Der 56-jährige Solothurner Cameron hat drei Ziele:

  • Er will Basis und Verband näher zusammenführen, indem man die fünf Regionalpräsidenten in den Zentralvorstand (ZV) des SSCHV, das strategische Organ, einbindet.
  • Er will einen Generalsekretär einsetzen, der mehr im Sinn des ZV verwaltet, statt eines zu souverän agierenden Geschäftsführers/CEO als operativem Leiter der Geschäftsstelle.
  • Und er will, dringend, als Präsident mehr Präsenz an der inländischen und ausländischen Front markieren.

Der orthopädische Chirurg mit Praxis in Solothurn und langjährige Teamarzt der Schweizer Nationalmannschaft löst per sofort den Luzerner Frank Lutz ab. «Ich wurde angefragt, ob ich das Amt übernehmen will, und habe aufgrund der herrschenden Situation Ja gesagt», erklärt der in der Szene absolut geschätzte, ehemalige Schwimmer und Trainer der Old Boys Basel.

Eigentlich hatte der in Wales geborene Familienvater ja vor, kürzerzutreten. Darum gab er zuletzt auch all seine Ämter ab. Dies, nachdem er unter anderem Präsident der Regionen Zentralschweiz West und Nordwestschweiz war. «Jetzt wird der Schwimmkalender wieder meinen Ferienplan bestimmen.» Unterstützt wird Cameron, primär auf internationalem Parkett, vom 66-jährigen Bartolo Consolo als Co-Präsident. Der gebürtige Römer lebt seit Jahren in Lancy und besitzt in der Schweiz neben Immobilien und einer Sportartikelfirma auch den roten Pass. Und was ist denn nun geschehen, dass Lutz kurz vor den Olympischen Spielen den Bettel hinschmiss und inzwischen auch die Geschäftsführerin des SSCHV, Barbara Moosmann, sowie zwei weitere Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle gekündigt haben?

Vier «eliminiert»

Am Kongress des europäischen Verbandes LEN – dessen Ehrenpräsident Consolo ist – im Mai in London wurden vier von fünf Schweizer LEN-Kommissionsmitgliedern abgewählt. Allein Jacques Racine (Wasserball) wurde bestätigt. Andreas Tschanz (Schwimmen) und Rolf Ingold (Open Water) wählte man ab und die fürs Synchronschwimmen vorgesehenen Nina Brennwald und Carmen Stritt-Burk fürs Wasserspringen übersah man sehr gezielt. Damit ist die Eidgenossenschaft im schwimmerischen Europaparlament nur noch durch Racine vertreten. Die anderen wurde alle «Opfer» des erzürnten LEN-Präsidenten Paolo Barelli.

Warum? Weil sich die Schweizer Verbandsvertretung in London, namentlich SSCHV-Geschäftsführerin Barbara Moosmann, rausnahm, ihren Job nach «bestem Wissen und Gewissen» zu machen und bei der Wiederwahl des LEN-Präsidenten Barellis holländischen Gegenkandidaten, Erik van Heijningen, unterstützte –ja für diesen, gemäss Barelli, sogar lobbyierte.

Dies wurde ihr respektive dem SSCHV vom Italiener als «Verrat» ausgelegt, worauf Barelli vor den entsprechenden Kommissions-Wahlen eine «prefered list» zirkulieren liess, auf der für ihn die Wählbaren von den «Unwählbaren» separiert waren. Die Schweizer gehörten zur zweiten Sorte. Die Machtspiele der Schwimmer erinnern an diejenigen der Fussballer beim Weltverband Fifa.

Bestätigung liegt vor

LEN-Direktor Paulo Frischknecht hat dieses «Vorgehen» dem SSCHV explizit per Mail bestätigt. «Man stelle sich seitens des europäischen Verbandes ein eindeutiges Bekenntnis der Schweiz zu Präsident Barelli und dessen Crew vor», steht da. Zudem habe SSCHV-Präsident Lutz dem LEN-Präsidenten Barelli in London nicht persönlich seine Aufwartung gemacht, was Letzterer als «enttäuschend» empfand. Der zweifache Olympiateilnehmer Barelli verweist gern darauf, dass er während seiner ersten Amtszeit den Umsatz der LEN durch neue und lukrativere Vermarktung und neue Einnahmen aus TV-Geldern von rund 240 000 auf 4,5 Millionen Euro angehoben habe. Zweifellos toll – woher das Geld auch immer stammt; denn viel von diesem Geld fliesst an die Verbände zurück, die so weniger oder fast keine Kosten mehr haben, wenn sie Delegationen an europäische Meisterschaften schicken. «Sich gegen einen solchen Mann zu stellen, ist eher ungeschickt und war auch nie im Sinn des Zentralvorstandes», räumt Ewen Cameron ein.

Der Skandal von London wurde zum Steilpass für die Kritiker innerhalb des nationalen Verbandes. Die Disziplinen-Chefs – Wasserball, Wasserspringen, Schwimmen, Synchronschwimmen – und weitere ZV-Mitglieder brachten sich in Stellung und beriefen ein «Geheimtreffen» ein, um zu beraten, was zu tun sei, um gegen den ihrer Meinung nach an der Front viel zu wenig wahrnehmbaren und sich präsentierenden Präsidenten und damit auch gegen die so zu mächtig werdende Geschäftsführerin Barbara Moosmann, als dessen Stellvertreterin, vorzugehen. Es bestehe «Handlungsbedarf weil der Präsident Lutz und die Geschäftsführerin Moosmann die Kompetenz von ihnen als Sportdirektoren zunehmend beschneiden und sie als Technische Direktoren ihres Rechts beraubt würden. Die Abgänge von Lutz und Moosmann waren in dem Sinn deren Antwort.

Kein Konzert für alle

Nach dem Führungswechsel werden die Wasserballer, die sich zuvor vom SSCHV abspalten wollten, nun bleiben. Und auch auf europäischer Ebene habe Präsident Paolo Barelli erklärt, dass, sollte sich im SSCHV führungsmässig etwas ändern, man darüber reden könne, zwei bis drei Schweizer schnell und unbürokratisch in die entsprechenden LEN-Kommissionen zurückzuintegrieren. «Wir werden ihn jetzt beim Wort nehmen», hält Cameron fest: «Tja, das ist eben Politik.» Ein Polit-Konzert, in dem man öfter Mal applaudieren und Lächeln und gute Mine zu einem Spiel machen müsse, das einem nicht immer nur gefalle.