Fussball
Christian Gross zeigt seinen Saudi-Fussballern die Schneeberge

Der ehemalige Trainer der Grasshopoers, des FC Basel und der Young Boys ist in Saudi-Arabien Trainer des Jahres geworden und bereitet nun im Engadin und später in der Westschweiz seine Mannschaft Al Ahli auf die neue Saison vor.

Von Markus Brütsch, Celerina
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Puh, wie ist das kalt! Die Profis von Al Ahli sehen zum ersten Mal im Leben Schnee.

Puh, wie ist das kalt! Die Profis von Al Ahli sehen zum ersten Mal im Leben Schnee.

Markus Brütsch

Mit einem Lächeln zeigt Christian Gross auf den Schafberg. Dort oben ist er schon mehrmals gewesen. Der Maler Giovanni Segantini hat es ihm angetan. Wie der Künstler von dort oben die Weite des Tales und das spezielle Licht des Engadins darzustellen wusste, hat Gross beeindruckt. «Oben auf dem Schafberg ist Segantini auch gestorben», sagt Gross.

Gleich daneben erhebt sich der Muotas Muragl. Dort hinauf will er mit seiner Mannschaft. Nicht mit der Standseilbahn, sondern zu Fuss über 4000 Treppenstufen. «Wir sind ja vor allem hier, um Kondition zu büffeln», sagt Gross.

Nach einem enttäuschenden Ende bei YB hat Trainer Christian Gross im Ausland ein Abenteuer gesucht – und es in Dschidda am Roten Meer gefunden.

Nach einem enttäuschenden Ende bei YB hat Trainer Christian Gross im Ausland ein Abenteuer gesucht – und es in Dschidda am Roten Meer gefunden.

Markus Brütsch

Doch es ist ein schöner Nebeneffekt, dass er den Spielern vom Al Ahli Saudi Football Club seine geliebte Schweizer Heimat zeigen kann. Auf dem Corvatsch ist er mit den Profis auch schon gewesen. «Sie haben zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee gesehen und sind nicht mehr aus dem Staunen gekommen», erzählt Gross.

Trainings nachts um halb elf Uhr

Im Trainingslager fahren sie Mountainbike, rennen um den nahen See, schuften im Kraftraum und trainieren in Celerina auf dem fantastisch präparierten Sportplatz San Gian. Dass auf 1700 Meter über Meer ein solch wunderbarer Rasenteppich liegt, grenzt fast schon an ein Wunder. Zum Dank tritt Al Ahli heute Abend zu einem Freundschaftsspiel gegen eine lokale Auswahl an. Den zweiten Teil des Vorbereitungscamps absolvieren die Araber, die mit einer 53-köpfigen Delegation angereist sind, in der Westschweiz.

Am 21. August startet Gross in seine zweite Saison als Trainer des saudischen Spitzenklubs Al Ahli. Nach seinem unfreiwilligen Abgang bei YB im April 2012 hatte er Offerten wie jene aus Southampton und Nürnberg abgelehnt und sich für etwas Neues entschieden. «Ich habe ein Abenteuer gesucht», sagt Gross.

Gefunden hat er dieses in der Fünfmillionenstadt Dschidda am Roten Meer. Wegen der Hitze wird oft erst nachts um halb elf trainiert. Auch die Religion beeinflusst das Programm. Dass wegen der Gebetszeiten die Trainings nicht immer pünktlich beginnen, ist für Gross kein Problem. Auch nicht, wenn die Spieler zehn Minuten vor einem Spiel in der Kabine beten. «Ich bin beeindruckt, wie hoch konzentriert sie kurz danach auf dem Platz dann sind.»

Der Torhüter muss ein Einheimischer sein

Vier Ausländer nur sind erlaubt, von ihnen darf aber keiner ein Goalie sein. Zwei Brasilianer, ein Ägypter und der syrische Topskorer Omar al Sona waren in der letzten Saison die Auserwählten. Jetzt sind die Südamerikaner weg, dafür ist der schwedische Internationale Nabil Bahoui da. «Wir sind eine schnelle und athletisch starke Mannschaft mit einigen Strassenfussballern», sagt Gross. «Es ist eine Freude, mit diesen Jungs zu arbeiten.»

Am meisten überrascht habe ihn, wie fussballverrückt die Menschen hier seien, sagt Gross. Zumindest die Männer; denn Frauen ist der Zutritt zu den Stadien noch immer verwehrt. «Ich bin aber überzeugt davon, dass sich die Stellung der Frau in den nächsten Jahren verändern wird», sagt Gross. Gerne würde er mal die nahe Stadt Mekka besuchen, doch als Christ hat er keinen Zutritt. Aber auch in Dschidda sind die unendlichen Pilgerströme in Richtung Mekka zu beobachten.

Lebensfrohe, taktierende Saudis

Gross hat die Saudis als lebensfrohe Menschen kennen gelernt, aber auch als harte Verhandlungspartner. Die Vermutung, hier würde den Europäern und Südamerikanern das Geld hinterhergeworfen, verweist er ins Reich der Fabeln. «Die Einheimischen wissen genau, dass die Ölreserven nicht unendlich sind», sagt Gross, «sie sind abgeklärt und taktierend.» Er gibt indes zu, dass das Arbeiten hier auch deshalb reizvoll sei, weil es keine Steuern gebe. «Ich lebe angenehm in einer Residenz für Ausländer», sagt Gross. Seine Partnerin sieht er einmal pro Monat.

Seit gut einem Jahr ist er nun in Saudi-Arabien tätig. Seine Bilanz kann sich sehen lassen. Von vierzig Pflichtspielen hat er nur zwei verloren und im Februar hat er in Riad den Cupfinal gegen Al Hilal gewonnen. Er hat mit Al Ahli gegen iranische, usbekische und arabische Gegner die Achtelfinals der asiatischen Champions League erreicht, ist dann aber knapp an Naft Teheran gescheitert.

Verrückt war der Saisonverlauf in der Premier League. Mit vier Punkten Rückstand wurde Al Ahli hinter Nasr nur Vizemeister, obwohl es beide Direktbegegnungen gewonnen hatte und in der gesamten Meisterschaft ungeschlagen geblieben war. «Neun Unentschieden waren aber zuviel», sagt Gross. Gleichwohl wurde der Höngger vom saudischen Verband offiziell zum Trainer des Jahres gewählt. Sein Fazit nach einem Jahr: «Ein grosser Teilerfolg.»

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