EM-Qualifikation
Captain Inler unter Druck, Embolo im Hoch

Dass die Schweizer in der EM-Qualifikation in Vilnius eine heikle Situation ohne ihren Captain bereinigten, bleibt haften. Ob die taktischen Anpassungen von Nationalcoach Vladimir Petkovic nachhallen, ist offen.

Sven Schoch
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Petkovic (l.) wechselte gegen Litauen Captain Inler aus.

Petkovic (l.) wechselte gegen Litauen Captain Inler aus.

Keystone

Mutlos handelte Petkovic in Litauen ganz bestimmt nicht. Im Gegenteil: In ungemütlicher Bedrängnis entschied sich der Coach zu einem kursweisenden, je nach Sichtweise brisanten Doppel-Wechsel. Wie im Hinspiel (4:0) demonstrierte der Tessiner in erster Linie, dass er die Mannschaft inzwischen gut spürt und mit taktischen Anpassungen Blockaden lösen kann.

Im vergangenen Herbst animierte Petkovic die Equipe durch den Eintritt von Josip Drmic, der mit zwei Assists wesentlich an der positiven Entwicklung beteiligt war. Am Sonntagabend griff er in der 58. Minute ein, weil er das spielerische Vakuum beheben wollte, weil ihm Gökhan Inlers Performance in der gegnerischen Zone nicht mehr genügte.

Öffentliche Debatte unvermeidbar

Inlers vorzeitigen Dienstschluss nun aber bereits als unwiderrufliche Entmachtung des Captains auszulegen, wäre wohl verfrüht und zu polemisch. Die öffentliche Debatte ist zwar unvermeidbar, beteiligen wird sich Petkovic nicht daran. Er kennt die physische Qualität des Napoli-Professionals, die vor allem gegen offensiv gut bestückte Kontrahenten ins Gewicht fällt.

Unter Umständen wird sich Inlers Rolle aber ändern. Womöglich besitzt er fortan anders als unter Ottmar Hitzfeld mittelfristig keine Stammplatzgarantie mehr. Vielleicht schwebt Petkovic künftig eine eher defensive oder offensive Variante vor - einmal mit, einmal ohne Inler.

Dass Granit Xhaka eine zentralere Position wünscht, ist kein Geheimnis. Der Gladbacher Antreiber bewegt auf der Position Inlers spürbar mehr als auf der Seite. Intern deponierte er seine Vorstellungen schon mehrfach. Die Wende in Litauen bestärkte ihn weiter, Ansprüche anmelden zu dürfen. Inler hingegen muss sich Fragen gefallen lassen.

Und Petkovics Bemerkung, sie hätten in der ersten Hälfte Mühe bekundet, "das Spiel richtig zu steuern", war ein Hinweis darauf, wer in Zukunft vermehrt in den Mittelpunkt rücken könnte: Xhaka. In der Bundesliga führte der 22-Jährige Mönchengladbach als eigentlicher Steuermann direkt in die Champions League.

Der Schweizer Trainer schätzt clevere Figuren mit hoher Risikobereitschaft. Sie entsprechen seiner Philosophie, eine Partie zu beherrschen, selber die Richtung vorzugeben, sich in 1:1-Situationen Vorteile zu verschaffen. Er will keine Equipe, die verwaltet, er denkt lösungsorientiert und coacht entsprechend aktiv.

Embolos Schwung

Breel Embolo beispielsweise, der 18-jährige Pflichtspiel-Debütant, ist wie geschaffen für den positiven Ansatz Petkovics. Für den Enthusiasmus, für die Unbeschwertheit des Basler Aufsteigers ist in seinem taktischen Entwurf sehr viel Spielraum vorgesehen.

So wie er im Fall von Inler die Momentaufnahme richtig deutete, überzeugte Petkovic auch im Zusammenhang mit Embolo mit dem richtigen Timing. Der sportlich wertvollste und spannendste SFV-Hoffnungsträger bereitete das entscheidende Tor von Xherdan Shaqiri (84.) perfekt vor.

"Ich will Schwung und Kreativität ins Team reinbringen", erklärte das FCB-Juwel am Tag danach. Keck, erfrischend, unbeschwert. Er macht sich weiterhin "nie gross Gedanken". Die immer grössere Erwartungshaltung blendet Embolo (noch) aus: "Ich konzentriere mich auf meinen Job auf dem Platz."

Der nicht zu unterschätzenden Situation beim Stand von 1:1 in Litauen begegnete der gebürtige Kameruner ohne jegliche Hektik: "Vielleicht kommt der Tag mal noch, an dem ich nervös werde." Er habe in Basel gelernt, mit Druck umzugehen. Im Nationalteam soll er im gleichen Stil fortfahren. Petkovic vertraut dem Jahrzehnt-Talent: "Bei ihm hatte ich nie Zweifel."