Fussball
Botschafter der Selfie-Generation: vor allem deutsche Vereine setzen auf junge Trainer

In Deutschland erobern die blutjungen «Laptoptrainer» wie zum Beispiel Julian Nagelsmann (29 Jahre alt, Hoffenheim) oder der neue Schalke-Trainer Domenico Tedesco (31) mit Empathie und Sozialkompetenz die Bundesliga.

Markus Brütsch
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Volksnah: Der Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann feiert mit Fans den Erfolg.Keystone

Volksnah: Der Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann feiert mit Fans den Erfolg.Keystone

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«Was bist denn du für ein Spinner? Halt doch einfach mal die Schnauze!» Welcher Teufel reitet den erfahrenen Fussballlehrer Roger Schmidt, als er sich an der Seitenlinie mit Jungspund Julian Nagelsmann anlegt? Natürlich, Leverkusen liegt gegen Hoffenheim 0:2 zurück und spielt schlecht. Aber muss man deswegen gleich so heftig Dampf ablassen?

Ein halbes Jahr später ist der 50-jährige Schmidt nicht mehr da; geflüchtet nach China. Der 29-jährige Nagelsmann aber wird gefeiert: Er hat Hoffenheim sensationell in die Champions-League-Qualifikation geführt. Im Nachhinein erscheint der Zwist wie eine Parabel. Die erzählt, dass dem Älteren die Sicherungen durchgebrannt sind. Weil er erkannt hat, dass Trainern seines Alters langsam die Felle davonschwimmen und gut ausgebildete Junge ihren Platz auf dem Trainerkarussell einnehmen.

Vielleicht beschreibt diese Episode ganz gut, was sich in Deutschland in der Welt der Fussballtrainer gerade so tut. Mit Nagelsmann (29), Domenico Tedesco (31, Schalke), Hannes Wolf (36, Stuttgart), Alexander Nouri (37, Bremen), Manuel Baum (37, Augsbutrg) und Sandro Schwarz (38, Mainz) sind nicht weniger als sechs Bundesligatrainer noch keine 40 Jahre alt. Zeitungen schreiben gar von einem Jugendwahn.

Der FC Thun setzt auf den 36-jährigen Marc Schneider − er ist der Jüngste der Liga.

Der FC Thun setzt auf den 36-jährigen Marc Schneider − er ist der Jüngste der Liga.

Keystone

Denn in dieser Ballung hat es das noch nie gegeben, seit 2009 der damals 35-jährige Thomas Tuchel bei Mainz als Vorreiter aufgetreten ist. Ja, auch dank dem Erfolg von Nagelsmann ist ein wahrer Hype um die Jungtrainer entstanden, welche die Bundesliga erobern.

Denen gemeinsam ist, dass sie selbst keine grossen Fussballer gewesen sind. «Der Name ist eben nicht mehr so wichtig», sagt Frank Wormuth, Leiter der Fussballlehrerausbildung des Deutschen Fussball-Bundes. «Dafür ist der Inhalt, den die Trainer vermitteln, umso bedeutsamer. Geht raus und fresst Gras − diese Vokabel gibt es längst nicht mehr.» Was auffällt: Nagelsmann, Nouri, Baum und Schwarz sind alle bei ihren Klubs vom Nachwuchs- zum Cheftrainer aufgestiegen.

Die Bundesliga-Trainer der Saison 17/18:

Julian Nagelsmann, TSG 1899 Hoffenheim, 29 Jahre alt
18 Bilder
Domenico Tedesco, Schalke 04, 31 Jahre alt
Hannes Wolf, VfB Stuttgart, 36 Jahre alt
Alexander Nouri, SV Werder Bremen, 37 Jahre alt
Manuel Baum, FC Augsburg, 37 Jahre alt
Sandro Schwarz, 1. FSV Mainz 05, 38 Jahre alt
Pal Dardai, Hertha Berlin, 41 Jahre alt
André Breitenreiter, Hannover 96, 43 Jahre alt
Niko Kovac, Eintracht Frankfurt, 45 Jahre alt
Heiko Herrlich, Bayer 04 Leverkusen, 45 Jahre alt
Markus Gisdol, Hamburger SV, 47 Jahre alt
Ralph Hasenhüttl, RB Leipzig, 49 Jahre alt
Peter Stöger, 1. FC Köln, 51 Jahre alt
Dieter Hecking, Borussia Mönchengladbach, 52 Jahre alt
Christian Streich, SC Freiburg, 52 Jahre alt
Peter Bosz, Borussia Dortmund, 53 Jahre alt
Andries Jonker, VfL Wolfsburg, 54 Jahre alt
Carlo Ancelotti, Bayern München, 58 Jahre alt

Julian Nagelsmann, TSG 1899 Hoffenheim, 29 Jahre alt

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«Die jungen Leute werden vermehrt aus dem eigenen Stall geholt. Man weiss, was man an ihnen hat, und sie sind auch günstig», sagt Wormuth und spricht von einem Generationswechsel. Immer gelingt das aber nicht, wie die Beispiele der gescheiterten Vitor Skripnik (Bremen) und Valérien Ismaël (Wolfsburg) zeigen.

Kein Selbstdarsteller

An der Person des neuen Schalke-Trainers Tedesco ist zu sehen, wie die neue Garde tickt. Der ausgebildete Kaufmann spielte beim ASV Aichwald in der Kreisklasse A, schloss ein Studium als Wirtschaftsingenieur ab und machte seinen Master in Innovationsmanagement und arbeitete zunächst als Ingenieur bei Mercedes.

