Champions League
Nach Sensationssieg gegen Real Madrid: Das ist das Überraschungsteam Sheriff Tiraspol

Ein Sieg gegen Shakhtar Donezk im ersten Champions-League-Spiel der Geschichte und nun wurde auch Real Madrid phänomenal bezwungen. Sheriff Tiraspols Märchen ist eine der grössten Underdog-Geschichten des Fussballs. Ein Porträt über den Klub aus Transnistrien, einer autonomen Region in Moldawien.

Pascal Kuba
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Sheriffs Torhüter Giorgos Athanasiadis (links) und Dimitris Kolovos feiern den überraschenden Sieg ihres Teams gegen Real Madrid.

Sheriffs Torhüter Giorgos Athanasiadis (links) und Dimitris Kolovos feiern den überraschenden Sieg ihres Teams gegen Real Madrid.

Jose Breton / AP

Sechs Punkte aus zwei Spielen gegen scheinbar übermächtige Gegner. Sheriff Tiraspol hat mit seiner fantastischen Leistung in der Champions League ein grosses Ausrufezeichen gesetzt. Als Sebastien Thill in der 89. Minute herrlich per Halbvolley zum 2:1 für Sheriff Tiraspol gegen Rekordsieger Real Madrid trifft, verhalf der Luxemburger aber nicht nur dem Verein zu grossen Schlagzeilen. Der Sieg wirft das Licht ebenso auf eine ganze Region, die in unseren Breitengraden wenig Beachtung findet.

Transnistrien, der eigenständige Staat in Moldawien

Die Stadt Tiraspol mit ihren knapp 150'000 Einwohnern liegt zwar in Moldawien, fungiert aber als Hauptstadt einer kleinen autonomen Region zwischen der ukrainischen Grenze und dem Fluss Dnister. Seit der Auflösung der Sowjetunion existiert hier die De-facto-Republik Transnistrien, die international nicht anerkannt wird, jedoch eine eigene Regierung, eigenes Geld und eine eigene Armee sowie Polizei verfügt.

Das Lenin-Denkmal vor dem Regierungsgebäude in Tiraspol.

Das Lenin-Denkmal vor dem Regierungsgebäude in Tiraspol.

Keystone

In Transnistiren scheint die Zeit still zu stehen. Vieles erinnert an die UdSSR: Die Flagge zieren Hammer und Sichel, vor dem Parlament steht eine Statue von Lenin. Die Menschen identifizieren sich eher als Sowjetbürgerinnen und -bürger als mit Moldawien. Doch das Land ist arm und geprägt von mafiösen Strikturen. In Mitten dessen steckt Transnistriens grösster Arbeitgeber und grösste privatisierte Firma, Sheriff. Das monopolistische Unternehmen ist unter anderem als Supermarktkette, Tankstellenbetreiber, Mobil­funk­an­bieter, als transnistrische Niederlassung von Mercedes-Benz und Wohnbaugesellschaft tätig.

Gemietete Sportplätze und ein 185-Millionen-Stadion

Daneben unterstützt Sheriff den Fussballverein aus Tiraspol kräftig. Konzernleiter Viktor Gusan ist gleichzeitig Klub-Präsident. Obwohl Sheriff Tiraspol erst vor 25 Jahren gegründet wurde, könnte der Graben zwischen dem Oligarchenklub und dem Rest der Liga tiefer nicht sein. Der Verein dominiert die moldawische Liga nach Belieben und hat von 22 möglichen Meistertiteln 20 geholt. Während sich die gesamte Liga auf Sportplätzen der regionalen Behörden einmieten muss, besitzt Sheriff Tiraspol ein Stadion mit 13.300 Zuschauern und integriertem Luxushotel, Gesamtkosten: Rund 185 Millionen Franken.

Das Stadion von Sheriff Tiraspol hat 13'300 Plätze und kostete über 185 Millionen Franken.

Das Stadion von Sheriff Tiraspol hat 13'300 Plätze und kostete über 185 Millionen Franken.

AP

Die Grösse von Sheriff Tiraspol ist vergleichbar mit jener des FC Luganos, wobei der Marktwert der Mannschaft der Tessiner mit 15 Millionen Franken sogar um fast Millionen höher ist. Einheimische Spieler sind rar. Gerade mal sechs Spieler mit moldawischem Pass befinden sich im Kader von Sheriff Tiraspol, davon sind zwei Ersatztorhüter und ein Spieler aus der eigenen Jugend. Bekannte Spieler hat der Verein nicht unter Vertrag.

Multinationale Mannschaft als Erfolgsrezept

Die Politik des Klubs erinnert stark an jene von Shakhtar Donezk: Ausländische Spieler ausbilden, um sie dann gewinnbringend zu verkaufen. Derweil die Ukrainer sich auf Brasilianer spezialisieren, gibt sich Sheriff Tiraspol multinationaler. Spieler aus Trinidad und Tobago, Mali, Peru, Kolumbien, Malawi und Usbekistan sind nur Stichproben der aus der Mannschaft.

Nur ein Punkt aus zwei Spielen für Inter: Kann Sheriff Tiraspol auch gegen die italienischen Meister aufzeigen?

Nur ein Punkt aus zwei Spielen für Inter: Kann Sheriff Tiraspol auch gegen die italienischen Meister aufzeigen?

Luca Bruno / AP

Vor ihrem Champions-League-Märchen waren die Moldawier viermal in der Europa League vertreten, mit mässigem Erfolg. Nun schreibt die Mannschaft aus Transnistrien Geschichte und stellt die Gruppe D mit Real Madrid, Inter Mailand und Shakhtar Donezk auf den Kopf. Es wird sich zeigen, ob Sheriff Tiraspol auch gegen Inter bestehen und Platz eins verteidigen kann.

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