Ein bisschen klang es schon wie das berühmte Pfeifen im Wald. Als Uli Hoeness dieser Tage behauptete, die Dortmunder würden in München in die Hölle kommen. Ob er das aber wirklich glaubt oder einfach bloss hofft, weiss nur er.

Denn der Präsident des FC Bayern hat zuletzt zweimal einer Mannschaft zusehen müssen, die Rätsel aufgibt. Beim 1:1 in Freiburg vor einer Woche hat es in der ersten Halbzeit an Disziplin und Konzentration gefehlt, beim 5:4 am Mittwoch im Pokal gegen den Zweitligisten Heidenheim noch an anderem mehr. Alles eine Frage der Einstellung, denkt Trainer Niko Kovac und sagt: «Will ich verteidigen, oder will ich nicht verteidigen? Bin ich mir zu schade, oder bin ich mir nicht zu schade?»

Verhaltene Vorstellungen

Vor dem grossen Showdown gegen Borussia Dortmund stellt sich nun die Frage, wozu diese Bayern wirklich in der Lage sind. Klar, in der Bundesliga sind sie die erfolgreichste Mannschaft der Rückrunde und stehen im Gegensatz zu den Dortmundern im Pokalwettbewerb im Halbfinal.

Doch die verhaltene Vorstellung beim Out in der Champions League gegen Liverpool, die beiden Unentschieden gegen Ajax und die Niederlage in der Bundesliga im November in Dortmund erwecken Zweifel, ob die Münchner gut genug für Siege in den grossen Spielen sind.

Das 100. Aufeinandertreffen

Es geht um viel in diesem Jubiläumsspiel, dem 100. in der Bundesliga zwischen diesen beiden ewigen Kontrahenten. Seit der Saison 2009/10 haben die Bayern (7) und die Dortmunder (2) die Titel unter sich ausgemacht, zuletzt die Süddeutschen aber sechs Mal in Folge triumphiert.

45  Mal hat der 28-fache Meister Bayern insgesamt den 8-fachen Titelträger Borussia besiegt, 25 Mal verloren. In München haben die Westfalen von 49 Partien nur neun gewonnen, die letzten vier Ligaspiele alle verloren und 17 Tore kassiert.

Landen sie nun aber ihren zehnten Sieg, dann dürfen sie sich sechs Runden vor Saisonschluss mit einem Fünfpunktevorsprung allerbeste Chancen auf den grossen Wurf ausrechnen. Zumal das Restprogramm von ähnlichem Schwierigkeitsgrad ist.

Dusel beim BVB

Doch selbst wenn die Dortmunder im vergangenen Sommer nach dem grossen Umbruch unter dem neuen Trainer Lucien Favre nicht mit dem erklärten Ziel «Deutscher Meister» in die Saison gingen, so müsste sie am Ende ein zweiter Platz ärgern. Denn zwischenzeitlich besassen sie neun Punkte Vorsprung.

Für die Dortmunder spricht der Dusel, der sie in dieser Spielzeit oft begleitet. War das Glück in früheren Zeiten gefühlt immer den Bayern hold gewesen, so hat es sich zuletzt dem BVB zugewandt.

Wäre in jedem Spiel nach 90 Minuten Schluss gewesen, dann würden jetzt die Münchner mit vier Punkten Vorsprung führen, statt mit deren zwei zurückzuliegen. Die Dortmunder Nachspielzeitbilanz: 9:1. Wobei neben dem Glück eine gute Kondition und Moral eine grosse Rolle spielen.

25 Kameras im Einsatz

Der Bedeutung angemessen wird das Spiel in 206 Ländern zu sehen sein. Noch nie in der Geschichte der Bundesliga betrieb das Fernsehen einen solchen Aufwand. 260 Leute werden im Einsatz stehen und mit 25 eine Rekordzahl an Kameras. Eine weiter entwickelte Eckfahnenkamera und eine Drohne werden dafür sorgen, dass den TV-Zuschauern nichts entgeht.

Zum Beispiel die vielleicht spielentscheidenden Zweikämpfe zwischen dem Bundesliga-Topskorer Robert Lewandowski und der Dortmunder Defensive um den Schweizer Goalie Roman Bürki und dessen Landsmann Manuel Akanji in der Innenverteidigung.

Vom Polen wird viel abhängen, wie es für die Bayern ausgeht. Er ist einer der treffsichersten Stürmer in der Bundesliga-Geschichte. Nur der legendäre Gerd Müller (365 Tore) brauchte im Schnitt weniger lang für einen Treffer.

Lewandowski mit unglaublicher Konstanz

Müller 105 Minuten, Lewandowski 112. In Freiburg hat der 30-Jährige in seinem 283.  Bundesliga-Spiel seinen 199. Treffer erzielt und steht damit vor dem 200-Tore-Jubiläum.

Er ist in der ewigen Torjägerliste auf Rang fünf und der beste Ausländer; auf jener Liste ist der Schweizer Stéphane Chapuisat auf Rang sechs aufgeführt. Der einstige Stürmerstar sagt: «Lewandowski hat über Jahre hinweg eine unglaubliche Konstanz bewiesen. Er ist fast nie verletzt und steckt kaum einmal in einer Baisse.»

Chapuisat wird sich das Spiel am TV anschauen. Er sagt: «Es wird von der Taktik geprägt sein und noch keine Entscheidung im Meisterrennen bringen.» Lewandowski sieht es ein bisschen anders: «Das Spiel entscheidet zwar nicht über den Titel, aber der Sieger macht einen grossen Schritt.»