Sport

Chaos vor dem ewigen Frieden: Wie Argentinien Maradona verabschiedet

Die dreitägige Staatstrauer nach dem Tod von Diego Maradona war von Ausschreitungen und einem Skandal überschattet. Eine Million Menschen wollten vom ehemals besten Fussballer Abschied nehmen.

Der Jardín Bella Vista, der Garten der schönen Aussicht, ist ein Privatfriedhof im Nordwesten der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Der Ort, an dem Diego Armando Maradona seit Donnerstagabend ruht, liegt geografisch ziemlich in der Mitte zwischen Villa Fiorito und Tigre, zwei Gegenden, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Sie stehen für den Anfang und das Ende des turbulenten Lebens des ehemals weltbesten Fussballers.

Auf den Strassen von Buenos Aires gedenken Fans Diego Maradona.

Auf den Strassen von Buenos Aires gedenken Fans Diego Maradona.

Im Armenviertel Villa Fiorito kam Maradona vor 60 Jahren zur Welt. Er wuchs mit sieben Geschwistern als Sohn des Fabrikarbeiters Diego Senior und der Hausfrau Dalma in einem bescheidenen Häuschen auf. Dorthin pilgern seit Mittwoch Hundertschaften, legen Blumen und Kränze nieder, zünden Kerzen an, weinen, beten und singen. In einem schmucken Heim in einer überwachten Wohnanlage in Tigre erlitt Maradona vor drei Tagen seinen insgesamt dritten und letztlich tödlichen Herzinfarkt. Körper und Geist, jahrzehntelang von Drogen, Alkohol, Medikamenten und Depressionen geschunden, wollten nicht mehr.

Seither spielt ein ganzes Land verrückt. Maradonas Tod lässt kaum einen der rund 45 Millionen Argentinier unberührt. Sie liebten und verehrten ihn teils geradezu abgöttisch, weil er Fussball spielte wie kein Zweiter. Sie identifizierten sich mit ihm, weil er abseits des Rasens fehlbar war, sich oft verdribbelte. Maradona war ein Mann des Volkes. Anders als Lionel Messi, dem niemals diese Aufmerksamkeit zuteil werden wird, obwohl ihn viele für den noch besseren Spieler halten.

Die Erzfeinde in der Trauer vereint

Maradonas Tod trieb viele auf die Strasse, in Buenos Aires vor allem zum Wahrzeichen Obelisco. Dort werden grosse Erfolge gefeiert, etwa die Weltmeisterschaft 1986, die «Dieguito» fast im Alleingang gewonnen hatte, mit seinen beiden berühmtesten Toren, der «Hand Gottes» und dem Sololauf, beide erzielt gegen England.

River Plate und Boca Juniors sind die Erzrivalen im argentinischen Fussball. Die Ultras beider Fanlager gelten als extrem gewaltbereit. In Lateinamerika hat der Fussball in den letzten Jahren mehr als 300 Todesopfer gefordert, viele von ihnen Anhänger von River und Boca. Am Donnerstag waren vor und im Präsidentenpalast viele Trauernde in den rotweissen beziehungsweise gelbblauen Trikots der beiden Klubs zu sehen, die sich umarmten und gegenseitig Trost spendeten.

Der Sarg: Geschmückt mit einem Trikot der Boca Juniors und einem der Nationalmannschaft.

Der Sarg: Geschmückt mit einem Trikot der Boca Juniors und einem der Nationalmannschaft.

Medienschätzungen zufolge strömten am Donnerstag bis zu einer Million Menschen zur Casa Rosada. Dort ruhte der Verstorbene in einem verschlossenen Sarg, der mit der argentinischen Flagge sowie einem Trikot der Nationalmannschaft und von Boca Juniors geschmückt war. Bevor die Trauergemeinde von Maradona Abschied nehmen konnte, liessen sich drei Angestellte des Bestattungsunternehmens am offenen Sarg mit dem Leichnam fotografieren und veröffentlichten Fotos in Sozialen Medien. Das Unternehmen reagierte umgehend auf diese beispiellose Geschmacklosigkeit: Es entliess die Fehlbaren und entschuldigte sich in der Öffentlichkeit für deren skandalöses Verhalten.

Ursprünglich wollte die Trauerfamilie den Anhängern während der gesamten dreitägigen Staatstrauer die Möglichkeit bieten, sich vom berühmtesten Sohn des Landes zu verabschieden. Das Vorhaben scheiterte an den mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen. Der Menschenandrang überforderte Polizei und Militär. Als sie Trauernden, teils etliche Stunden aus anderen Landesteilen angereist, den Zugang zur Casa Rosada verweigerten, kam es zu Ausschreitungen. Chaoten randalierten und warfen Gegenstände gegen Sicherheitskräfte, die ihrerseits Gummischrot und Tränengas einsetzten. Es kam auch zu Verhaftungen. Sicherheitshalber wurde der Sarg vorübergehend in einen anderen Raum gebracht und schliesslich wesentlich früher als geplant zum Jardín Bella Vista.

Dort wurde Maradona schliesslich neben seinen Eltern beigesetzt. Bei der Abdankung waren nur 40 Personen anwesend, so wollte es seine Ex-Frau Claudia Villafañe, welche die Trauerfeierlichkeiten organisierte. Aus dem Fussballbereich eingeladen war einzig Guillermo Coppola, der langjährige Manager des Verstorbenen. Gemeinsam mit Maradonas Töchtern Giannina, Dalma und Jana trug er auch den Sarg.

Meistgesehen

Artboard 1