Die jüngsten Trainer der letzten 25 Jahre:

England, Premier League Chris Coleman (FC Fulham, 2003), 32 Jahre und sieben Monate alt (beim Amtsantritt)
6 Bilder
Frankreich, Ligue 1 Ricardo Gomes (PSG, 1996), 31 Jahre und sieben Monate
Volksnah: Der Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann feiert mit Fans den Erfolg.Keystone
Italien, Serie A Andrea Stramaccioni, (Inter Mailand, 2012), 36 Jahre und zwei Monate
Spanien, La Liga Chuchi Cos (Racing Santander, 2003), 24 Jahre und drei Monate
Schweiz, Super League Uli Forte, (St. Gallen, 2009), 35 Jahre und zwei Monate

England, Premier League Chris Coleman (FC Fulham, 2003), 32 Jahre und sieben Monate alt (beim Amtsantritt)

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Dann entschied er sich für den Fussball und trainierte die U17 des VfB Stuttgart sowie die U19 von Hoffenheim. Er liess sich zum Fussballlehrer ausbilden und schloss mit der 1,0 als Jahrgangsbester ab. Im März 2017 übernahm er den abstiegsgefährdeten FC Erzgebirge Aue und rettete ihn grandios. Ein Stammspieler sagt: «Tedesco ist jung, dynamisch, zielstrebig, offen, ehrlich, ruhig, akribisch und detailversessen.» Aber er führe sich nicht wie ein Professor auf und sei kein Selbstdarsteller, habe aber viel Anstand. Auch gegenüber den Fans. Ein Selfie? Kein Problem.

Kaum war Tedesco in Aue angekommen, lud er 30 Hilfskräfte – von der Waschfrau bis zum Materialwart – zum Essen ein. Um seine neuen Assistenten kennen zu lernen, traf er diese bei sich im Hotel zum Abendessen. Dieses dauerte allerdings nur eine halbe Stunde. Danach verschwand die Gruppe in Tedescos Zimmer, um bis um drei Uhr morgens anhand von Videobildern den Ist-Zustand der Mannschaft zu analysieren und an Lösungen herumzutüfteln. Er schaffte es, den Verein innert kürzester Zeit nach dem Motto zusammenzuschweissen: «Wir sind Erzgebirge».

Elf Wochen guter Arbeit genügten Familienvater Tedesco, um von Schalke verpflichtet zu werden. Manager Christian Heidel sagt: «Er ist taktisch versiert, hat eine grosse soziale Kompetenz und eine riesige Kommunikationsbereitschaft.» Tedesco sagt: «Die fehlende Erfahrung im Profibereich ist kein Nachteil. Der Fussball ist immer gleich, ob in der U17 oder in der Bundesliga. Nur das Umfeld ändert sich.»

Domenico Tedesco, neuer Schalke-Trainer «Die fehlende Erfahrung im Profibereich ist kein Nachteil. Der Fussball ist immer gleich, ob U17 oder Bundesliga.»

Domenico Tedesco, neuer Schalke-Trainer «Die fehlende Erfahrung im Profibereich ist kein Nachteil. Der Fussball ist immer gleich, ob U17 oder Bundesliga.»

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Am Mittwoch nun wurde er vorgestellt. Die «Welt» titelte danach: «Souveräner erster Auftritt von Schalkes Bubi-Trainer». Die jungen Trainer seien rhetorisch eben sehr beschlagen, sagt Wormuth. «Und auch deshalb für die Medien interessant. Sie sind offen und geben etwas preis.» Im Vergleich mit ihnen erscheint einer wie der mürrische Huub Stevens wie aus einer anderen Zeit. Zwei Jahre erst sind es her, seit er den Spielern «Ihr seid Affen, Affen seid ihr!» an den Kopf geworfen hat. Nicht vorstellbar, dass sich die coolen Nagelsmann und Tedesco zu einer solchen Beschimpfung hinreissen lassen.

Studierte Spezialisten

Der frustrierte frühere Bayern-Star Mehmet Scholl, der ebenfalls Trainer werden wollte, dabei aber nicht recht vorwärtskam, bezeichnete solche Junge abschätzig als Laptoptrainer. Nicht auf dem Platz wie er, sondern mit dem Computer hätten sie sich Wissen angeeignet. «Der Trainerberuf ist halt viel komplexer geworden», sagt Wormuth. «Es gibt viele studierte Spezialisten. Der Chef muss sie führen und wie ein Orchester dirigieren.»

Der frühere Bayern-Spieler Mehmet Scholl bezeichnete die jungen Trainer abschätzig als Laptoptrainer.

Der frühere Bayern-Spieler Mehmet Scholl bezeichnete die jungen Trainer abschätzig als Laptoptrainer.

Keystone/AP/CHRISTOF STACHE

Während früher die Trainer nicht lange fackelten und die Aufstellung ohne Begründung bekanntgaben, sind die jungen Trainer einfühlsamer. Sie fragen ihre Spieler in der Halbzeit vielleicht sogar: Sollen wir umstellen? Damit holen sie ihre Schützlinge mit ins Boot und erhalten Wertschätzung. Sie sprechen die gleiche Sprache und brauchen dieselben Worte wie chillen oder volltexten. «Sie interessieren sich für ihr Gegenüber und punkten mit Empathie», sagt Wormuth.

Sind die «alten» Trainer also out? Nicht zwingend. Falls sie es verstehen, sich anzupassen und gegebenenfalls sogar neu zu erfinden. Wie Jupp Heynckes. Dieser war vor vier Jahren beim Gewinn des Triple mit dem FC Bayern München stolze 68 Jahre alt. Und tröstlich ist auch, was der Hoffenheimer Spieler Steven Zuber über den Shootingstar der Trainergilde sagt: «Auch Nagelsmann ist nur ein Mensch.»

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