Matthias Kamber
Chef von Antidoping Schweiz zum jüngsten Skandal: «Die alte Führung des Leichtathletik-Verbands hat Geld kassiert»

Nach vierjährigem Rechtsstreit durfte die Universität Tübingen ihren Bericht veröffentlichen. Der Befund: Über 30% Prozent der Leichtathleten gaben selbst an, gedopt zu haben. Und das sagt der Chef von Antidoping Schweiz dazu.

Rainer Sommerhalder
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Matthias Kamber, Direktor von Antidoping Schweiz, warnt vor falschen Schlüssen aufgrund der Doping-Studie der Universität Tübingen.

Matthias Kamber, Direktor von Antidoping Schweiz, warnt vor falschen Schlüssen aufgrund der Doping-Studie der Universität Tübingen.

Über 30 Prozent von 1202 befragten Sportlerinnen und Sportlern gaben an, im Vorfeld der Leichtathletik-WM 2011 in Südkorea gedopt zu haben. Die Universität Tübingen veröffentlichte die erschreckenden Zahlen nach einem vierjährigen Rechtsstreit mit dem internationalen Leichtathletik-Verband. Die Dopingkontrollen während der WM überführten lediglich 14 Teilnehmer – davon 11 aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Experte Matthias Kamber, Direktor von Antidoping Schweiz, nimmt zur heiss diskutierten Studie Stellung.

Matthias Kamber, mehr als 30 Prozent der WM-Teilnehmer dopt. Ist die Leichtathletik ein Sündenpfuhl?
Matthias Kamber:
Die absoluten Zahlen der Studie zeigen nicht die ganze Wahrheit. Man müsste wissen, aus welchen Nationen die Doper kommen und welche Substanzen sie benutzt haben. Auch ist zu berücksichtigen, dass wir von 2011 und nicht von 2017 sprechen. Seither ist in der Dopingbekämpfung einiges passiert. Dank der verfeinerten Analysemethode konnte seit 2015 in diversen Nachtests eine grosse Anzahl Anabolika-Sünder überführt werden. Diese Substanzen wurden in vielen Ländern, teilweise sogar mit staatlicher Unterstützung, grosszügig eingesetzt. Vor allem, aber nicht nur in Ländern der ehemaligen Sowjetunion, sondern überall, wo es kein unabhängiges und überraschendes System der Trainingskontrollen gab oder gibt. Das wissen wir heute dank den Nachtests der eingefrorenen Dopingproben. Deshalb wohl auch die sehr hohen Zahlen der Studie. Ich bin überzeugt, dass niemals 30 Prozent westeuropäischer Leichtathleten gedopt waren.

Dafür in anderen Ländern sogar mehr als die Hälfte?
Vielfach kündigen auch die Sportverbände ihre Kontrollen in diesen Ländern an. Ich weiss, dass zum Beispiel der internationale Tennisverband mehrere Wochen im Voraus Bluttests angekündigt hatte. So etwas ist ganz einfach nicht seriös. Hier gibt es nach wie vor viel zu verbessern.

Die Dopingtests während der WM entlarvten nur 0,5 Prozent der Teilnehmenden. Offenbar sind diese nutzlos, wenn jeder Dritte dopt?
Nein, nutzlos nicht. Man kann die Proben ja heutzutage bis zehn Jahre lang einfrieren und nachanalysieren. Es wäre aber zu begrüssen, dass solche Proben dann nochmals angeschaut werden, wenn in der Dopingbekämpfung eine neue Methode zur Verfügung steht – und nicht per se erst nach zehn Jahren.

Viele Fachleute geben dem korrupten Sportsystem die Schuld an der erschreckend hohen Zahl von gedopten Sportlern. Wo sehen Sie die Schuldigen?
Da gibt es tatsächlich verschiedene Ebenen. Wir wissen ja heute, dass etwa die alte Führung des Leichtathletik-Verbandes Geld kassiert hat, um positive Dopingproben verschwinden zu lassen. Es wurde zu lange weg- und den Sportverbänden zu wenig auf die Finger geschaut. Versagt hat also auch ein wenig die Politik.

Die Anzahl an Dopern ist erschreckend hoch

Die Anzahl an Dopern ist erschreckend hoch

KEYSTONE/AP/SANG TAN

Die Autoren der Studie fordern als Konsequenz ihrer Erkenntnisse eine neue Strategie im Kampf gegen Doping. Wie soll diese aussehen?
Die Autoren werden hier leider nicht konkret. Es gibt diese neuen Wege: Der Sport muss mehr kontrolliert werden. Noch immer kontrolliert er sich vorwiegend selber. Der weltweite Austausch von Daten ist nach wie vor schwierig und die Unabhängigkeit der Wada ist ebenfalls nicht in jenem Mass gegeben, das notwendig wäre. Letztlich ist es auch eine finanzielle Frage. In der Antidoping-Forschung wäre viel mehr möglich. Ideen und Projekte sind da, aber es fehlt das Geld.

Was denken Sie: Waren an der jüngsten Leichtathletik-WM in London auch so viele Athleten gedopt?
Nein. Die Entwicklung im Kampf gegen Doping und die klare Stellung des Leichtathletik-Verbandes gegenüber Russland mit dem Ausschluss eines Grossteils der Athleten sagen mir, dass die Situation in London sicher besser war.