Ski alpin

Bunte Geschichten und Anekdoten aus 60 Jahre Adelboden

Kein Rennen hat eine attraktivere Siegerliste als das Skirennen im Berner Oberland. Adelboden ist einer von drei Orten, die seit Beginn des Weltcups 1967 immer im Kalender figurierten. Ein Querschnitt durch 60 Jahre Adelboden.

Am Wochenende feiern die Adelbodner Skitage, wie der Weltcup-Event im Berner Oberland offiziell heisst, ihr 60. Wiegenfest. Die Jubiläums-Aktivitäten halten die Organisatoren auf Sparflamme. Adelboden lebt primär von der Gegenwart, vom jährlichen Treffen der weltbesten Slalom- und Riesenslalomfahrer. Aber die Vergangenheit ist nicht minder spektakulär und gleicht einem Kaleidoskop des Skisports.

Von den Top 10 der ewigen Weltrangliste hat jeder in Adelboden gewonnen. Und von den Top 25 der Welt fehlen in der Siegerliste nur die klassischen Abfahrer Franz Klammer, Peter Müller, Michael Walchhofer und Franz Heinzer, die zum Teil gar nie in Adelboden starteten. Aber sonst haben alle Superstars von Ingemar Stenmark bis zu Hermann Maier und Gustav Thöni bis Marcel Hirscher markante Spuren hinterlassen. Der Kalauer «Adel Bode Miller» gereichte der US-Legende genau so zur Ehre wie dem Berner Oberländer Skiort.

Sah alles noch ein wenig anders aus, vor zwanzig Jahren, als Mike von Grünigen einen perfekten Lauf in Adelboden hinlegte und das Rennen gewann.

Sah alles noch ein wenig anders aus, vor zwanzig Jahren, als Mike von Grünigen einen perfekten Lauf in Adelboden hinlegte und das Rennen gewann.

Kitzbühel, Wengen und Adelboden sind die einzigen drei Orte, die seit Beginn des Weltcups im Jahr 1967 immer im Kalender figurieren. Alle drei sind älter als der Weltcup. Die Gründung des Adelbodner Rennens geht auf einen kapitalen Sturz zurück. Fred Rubi, der Sohn des ersten Lauberhorn-Abfahrtssiegers 1930 und später selber Sieger, wollte an der Weltmeisterschaft 1954 in Are unbedingt eine Medaille, nachdem er diese 1952 an den Olympischen Spielen als Vierter um eine Zehntelsekunde verpasst hatte.

Die WM im Bett erlebt

Rubi forcierte schon im Training, stürzte kopfvoran in eine pickelharte Schneemauer und zog sich schwere Rückenverletzungen zu – das Ende seiner Karriere. Während der ganzen WM lag er im Bett. Was sportlich für ihn eine Tragödie war, bildete beruflich so etwas wie die Initialzündung. Im Krankenbett liegend erzielte der studierte Nationalökonom die Berufung zum Kurdirektor von Adelboden. Und «erfand» noch in Are zusammen mit der TV-Legende Karl Erb jenes Rennen, aus dem der berühmteste Riesenslalom-Klassiker der Skigeschichte werden sollte. Zu seinen Ehren trägt das Rennen seit seinem Tod im Jahr 1997 die Zusatzaffiche «Fred Rubi Memorial».

Eine Auswahl von Geschichten und Anekdoten rund um das Skifest im Berner Oberland:

