Rad
Cancellara nimmt Abschied von der hassgeliebten Tour de France

Fabian Cancellara und die Tour de France – das ist keine Liebesbeziehung. Oder keine mehr. Das Verlangen ist weg. Das unwiderstehliche, unerreichbar scheinende Rennen, von dem ereinst träumte, das er einmal gewinnen wollte, hat seinen Reiz verloren.

Simon Steiner
Drucken
Teilen
Für Fabian Cancellara ist es die letzte Chance, in Paris einzufahren.

Für Fabian Cancellara ist es die letzte Chance, in Paris einzufahren.

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

«Die Tour de France ist vor allem ein grosses Zirkuskarussell», sagt Cancellara vor seiner zehnten Tour, die morgen mit einem Prolog im holländischen Utrecht beginnt.

Cancellara hat den ganzen Rummel um die «Grande Boucle» satt. Das mediale Drumherum, die lange Reiserei neben den Etappen. Dabei ist es durchaus nicht so, dass ihm die Tour de France in der Vergangenheit die kalte Schulter gezeigt hätte.

Im Gegenteil: Er konnte bei ihr sogar mit grossem Erfolg punkten. Der Gesamtsieg blieb zwar ausser Reichweite: Mit seinem Körperbau hätte er beim Gewicht zu grosse Opfer bringen müssen, um in den Bergen mit den Kletterern mitzuhalten zu können.

Doch Cancellara steht bei der Tour de France mit sieben Etappensiegen zu Buche und trug 28 Tage lang das «Maillot jaune» – so lange wie kein anderer Fahrer, der nie die Gesamtwertung gewonnen hat.

Abrackern fürs Team

«Im Rückblick werde ich vielleicht einmal besser erkennen können, dass mir die Tour auch viel gegeben hat», sagt Cancellara, der seine Wertschätzung für die Rundfahrt nur zurückhaltend zeigt. «Mir hat auch niemand Merci dafür gesagt, dass ich so lange das Leadertrikot getragen habe.»

Dass der 34-Jährige nun fast contre cœur zur Tour de France startet, bedeutet nicht, dass er sich nicht dafür motivieren kann. Natürlich sind es vor allem sein Team, das es sich den Sponsoren gegenüber kaum leisten kann, im Rennen mit der grössten weltweiten Aufmerksamkeit auf seinen Star zu verzichten.

Natürlich ist es auch das Team, das von seinem Angestellten Cancellara für seinen Millionenlohn eine angemessene Gegenleistung erwartet. Doch auch er selber findet gute Gründe dafür, noch einmal anzutreten.

Der erste Grund ist die Tatsache, dass sich seine Karriere dem Ende zuneigt. Cancellara hat in den vergangenen Monaten mehrmals klar gesagt, dass er nicht über 2016 hinaus fahren werde.

Und weil es ihm wichtig ist, Dinge ordentlich abzuschliessen, reizt es ihn durchaus, nochmals eine Tour de France zu beenden – erst recht, zumal er das Ziel auf den Champs-Élysées in Paris seit 2011 nie mehr gesehen hat.

2012 und 2014 stieg er jeweils vorzeitig aus, 2013 verzichtete er ganz auf den Start. Cancellara will zwar nicht ganz ausschliessen, dass er nächstes Jahr nochmals mit dabei ist, doch er will fahren, wie wenn es seine letzte Tour wäre. «Das ist mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit meine letzte Chance, noch einmal in Paris anzukommen.»

Schlechte Vorbereitung

Der zweite Grund, motiviert in die Tour de France zu starten, liegt in seiner verpatzten Frühlingssaison. Seine beiden Lieblingsrennen Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix verpasste er nach einem schweren Sturz mit zwei gebrochenen Lendenwirbeln, dann wurde er kurz vor der Tour de Suisse durch eine Angina erneut zurückgeworfen.

«Es kam mir vor, als sei ich ständig damit beschäftigt, an meinem Gummiboot die Löcher zu stopfen, statt damit, fahren zu können», sagt er. «Am Sonntag hatte ich an der Schweizer Meisterschaft erstmals wieder in einem Rennen ein gutes Gefühl.»

Mit dem Gewinn einer oder mehrerer Etappen könnte Cancellara, der sich teilweise auch in den Dienst seines Teamkollegen Bauke Mollema für die Gesamtwertung stellen wird, seine Saisonbilanz zumindest teilweise retten.

Vor allem im morgigen Prolog in Utrecht über 13,8 km gehört der Berner zu den Favoriten: Bereits fünf Mal konnte er das kurze Auftaktzeitfahren bei der Tour de France für sich entscheiden.

Mit Tony Martin, Rohan Dennis oder dem Einheimischen Tom Dumoulin wird es Cancellara zwar mit starker Konkurrenz zu tun bekommen, doch seine Siegchancen scheinen intakt, zudem folgen in den Tagen danach weitere gute Möglichkeiten.

Gelingt es ihm, eine zu nutzen, flackert vielleicht sogar noch einmal so etwas wie Liebe auf zwischen Fabian Cancellara und der Tour de France.

Aktuelle Nachrichten