wurde einst U17-Europameister aber kein Star – er hat sein Glück dennoch gefunden

U17-Europameister Christian Schlauri träumte von der Bundesliga und der Premier League. Daraus ist zwar nichts geworden, glücklich ist er dennoch.

Markus Brütsch, Frauenfeld
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Christian Schlauri
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Super League mit Servette.
Servettes Christian Schlauri (l.) attackiert von Chams Moreno Morenda
Christian Schlauri (l.) spielte von 2010 bis 2013 für Servette.
Seine letzte Station im Profifussball war der FC Lugano.
Christian Schlauri wurde in der U20-Nati während WM 2005 nicht eingesetzt. «Das war auch völlig gerechtfertigt. Leute wie Dzemaili, Salatic oder Djourou waren besser.»

Christian Schlauri

Keystone

Feierabend! Christian Schlauri verlässt das Büro am Marktplatz als Letzter. Seit November letzten Jahres arbeitet er in Frauenfeld im Aussendienst für die Mobiliar Versicherung. Der 32-Jährige packt die Sporttasche in sein Auto, und ab geht es zur Kleinen Allmend. Hier, auf dieser grosszügigen Sportanlage mit den wunderbaren Rasenplätzen ist der FC Frauenfeld zu Hause. «Ich freue mich aufs Training», sagt Schlauri.

Trainer Pascal Cerrone hat nur eine kurze Übungseinheit angesetzt. Schon tags darauf steht das Auswärtsspiel der interregionalen 2. Liga in Chur auf dem Programm. «Wir spielen in der richtigen Spielklasse. Sie passt zu unserem Leistungsvermögen und den Ambitionen», sagt Schlauri.

Christian Schlauri (l.) spielte von 2010 bis 2013 für Servette.

Christian Schlauri (l.) spielte von 2010 bis 2013 für Servette.

Keystone

Sechs Runden vor Schluss stehen die Frauenfelder auf Rang 5, Leader Freienbach ist ausser Reichweite. Die Stimmung im Training ist so prächtig wie das Wetter. Viele der Spieler freuen sich auf das gemeinsame Abendessen nach dem Training. «Das ist das, was ich mir gewünscht habe. Es macht Spass in diesem Team», sagt Schlauri. Auch einer seiner zwei Brüder ist dabei.

Wenn Schlauri im Klublokal vorbeischaut, dann wird er manchmal mit seinem grössten Erfolg konfrontiert. An der Wand hängt ein Wimpel, der an das in Frauenfeld ausgetragene EM-Qualifikationsspiel gegen Wales erinnert. Ansonsten denke er aber nicht besonders oft an jene Tage im Mai 2002, schliesslich lägen sie mittlerweile 15 Jahre zurück. «Aber klar, es waren drei grossartige Wochen. Wir waren eine richtige Familie.»

Keine überschwängliche Feier

Der Trainerstaff mit Markus Frei und Mentalcoach Ruedi Zahner hatte das Team zusammengeschweisst und ihm das nötige Selbstvertrauen eingeimpft. «Meine Eltern sind extra für den Final nach Dänemark angereist», sagt Schlauri, der beim 0:0 gegen Frankreich als zentraler Aufbauer von der ersten bis zur letzten Minute auf dem Feld stand, beim 4:2 gewonnenen Penaltyschiessen aber nicht mehr antreten musste. Der bis dahin grösste Erfolg einer Schweizer Nachwuchsauswahl sei aber nicht überschwänglich gefeiert worden, sagt Schlauri. «Es herrschte Alkoholverbot.»

Seine letzte Station im Profifussball war der FC Lugano.

Seine letzte Station im Profifussball war der FC Lugano.

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Wer denkt, danach seien die frischgekürten Europameister von Agenten und Klubs umzingelt worden, liegt falsch. «Das wäre heute wohl so», sagt Schlauri. «Ich hatte lediglich ein paar Anfragen aus der Schweiz.» Immerhin aber wurde er als U18-Spieler des FC Winterthur von Trainer René Weiler in die erste Mannschaft hochgezogen und eroberte sich einen Stammplatz in der Nationalliga B.

Er besuchte das Sportgymnasium in Zürich und begann in Winterthur eine KV-Lehre. Peter Knäbel holte ihn dann zum FC Basel in die U21, wo er in einem Wohnheim lebte. «Von Felipe Caicedo habe ich spanisch gelernt, und Trainer Heinz Hermann hat mich zum Profi gemacht», erinnert sich Schlauri. Überhaupt seien es gute anderthalb Jahre gewesen in Basel, auch wenn er es angesichts der hochkarätigen Konkurrenten Ivan Rakitic und Zdravko Kuzmanovic nicht in die erste Mannschaft geschafft habe.