  • Martin Julen, der Vater von Olympiasieger Max und Intersport-CEO Franz Julen gewann 1955 das erste Rennen, damals noch ein Slalom, vor Adrien Duvillard (Fr) und Georges Schneider (Sz). Der zeitschnellste François Bonlieu erhielt wegen eines Torfehlers eine Zeitstrafe von fünf Sekunden und fiel auf den 5. Platz zurück. Disqualifikationen gab es damals noch keine.
  • Erster Riesenslalom: Drei Jahre später fand der erste Riesenslalom statt, dessen Läufe noch auf zwei Tage verteilt waren – wieder mit einem Schweizer Sieg. Roger Staub, der spätere Olympiasieger, gewann, obwohl ihn ein Hund beinahe zu Fall gebracht hatte. Rupert Suter, der Grossvater der heutigen Weltcup-Fahrerin Jasmina Suter, wurde zeitgleich mit dem Franzosen Charles Bozon Dritter. In den Adelbodner Chroniken ging Rupert Suter «verloren».
  • Skandal und DDR-Triumph: 1960 kam es mitten im Kalten Krieg zu einem Polit-Skandal, weil Adelboden getreu der damaligen Gepflogenheiten die gesamtdeutsche Olympiaflagge hisste. Die Ostdeutschen reisten unter Protest ab. Ein Jahr später kehrten sie zurück, klassierten sich gleich zu dritt in den Top Ten und stellten mit Eberhard Riedel sogar den Sieger. Es ist der einzige DDR-Sieg im alpinen Skisport.
  • Killy zum Weltcup-Start: Die ausgezeichnete Organisation der bisherigen Rennen verhalf Adelboden 1967 auf Anhieb zum Weltcup-Status. Jean-Claude Killy lancierte dort seine einmalige Siegesserie, die ihn zu zwei Weltcup-Gesamtsiegen und dem Olympia-Triple in Grenoble führte. Bei seinem zweiten Triumph fand der Riesenslalom aus Witterungsgründen mit zwei Läufen an einem Tag statt – damals ein revolutionäres Ereignis.
Ingemar Stenmark in Aktion beim Riesenslalom in Adelboden (1976).

Ingemar Stenmark in Aktion beim Riesenslalom in Adelboden (1976).

  • Mattle mit Nummer 39: 1972 schrieb der unbekannte Werner Mattle Skigeschichte, als er mit der Nummer 39 sensationell den Sieg holte und sich im letzten Moment noch für die Olympischen Spiele in Sapporo qualifizierte. Der vermeintliche Aussenseiter bestätigte sich aber auch dort und holte ebenso sensationell die Bronzemedaille.
  • Gaspoz mit Nummer 39: «Nur» für einen 3. Rang reichte es einem andern Schweizer mit der Startnummer 39. Trotzdem setzte Joël Gaspoz einen Markstein. Er war erst 17-jährig und errang – hinter Ingemar Stenmark und seinem Kumpel Jacques Luthy – als jüngster Fahrer einen Podestplatz. «Du wirst einst mein Nachfolger», prophezeite Stenmark. Gaspoz gewann zwar sieben Rennen und schaffte es 19-mal aufs Podest, erholte sich aber mental von einem Sturz im WM-Riesenslalom in Crans-Montana am zweitletzten Tor, mit fast einer Sekunde Vorsprung, nie mehr.
  • Berthod mit Nummer 60: Den grössten Coup landete indes Marc Berthod 2007, als er mit der Startnummer 60 über einen 27. Zwischenrang den Slalom gewann. Das bedeutete den ersten Schweizer Weltcupsieg nach einer Durststrecke von über 1000 Tagen und 103 Rennen. Ein Jahr später gewann Berthod auch den Riesenslalom vor «Skizwilling» Daniel Albrecht – das letzte Schweizer Highlight in Adelboden.
  • Fünfmal Hirscher und Stenmark: Mit seinem Triumph im letzten Jahr egalisierte Marcel Hirscher den Rekord von Ingemar Stenmark mit 5 Siegen. Zuvor war der Schwede dreimal in Serie Zweiter geworden. Je dreimal gewannen Gustav Thöni, Pirmin Zurbriggen, Hermann Maier und Benjamin Reich. Zurbriggen siegte 1987 zweimal innerhalb von sieben Tagen.
Adolf Rösti (l.) und Werner Mattle verteilen nach dem Riesenslalom am 24. Januar 1976 Autogramme.

Adolf Rösti (l.) und Werner Mattle verteilen nach dem Riesenslalom am 24. Januar 1976 Autogramme.

  • Tschentenalp: Elfmal fanden Rennen auf der Ausweichstrecke Tschentenalp statt, bis die FIS die Durchführung in diesem schwer zugänglichen Gelände untersagte. Fred Rubi wehrte sich vergebens. So blieb es ihm vergönnt, das letzte Rennen vor seinem Rücktritt als OK-Präsident in seiner Heimat zu erleben. Das Rennen wurde ins Wallis verlegt. Auch das neue OK mit Peter Willen als Rubi-Nachfolger, das den Anlass zu einem Event ausbaute, begann mit einer Absage – Dauerregen. Heuer ist die Austragung gesichert. «Etwas Sorgen», so Willen, «macht uns nur die Wetterprognose.»

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