Swiss Sports Agora

Braucht der Schweizer Sport eine Denkfabrik?

Beim Jungfrau-Marathon geht es auch darum, den inneren Schweinehund zu überwinden. Erlebnis und Spass dürfen den Wettkampf der Leistung willens nicht verdrängen, fordert Swiss Sports Agora.

Beim Jungfrau-Marathon geht es auch darum, den inneren Schweinehund zu überwinden. Erlebnis und Spass dürfen den Wettkampf der Leistung willens nicht verdrängen, fordert Swiss Sports Agora.

Eine Gruppierung von erfahrenen Sportfunktionären nennt sich Swiss Sports Agora und sieht sich als neue Kraft. Sie fordert Ideen und Konzepte, damit der Wettkampfsport seinen Zweck nicht verliert.

Das Coronavirus hat den Schweizer Sport in eine existenzielle Krise gestürzt. Für manchen Klub oder Anlass geht es ums Überleben. In den vergangenen Wochen ist dabei auch Kritik an den Dachorganisationen im Sport laut geworden. Ein guter Moment also, um vertieft über einen Think-Thank für den Sport nachzudenken. Eine Denkfabrik im Stil von Avenir Suisse, die unabhängig von Institutionen wichtige Themen definiert, den Mahnfinger erhebt oder sogar provoziert und vor allem Ideen und Lösungen für die Zukunft entwickelt.

Der Berner Urs Lacotte, Generaldirektor des Internationalen Olympischen Komitees von 2003 bis 2011, gehört zu den treibenden Kräften in der Gruppierung «Swiss Sports Agora», die genau dies anstrebt. Sie sieht grundsätzlichen Handlungsbedarf im Schweizer Sport und stellt die Frage: «Ist Wettkampfsport nicht mehr zeitgemäss?»

Grosse Tagung soll als Initialzündung dienen

Lancieren wollte die Gruppierung ihre Plattform mit einer Tagung während der Winteruniversiade in Luzern. Nach deren Absage sucht man einen neuen Termin. «Wir wollen gerade jetzt Aufbruch signalisieren», erklärt Lacotte das Festhalten am Anlass. Dort sollen die brennenden Themen mit allen an der Zukunft des Sports interessierter Kreise diskutiert werden. Altbundesrat Adolf Ogi ist begeistert von der Idee: «Ein solcher Sportgipfel ist in der heutigen Situation nötiger denn je. Wir haben jetzt die Chance, zu Gunsten des Wettkampfsports wichtige Weichen zu stellen.»

Swiss Sports Agora entstand aus einer Idee von Persönlichkeiten, die dem Schweizerischen Akademischen Skiclub nahe stehen, unter anderen Martin Hodler, langjähriger Präsident von Swiss University Sports, Claude Stricker, Direktor der internationalen Akademie für Sportwissenschaft und Technologie in Lausanne, Jean-Philippe Rochat, ehemaliger Vize-Präsident von Swiss Ski, sowie Hans Nater, langjähriger Richter am Sportgerichtshof CAS in Lausanne.

Die Gruppierung sieht den Wettkampfsport als treibende Kraft in sozialer und integrativer Hinsicht. Aber sie sieht Tendenzen, dass seine Bedeutung stagniert und hebt deshalb den Warnfinger. «Der sportliche Wettkampf ist Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Man setzt sich hohe Ziele und verfolgt diese konsequent. Diese Fähigkeiten tragen zur nachhaltigen Entwicklung einer ganzen Gesellschaft bei», sagt Urs Lacotte.

Das Leistungsverständnis sei heute ein anderes als früher, doch viele Sportverbände würden diesem Umstand nicht Rechnung tragen, ist Martin Hodler, der Co-Leader der Initiative überzeugt. Er vermisst zunehmend den Wettkampfsport, wo es um die eigene Leistung und deren Steigerung geht.

Bernhard Russi mit mehr Einfluss als Roger Federer

Das Erlebnis werde heute höher gewichtet als das Resultat. Urs Lacotte bringt einen Vergleich: «Die Schweizer Medaillen an den Olympischen Winterspielen 1972 haben noch einen viel grösseren Einfluss auf das Sportverhalten der Bevölkerung gehabt als die heutigen Erfolge von Roger Federer.»

