Sie stehen als Trainerin mit Deutschland im WM-Viertelfinal. Wie viel Kontakt haben Sie mit Weggefährten aus der Schweiz, wo Sie das Nationalteam bis letzten Herbst trainierten?

Martina Voss-Tecklenburg: Relativ viel. Ich höre viel aus der Schweiz. Nicht nur von Spielerinnen, auch vom Team hinter dem Team. Manchmal sind am Morgen die ersten fünf Nachrichten alle von der Schweiz. Das freut mich ungemein.

Vorrunde und Achtelfinals sind vorbei – wie lautet Ihr bisheriges Fazit?

Aus meiner Sicht als Nationaltrainerin Deutschlands natürlich sehr positiv. Wir haben vier Spiele absolviert, alle gewonnen, nie ein Gegentor erhalten – und dabei den Gegnern tatsächlich auch fast keine Torchancen zugestanden. Besonders stolz macht mich überdies der Prozess im Team während des Turniers, weil bei uns ganze 15 Spielerinnen noch nie eine WM erlebt haben.

In Deutschland, dem Land der maximalen Ansprüche, zählt demnach fortan nur der Weltmeistertitel, korrekt?

Da versuche ich vorzubeugen (lacht). Das Ziel bleibt dasselbe wie schon anfangs des Turniers, wir wollen uns für Olympia qualifizieren, dafür müssen wir mindestens das drittbeste Team aus Europa sein. Das wird schwierig genug, sind doch sieben von acht Viertelfinalisten aus Europa. Nun steht das Spiel gegen Schweden an, der Halbfinal ist nicht unrealistisch, gleichzeitig wird das Spiel für uns eine grosse Herausforderung. Alle im Turnier verbliebenen Teams können Weltmeister werden.

Nach dem erknorzten 1:0-Auftaktsieg Ihres Teams gegen China titelte die Zeitung «Bild»: «Hässlicher Auftakt-Sieg dank unserer Hübschesten» – wie sehr haben Sie sich geärgert?

Gar nicht. Da ärgere ich mich nicht drüber, das wäre vergeudete Energie. Das ist der Boulevardstil, den wir ja kennen. Mein Gott, der eine schreibt es so, der andere so. Am Ende zählt für uns hier nur der sportliche Erfolg. Wir nutzen solche Dinge lieber für uns. Die Giulia Gwinn ist jetzt eben für uns alle «die Hübscheste», wir lachen da zusammen drüber. Und es ist nicht so, dass uns das in irgendeiner Art stört.

Haben Sie Verständnis dafür, dass es während einer WM dann plötzlich doch wieder um Themen geht wie das Aussehen, wer wen liebt und um die Frage, ob Mann Frauen-Fussball schauen soll?

Es ist leider immer noch so. Aber ich glaube festzustellen, dass viele Medien solche Themen nicht mehr wirklich aufgreifen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Und etwas möchte ich schon noch anfügen: In gewissen Medien gibt es auch während einer Männer-WM ganz viele, softe bis seichte Themen, bei denen ich mich frage, ob es das nun wirklich braucht. Das betrifft nicht nur die Frauen. Das ist ein Mechanismus in der Medienwelt, der anscheinend auch sein muss. Schliesslich bedient man je grösser die Aufmerksamkeit ist, auch ein breiteres Publikum. Ich glaube, wir fahren da alle gut damit, ganz entspannt zu bleiben.

Sie haben langjährige Erfahrung im Frauenfussball. Erst als Spielerin, dann als Trainerin. Die Popularität des Frauenfussballs scheint rekordhoch, das wird während dieser WM deutlich. Wie schätzen Sie das ein?

Was wir hier in Frankreich erleben, ist fantastisch. Das Land hat viele tolle Stadien ausgesucht, die Stimmung ist grossartig. Wir werden überall wahrgenommen in den Städten. Und das Thema Frauenfussball geht bei ganz vielen Ländern, die hier teilnehmen, in die richtige Richtung. Ob Spanien oder Italien, die eine Zeit lang nicht so präsent waren, oder auch in «neuen» Ländern wie Südafrika, Chile oder Jamaika – der Fokus ist da. Aber auch das Spiel an sich entwickelt sich rasant. Die Technik der Spielerinnen ist besser, das Tempo, die Taktik, die Athletik sowieso.

Das spricht doch sehr für die Entwicklung des Frauenfussballs.

Absolut. Das habe ich aber schon vor der WM so gesagt. Es können tatsächlich acht Nationen um den Titel spielen. Sieben Europäer, da lag ich nicht allzu falsch, wenn ich die Konstellation derzeit sehe. Und es ist theoretisch sogar möglich, dass vier europäische Teams im Halbfinal sein werden. Es ist alles eng und spannend und erhöht natürlich auch den Wert einer Teilnahme. Darum hoffe ich auch sehr, dass es die Schweiz schafft, sich für die EM 2021 zu qualifizieren.

An der WM ist die Schweiz aber nicht dabei – und der Frauenfussball schreibt hierzulande nicht nur positive Schlagzeilen. Was muss sich ändern und woran kann sich die Schweiz an Deutschland ein Beispiel nehmen?

Erst einmal muss ich festhalten: Zwei Länder wie die Schweiz und Deutschland zu vergleichen, ist per se schwierig. Die beiden Länder sind von der Basis her ganz unterschiedlich. In Deutschland gibt es einfach eine viel höhere Anzahl von Fussballspielerinnen. Dafür hat die Schweiz für mich den Riesenvorteil, dass sie ein kleines Land ist, sehr zentralisiert arbeiten kann. Ich wünsche der Schweiz, dass man viel mehr Synergien zu den Männern und ihren Vereinen nutzen kann.

Wie meinen Sie das?

Man könnte Tagesstrukturen und Infrastrukturen, die von Männern vorhanden sind, viel besser nutzen. In Spanien kauft Real Madrid gerade die Lizenz für ein Frauenteam, in ganz Europa gibt es irrsinnig viele populäre Topteams, die erkannt haben, dass Frauenfussball einen tollen Mehrwert darstellt und sich das Pushen darum lohnt.

Beim FC Basel dagegen dürfen die Frauen an der Gala des Vereins Tombola-Lose verkaufen – ohne Teil des Festprogramms zu sein.

Das ist so ein Beispiel, was will man da sagen? Wie wäre es denn beispielsweise schon mal damit, Frauenspiele rund um ein Männerspiel austragen zu lassen? Mir kann niemand erzählen, dass ein Fussballrasen schlechter würde, weil es noch ein Spiel mehr gibt. Da würde eine ganz andere Atmosphäre geschaffen. Zudem: Jeder Schweizer Verein hätte die Strukturen dafür, um den Frauen einen professionellen Zugang zum Fussball zu ermöglichen.