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Boykotte und ein Papier der Hilflosigkeit – Die Olympischen Spiele stehen vor dem Aus

Fecht-Europameister Max Hartung boykottiert die Olympischen Spiele.

Fecht-Europameister Max Hartung boykottiert die Olympischen Spiele.

Kanada und Australien schicken wegen der Corona-Krise keine Athleten an die Olympischen Spielen nach Tokio (24. Juli bis 9. August). Das internationale Olympische Komitee IOC reagiert mit einem Brief. Selbst Japans Ministerpräsident Shinzo Abe spricht von einer Verschiebung.

Das Damoklesschwert schwebt schon lange über dem internationalen Olympischen Komitee IOC und dessen Präsidenten Thomas Bach. Es droht die Absage der Spiele in Tokio (24. Juli bis 9. August). Zumindest um eine Verschiebung dürfte man angesichts der Corona-Pandemie kaum mehr herumkommen.

Obwohl sich Bach seit Monaten mit Händen und Füssen dagegen wehrt, weshalb der Olympia-Sieger im Florett von der Deutschen Zeitung «Die Welt» als «irrender Durchfechter» bezeichnet wurde. Ausgerechnet ein Fechter könnte Bach und den Spielen den Todesstoss versetzt haben. Am Samstag sagte der Degenfechter Max Hartung im «Sportstudio»: «Es bricht mit das Herz. Aber ich gehe nicht nach Tokio.»

Wenn sich die Welt zusammenschliesse, um die Lungenkrankheit Covid-19, an der inzwischen 350'000 Menschen weltweit erkrankt und an der über 15'000 Menschen verstorben sind, unter Kontrolle zu bekommen, müsse sich auch das IOC dieser Idee anschliessen. Bach hatte noch am Samstag in einem Interview des Südwestdeutschen Rundfunks erklärt, eine Absage würde den olympischen Traum von 11.000 Athleten aus 206 Nationalen Olympischen Komitees zerstören. Doch inzwischen ist die Luft für Bach dünner geworden. Kanada kündigte als erstes Land an, keine Delegation nach Japan zu schicken. Dem Beispiel folgte nun Australien. Der Virologe Alexander Kekulé hatte gesagt, die Spiele könnten unmöglich stattfinden, und warnte: «Es gibt für Viren kein tolleres Fest als Olympische Spiele.»

Selfie mit dem olympischen Feuer und Schutzmaske in Ishinomaki.

Selfie mit dem olympischen Feuer und Schutzmaske in Ishinomaki.

Offener Brief an Bach: «Rette den Traum von Olympia»

Besonders gross ist der Widerstand in Deutschland. Der Athletenverband befragte seine Mitglieder, drei Viertel sprachen sich für eine Verschiebung aus. Schwimm-Olympiasieger Michael Groß schrieb in einem offenen Brief: «Lieber Thomas, wir beide haben zusammen den Olympia-Boykott 1980 erlitten. Für viele Athleten war der Traum von Olympia damals geplatzt. Diesmal geht es darum, dass Du den Traum von Olympia für viele Athleten retten kannst – durch das Verschieben der Spiele auf 2021 oder 2022.» Viele Athleten könnten nicht oder schlecht trainieren. Qualifikationen können in vielen Sportarten nicht stattfinden, das globale Anti-Doping-System steht still. Doch das IOC lebt in seiner eigenen Realität. Am Sonntag besichtigten 55'000 Japaner in Sendai das olympische Feuer. Im Bahnhof war es ausgestellt, in einem goldenen Kessel, und die Menschen sorgten für 500 Meter lange Warteschlangen. Viele trugen Mundschutz.