Christian Schlauri wurde in der U20-Nati während WM 2005 nicht eingesetzt. «Das war auch völlig gerechtfertigt. Leute wie Dzemaili, Salatic oder Djourou waren besser.»

Christian Schlauri wurde in der U20-Nati während WM 2005 nicht eingesetzt. «Das war auch völlig gerechtfertigt. Leute wie Dzemaili, Salatic oder Djourou waren besser.»

Keystone

Was keine Schande war, zumal auch Gökhan Inler den Cut nicht überstand. Immerhin durfte Schlauri 2005 noch mit der Schweizer U20-Nati an die WM nach Holland fahren. «Jetzt waren wir echte Männer, nicht mehr Buben wie bei der U17-EM drei Jahre zuvor», sagt Schlauri. Zum Einsatz allerdings reichte es ihm nicht. «Das war auch völlig gerechtfertigt. Leute wie Dzemaili, Salatic oder Djourou waren besser.»

Beim Aufstieg nur Zuschauer

Schlauri spielte dann zwei Jahre für Concordia und drei Spielzeiten für Schaffhausen in der Challenge League. Hier lief es ihm unter Trainer Weiler so gut, dass er im Sommer 2010 ein Angebot von Servette erhielt. Challenge League zwar auch, aber ein Klub mit viel Tradition und grossen Ambitionen. Schlauri war inzwischen 25 Jahre alt. Als die Genfer ein Jahr später in die Super League aufstiegen, war er aber nur Zuschauer.

In jener Saison hatte eine Leidenszeit begonnen, wie sie im Fussball nur selten vorkommt. «Ich erlitt in jeder Saison vier bis sechs Muskelfaserrisse», erzählt Schlauri. Er lief von Pontius zu Pilatus, liess sich die Weisheitszähne ziehen, ging zum Osteopathen und stellte die Ernährung um − die Probleme blieben. Er kam zwar noch zu zwölf Einsätzen in der Super League, doch die ständigen Verletzungen warfen ihn immer wieder zurück. Drei Jahre lang seuchte er sich durch. «Wenn ich heute auf diese Zeit zurückschaue, staune ich selbst, mit wie viel Biss und Willen ich immer wieder aufgestanden bin», sagt Schlauri.

Christian Schlauri in der U20-Nati im Jahr 2005.

Christian Schlauri in der U20-Nati im Jahr 2005.

Keystone

Weil aber die Hoffnung zuletzt stirbt, versuchte er sein Glück noch beim FC Lugano. Doch der Körper machte nicht mehr mit, es reichte für den Thurgauer nur noch zu fünf Einsätzen. Gleichwohl brachte ihm das Tessin Glück. Hier lernte er Vanessa kennen, eine Kolumbianerin, mit der er heute in Frauenfeld wohnt und die er vermutlich irgendwann heiraten wird. Noch war aber nicht Schluss mit seiner Fussballkarriere. Er spielte noch zwei Jahre bei Tuggen, wenn er nicht gerade verletzt war und eine Saison bei United Zürich, ehe er im Januar zum FC Frauenfeld zurückkam und sich der Kreis schloss.

Andere hätten vielleicht gehadert ob der unendlichen Verletzungsgeschichte. U17-Europameister − und dann gerademal ein Dutzend Super-Leauge-Partien statt Premier League oder Bundesliga. «Ich bin froh, was ich alles erleben durfte. Ich trauere überhaupt nichts nach. Ich konnte mir meinen Traum, Profifussballer zu werden, erfüllen», sagt Schlauri.
Und vor allem: Er hat den Übergang ins «normale» Berufsleben perfekt geschafft.

Die Schweizer U17-Nationalmannschaft wurde 2002 Europameister.

Die Schweizer U17-Nationalmannschaft wurde 2002 Europameister.

Keystone

Die Kollegen hätten ihn aufgezogen: So, jetzt müsse er endlich auch mal arbeiten, sagt Schlauri. «Aber in den drei Jahren, in denen ich nun für die Versicherung arbeite, hat es keinen einzigen Tag gegeben, an dem ich es nicht mit Freude tat. Ich habe Menschen gerne, und wenn ich von den Kunden Wertschätzung spüre, dann macht mich das glücklich.»

U17-Europameister Christian Schlauri ist mit sich, dem Fussball und der Welt im Reinen.