Neymar

Brasilien bangt um sein Nationalteam

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Nach 1950 und 2014 droht bei Olympia die dritte nationale Fussballtragödie – und Neymar eine lebenslängliche Strafe.

Alleine die Betonung des Wortes lässt erahnen, was «Futebol» hier bedeutet. «Futschibooau» sprechen es die Menschen in Rio aus und ein wenig schwingt Melancholie mit. Fussball ist 1894 als «brutaler britischer Sport» nach Brasilien gekommen.

Brasiliens 1:7 Niederlage gegen Deutschland an der Heim-WM 2014

Brasiliens 1:7 Niederlage gegen Deutschland an der Heim-WM 2014

Deutschland erteilte den Brasilianern im WM-Halbfinale 2014 eine der grössten Schmachen ihrer Geschichte. Gegen den späteren Weltmeister ging die «Seleçao» mit 1:7 unter, bereits nach einer halben Stunde stand es 5:0. Kapitän David Luiz sagte nach dem Match: «Ich möchte mich bei allen Brasilianern entschuldigen.»

In der Zeitspanne von wenigen Jahrzehnten ist daraus das stärkste Symbol brasilianischer Identität geworden. Die «Seleçao Brasileira» hat fünfmal den WM-Titel gewonnen. Aber noch nie olympisches Gold.

Schon nach wenigen Tagen können wir davon ausgehen, dass die Chronisten diese Spiele von Rio zu den stimmungsvollsten aller Zeiten küren werden. Eine Mischung aus Sportfest, Karneval und Party. Emotional, laut, feurig, fröhlich, farbig. Egal, wer siegt.

Brasilien noch ohne Torerfolg

Aber wirklich am Herzen liegt den Brasilianerinnen und Brasilianern der Fussball. «Futschibooau. Noch nie hat Brasilien einen globalen Titel im eigenen Land gewonnen. Weil ein Fluch über diesen Turnieren liegt. Nun zieht nach der WM von 1950 und 2014 wieder ein Fussballdrama herauf. Brasilien hat gegen die Exoten Südafrika und Irak kein Tor erzielt. Zweimal 0:0.

Nur noch ein Sieg gegen Dänemark kann das vorzeitige Ausscheiden in jedem Fall verhindern. Scheitern schon in der Gruppenphase? Dann kehren die «Dämonen» von 1950 und 2014 zurück. Unvorstellbar. Brasilien bangt um sein Nationalteam. Um seine Seele. Um seine Identität. Fussballdramen sind in Brasilien immer nationale Tragödien.

Denn kein anderes Land der Welt beschäftigt sich so intensiv und ausdauernd mit seinen fussballerischen Triumphen und Dramen. In keinem anderen Land hat Fussball eine so grosse Bedeutung. Auch nicht in Deutschland, Italien oder England.

Fussball ist in Brasilien viel mehr als Sport. Seit der Gründung als Republik im Jahre 1889 hat Brasilien – abgesehen von wenigen Grenzstreitigkeiten – mit keinem seiner Nachbarn Krieg geführt. So ist es bis heute geblieben.

Das Land hat politische Aufstände erlebt und Diktatoren kommen und stürzen sehen. Es erduldet wirtschaftliche Depressionen. Aber es hat kaum gemeinsam historische Momente. Kein Morgarten, Marignano, Trafalgar, Pearl Harbor, Caporetto, Waterloo, Sedan, Gallipoli oder Tannenberg.

An keinem grossen Turnier gefehlt

In Europa wird die Zeiteinteilung des 20. Jahrhunderts in den meisten Ländern von den beiden Weltkriegen bestimmt. Brasilien bezieht sein historisches Zeitgefühl aus den Rhythmen der Fussball-Weltmeisterschaften. In den Wochen eines grossen Fussballturniers fühlt es sich am meisten als geeinte Nation.

Brasilien hat als einziges Land an allen Weltmeisterschaften teilgenommen, so dass sich die Lage der Nation in Zeitsprüngen von vier Jahren darstellen lässt. Und nun also das olympische Fussballturnier im eigenen Land. Keine WM. Und doch die Chance, die Dämonen der Niederlagen von 1950 und 2014 zu vertreiben.

Wie sehr diese Niederlagen von 1950 und 2014 das Land traumatisiert haben, hat der Journalist Paolo Perdigao einmal so beschrieben. «Solche Niederlagen verwandeln sich in einen fabelhaften Mythos, der sich in der allgemeinen Phantasie fortgesetzt und nicht aufhört zu wuchern. Sie sind das Waterloo der Tropen und ihre Geschichte unsere Götterdämmerung.»

Ein Waterloo der Tropen, eine Götterdämmerung wäre auch ein Scheitern im olympischen Fussballturnier. Und es hätte wohl politische Folgen. Das 1:2 von 1950 führte bei den Wahlen im gleichen Jahr zu einem Regierungswechsel und mündete schliesslich in die Militärdiktatur. Das Land wurde um Jahre zurückgeworfen.

Das 1:7 gegen Deutschland von 2014 markiert den Beginn einer schweren Krise. Das Ende eines Traumes, das Ende der Illusion, mit Präsident Lula da Silva mit dem «Lulaismus» einen neuen, einen anderen, einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus gefunden zu haben. Die schon lange bereitliegenden Dossiers der Opposition, um alle Ungereimtheiten der Regierenden anzuprangern, sind hervorgeholt worden.

Die Nachfolgerin von Lula da Silva steckt in einem Amtsenthebungsverfahren. Als ob so stellvertretend die schmachvolle Fussball-Niederlage aufgearbeitet werden könnte. Was würde auf ein Scheitern bei Rio 2016 folgen?

Neymar entschied sich für Olympia

Wieder spielt Neymar da Silva Santos junior (24) eine zentrale Rolle. Beim 1:7 gegen Deutschland fehlte er wegen einer Blessur und entkam der Schande. Jetzt ist er dabei. Barcelona hat ihm im Jahre 2016 die Teilnahme eines Turniers erlaubt. Entweder «Copa Americana Centenario» oder das olympische Fussballturnier. Er hat Rio gewählt. Es wird sein Triumph – oder sein persönliches Waterloo. Er weiss, was ihm blüht.

Moacir Barbosa, Brasiliens WM-Goalie von 1950, war damals einer der besten Torhüter der Welt. So wie heute Neymar einer der besten Stürmer der Welt ist. Er sagte einmal über sein Los nach dem fatalen 1:2 gegen Uruguay, an dem er unschuldig war. «Die Höchststrafe, welche in Brasilien für ein Kapitalverbrechen verhängt wird, dauert 30 Jahre. Ich habe lebenslänglich gekriegt. Ohne Chance auf Begnadigung.»

Moacir Barbosa wurde nach 1950 lebenslänglich geächtet. Er galt fortan als Unglücksbringer. Als sei er von den Dämonen der Tragödie von 1950 besessen. Nun droht Neymar lebenslänglich.

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