Draussen tobt ein Sturm, drinnen herrscht eitel Sonnenschein. Dieses Bild des Londoner Novemberwetters entspricht durchaus dem, was derzeit im Antidoping-Kampf abläuft. Die Welt-Antidoping-Agentur Wada hat mit ihrem Entscheid, die russische Antidoping-Behörde wieder aufzunehmen, eine Welle der Entrüstung ausgelöst. Athleten, nationale Agenturen und Medien kritisieren die Wada scharf. Zuletzt war sogar der Rücktritt von Wada-Präsident und IOC-Mitglied Sir Craig Reedie gefordert worden. Man will mehr Mitsprache von Athleten und eine echte Reform der Wada.

Die Kontrahenten verhalten sich bisweilen nicht sehr klug, werfen mit offenen Briefen um sich und beschuldigen sich gegenseitig, den Antidoping-Kampf empfindlich zu schwächen. Im Weissen Haus in Washington fand vorgestern ein «dringendes Antidoping-Gipfeltreffen» statt – initiiert von der sehr kritischen amerikanischen Agentur Usada. Zwar war mit der norwegischen Familienministerin Linda Hofstad Helleland auch die derzeitige Wada-Vizepräsidentin dabei, aber diese ist in den vergangenen Wochen derart auf Distanz zur eigenen Führung gegangen, dass sie von der Wada nicht als offizielle Vertretung angesehen wurde.

Gleichzeitig versuchte die Wada in London die Medienvertreter milde zu stimmen, indem man sich sehr transparent zeigte, die verschiedenen Erfolge im Kampf gegen Doping aufzeigte und den gewählten Weg in der Russland-Frage pries. Der Schweizer Wada-Generaldirektor erklärt „CH Media“, wieso seine Organisation richtig entschieden hat:

Sind Sie überrascht, wie emotional die Diskussionen zum Russland-Entscheid verlaufen?

Olivier Niggli: Ich kann nicht sagen, dass ich überrascht bin. Seit dem Anfang dieses Falles im Jahr 2015 wurde er sehr emotional geführt. Der russische Sport hat die Leute polarisiert. Deshalb habe ich vor unserer Entscheidung nicht erwartet, dass es einfach wird. Ich hätte mir aber erhofft, dass vor allem die Athleten unseren Weg mehr unterstützen würden. Aber als Vertreter einer Behörde, die reguliert, akzeptiere ich es, dass man manchmal auf Empfehlung von Experten beschliessen muss und nicht die populärste Entscheidung fällen kann.  

Der Wada gelang es nicht, die Argumente, die für diesen Weg sprechen, überzeugend in der Öffentlichkeit zu platzieren?

Das Problem ist, dass man diese Argumente nicht in einen Tweet von 100 Zeichen packen kann. Und in der heutigen Welt hat man die Kommunikations-Schlacht so beinahe schon verloren. Zu verstehen, wieso wir so gehandelt haben, bedingt ein Verständnis für eine sehr komplexe Materie und für einen komplizierten juristischen Rahmen. All dies sind schreckliche Begriffe in der modernen Kommunikation. Es ist viel einfacher, mit dem Finger auf uns zu zeigen und zu sagen, dass wir die Russen wieder zurückgeholt haben. Einige haben uns verstanden, andere wollen uns nicht verstehen und dann gibt es noch jene, die ihre Position gegenüber dem russischen Sport aus Prinzip nicht ändern werden. Einfach, weil es Russland ist.  

Die Reaktionen von Athleten und nationalen Antidoping-Agenturen sind heftig!

Die Wada wird zu je 50 Prozent von der Politik und vom Sport geführt. Wir steuern den Wagen nur. Um eine Änderung von Führungsstrukturen zu erwirken, braucht es eine Zweidrittel-Mehrheit. Deshalb sollten die Kritiker, anstatt lauthals in der Öffentlichkeit den Fahrer zu attackieren, besser den Besitzer des Wagens davon überzeugen, ihn in Schuss zu bringen.

Leidet die Wada, weil das IOC dreimal eine falsche Entscheidung traf: Die Russen in Rio starten zu lassen, die Russen unter neutrale Athleten aus Russland in Korea starten zu lassen und die Russen nur zwei Tage nach diesen Olympischen Winterspielen wieder aufzunehmen?

Klar haben wir unter der russischen Dopinggeschichte gelitten - auf verschiedensten Ebenen. Aber ich würde nicht sagen, wir haben speziell wegen diesem oder jenem Entscheid gelitten. Niemand war auf so etwas vorbereitet. Wir wussten nicht, wie man angemessen darauf reagieren sollte. Und vor allem fehlte uns der rechtliche Rahmen, um damit umzugehen. Es gab keine klare Trennung von Verantwortung und keine Vorgaben, wie die Sanktionen ausfallen müssen. Jede Organisation versuchte, so gut wie möglich durch dieses neue Territorium zu navigieren. Entscheide wurden gefällt – ob gut oder schlecht. Wenn ich ein positives Fazit ziehen möchte: Wir haben aus dem Fall Russland gelernt, uns so aufzustellen, dass wir gerüstet sind, wenn etwas Vergleichbares noch einmal passiert.

Sind Sie zuversichtlich, dass die Wada bis Ende Jahr Zugang zu den Moskauer Labordaten erhält?

Die Russen haben erstmals schriftlich akzeptiert, dass sie es ermöglichen werden. Ich habe keinen Grund, zu glauben, dass sie sich nicht daran halten werden. Es verbleiben nur noch zwei Monate, wir werden die Antwort also bald kennen.

Gibt es Anzeichen dafür?

Ja, wir sind in Diskussionen mit russischen Offiziellen und es gibt Fortschritte.

Was passiert, wenn es bis zum 31. Dezember keinen Zugang gibt?

Der weitere Prozess ist klar. Gemäss dem neuen internationalen Standard wird unsere Prüfungskommission zuerst eine Empfehlung aussprechen. Letztlich wird der Internationale Sportgerichtshof endgültig entscheiden.

Das heisst im Extremfall, dass kein einziger Russe bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio dabei sein wird?

Ich will nicht über den CAS-Entscheid spekulieren. Die Bandbreite der Sanktionen ist definiert. Es liegt dann an den Richtern in Lausanne, nach diesen Vorgaben zu entscheiden.