Lacotte denkt, dass man sich im Schweizer Sport vermehrt strategischen Fragen widmen müsse und es nicht schaden könne, wenn eine unabhängige Plattform hierzu Visionen und Ideen entwickle. Der Dachverband Swiss Olympic und das Bundesamt für Sport seien zunehmend mit dem operativen Tagesgeschäft ausgelastet, so dass die Kapazitäten für einen langfristigen Blick fehlen. «Welchen Sport braucht es für welche Gesellschaft?», stellt Lacotte eine zentrale Frage.

Der schlechte Ruf von Fifa und IOC

Er nennt ein aktuelles Beispiel. Im Zusammenhang mit Corona stellte sich die Frage, welche Branchen für den Staat Priorität haben. Dabei fiel oft der Begriff «systemrelevant». Selbst Swiss Olympic habe nun seine Mitglieder aufgerufen, «systemrelevante Projekte» zu melden. Aber was heisst das für den Sport überhaupt? «Was macht den Sport für die Gesellschaft wertvoll? Diese Diskussion fehlt mir.»

Lacotte verweist punkto Image auf den Gemeinwohlatlas der HSG St. Gallen. Diese wissenschaftliche Umfrage untersucht seit 2014 alle zwei Jahre systematisch den gesellschaftlichen Nutzen von Schweizer und internationalen Unternehmen und Organisationen in der Schweiz. In der neusten Erhebung werden 110 Organisationen erfasst, darunter sieben aus dem Bereich Sport. Das IOC landet dabei abgeschlagen auf Position 94, die Fifa folgt als Vorletzter auf Rang 109, hauchdünn vor dem Zigarettenmulti Marlboro. Dabei organisiert die Fifa ja eigentlich die Leidenschaft von weltweit Millionen Menschen, den Fussball. Zuoberst rangieren übrigens die Rega, die Spitex und die Pro Senectute.

Dem Sport gelinge es offensichtlich nicht, seinen Wert gegenüber der Allgemeinheit verständlich aufzuzeigen, sagt Lacotte. Dadurch fehle eben gerade die Systemrelevanz. «Selbst der Hochleistungssport hat ein Problem. Seine Reputation ist schlecht.» Man konsumiere zwar Wettkampfsport als Zuschauer in hohen Dosen, «sieht aber ein finanzielles Engagement für Veranstaltungen oder Stadien sehr kritisch.» Dabei sei der Wettkampf die DNA des Sports. «Die ganze organisierte Sportwelt hängt daran.»

Keine Begeisterung bei Baspo und Swiss Olympic

Bei den beiden wichtigsten Dachorganisationen im Schweizer Sport, Swiss Olympic und das Bundesamt für Sport, reagiert man verhalten auf die Pläne von Swiss Sports Agora. Baspo-Direktor Matthias Remund sagt, er verschliesse sich einer Denkfabrik für den Schweizer Sport nicht. Diese könne wertvolle Arbeit leisten, wo Lücken in den Sportförderungsmassnahmen bestehen. Die Zukunft gehöre aber der Jugend und diese werde bei dieser Plattform nicht abgebildet. Zudem vertrete Swiss Sports Agora betreffend Wettkampfsport Thesen, «die ich nicht teile und die wir widerlegen können».

Ähnlich tönt es bei Swiss Olympic. Präsident Jürg Stahl sagt, er schätze das Engagement und die Ideen dieser Leute. «Sie vereinen unglaublich viel substanzielles Wissen». Aber man müsse die Balance finden. Jürg Stahl glaubt nicht, dass man in einem gut justierten System jetzt nochmals neue Strukturen schaffen sollte. Und man müsse die Kraft des Motors richtig dosieren. «Wir müssen auch das Personal haben, das die Ideen umsetzt», mahnt er. Auch bei Swiss Olympic betont man die Wichtigkeit, die junge Generation und die Frauen in strategische Prozesse einzubinden. Ein langjähriger Funktionär sagt es bewusst provokativ: «Wir können nicht Leute die Zukunft bestimmen lassen, die vor 20 Jahren stehen geblieben sind und in alten Mustern denken.»

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