Der Druck auf Bach ist inzwischen so gross geworden, dass sich das IOC am Sonntag zu einer Erklärung genötigt sah, deren Kernbotschaft noch immer die gleiche ist: Eine Absage sei keine Alternative. Innerhalb der nächsten vier Wochen will man über eine Alternative diskutieren und dann eine Entscheidung fällen. Im Schreiben, das der «Spiegel» als «Papier der Hilflosigkeit» verhöhnt, versteigt sich das IOC in die Aussage, eine Absage der Spiele löse keines der Probleme und helfe niemandem. Die Athleten fühlen sich längst nicht mehr ernst genommen. Die Kanadierin Hayley Wickenheiser ist viermalige Olympia-Siegerin im Eishockey, Medizinerin und gehört der Athletenkommission des IOC an. Sie sagt: «Wir sollten keine Durchhalteparolen verbreiten. Jetzt helfen nur drastische Massnahmen. Wir müssen vor allem Menschlichkeit zeigen.»

Bach versuchte, in einem Brief an die Athleten, zu besänftigen und schrieb: «In dieser beispiellosen Krise sind wir uns alle einig.» Das Gegenteil ist der Fall, die olympische Familie gespalten.

IOC-Präsident Thomas Bach steht immer stärker in der Kritik.

IOC-Präsident Thomas Bach steht immer stärker in der Kritik.

«Hoffnung erhellt unseren Weg»

Hinter verschlossenen Türen werde indes sehr wohl bereits über eine Verschiebung debattiert - und zwar in den Oktober oder November. Dies sei angeblich leichter umzusetzen als die Verschiebung in die Jahre 2021 oder 2022. Am Sonntag soll sich das Exekutivkomitee des IOC in einer Telefonkonferenz beraten haben. Wichtigstes Traktandum: Ein Schreiben, das die betroffenen Athleten besänftigen soll. Das Resultat sind Sätze wie: «Gesundheit und Sicherheit stehen an oberster Stelle», oder die Behauptung, das IOC werde «die beste Entscheidung im Interesse der Sportler und aller anderen Involvierten treffen». Bach schreibt in einem persönlichen Brief: «In dieser beispiellosen Krise sind wir uns alle einig.» Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Briten fordern eine Verschiebung, in Deutschland und den USA prüft man einen Boykott der Spiele.

Gastgeber Japan hat gegen 26 Milliarden Dollar investiert. Auf dem Spiel stehen der Stolz einer ganzen Nation und auch ein Stück Identität. Die Olympischen Spiele sollen ein Symbol für die die Resilienz Japans sein und stehen, neun Jahre nach dem Tsunami und der Nuklearkatastrophe von Fukushima, wo am Donnerstag der Fackellauf beginnen soll, unter dem Motto: «Hoffnung erhellt unseren Weg.» Doch inzwischen wachsen auch in Japan Zweifel und kritische Stimmen. Geldgeber wie Toyota, Panasonic und Bridgestone verlangen Klärung. Der japanische Premierminister Shinzo Abe räumte am Montag im Parlament ein, dass eine Verschiebung wahrscheinlich sei. Eine Absage schloss Abe weiterhin vehement aus. Damit war auch schon der Teppich für eine gloriose Umdeutung gelegt.

Absagen - das gab es in der Geschichte der Olympischen Spiele bereits: 1916 fielen die Sommerspiele in Berlin wegen des ersten Weltkriegs aus. Dem zweiten Weltkrieg fielen die Sommerspiele 1940 in Tokio und 1944 in Berlin zum Opfer, dazu die Winterspiele 1940 in Cortina d'Ampezzo und 1944 in Sapporo. Heisst: Von drei von fünf Absagen war Japan betroffen. Ein Szenario, das man dieses Mal unbedingt abwenden möchte. Eine Verschiebung wäre also ein Novum. Alles andere wäre angesichts der Entwicklungen der letzten Wochen blanker Hohn. Längst ist es nicht mehr eine Frage ob, sondern wann das Internationale Olympische Komitee zur Vernunft kommt. Und die Spiele in Tokio zumindest verschiebt. Vielleicht wird nur noch am Text gefeilt. Damit aus dem Papier der Hilflosigkeit eine Ode des Triumphs und eine Hymne auf den olympischen Gedanken wird.

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