US Open
Boris Becker über seinen Schützling Djokovic: «Novak hat seinen Sieg in Paris ein bisschen zu sehr genossen»

Der König ist angeschlagen: Novak Djokovic quält sich zwar in die zweite Runde des US Open – sein nächster Einbruch aber ist absehbar. Der Serbe wirkt niedergeschlagen. Ähnliches beobachtet sein Trainer Boris Becker.

Petra Philippsen, New York
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Trainer Boris Becker (l.) kann mit dem momentanen Formstand von Djokovic nicht zufrieden sein.

Trainer Boris Becker (l.) kann mit dem momentanen Formstand von Djokovic nicht zufrieden sein.

Keystone

Boris Becker ist stets darauf bedacht, sein Pokerface zu bewahren, wenn er als Coach auf der Tribüne sitzt. Doch am Montagabend im Arthur Ashe Stadium fiel es dem 48-jährigen Deutschen sichtlich schwer, seine wahren Gefühle zu verbergen. Becker knibbelte stetig an seinen Fingern, hibbelte unruhig auf seinem Sitz herum. Die Anspannung wich den ganzen Abend nicht aus seinem Gesicht.

Dass sein Schützling Novak Djokovic nicht in bester Verfassung zum letzten Grand Slam der Saison angereist war, hatte längst die Runde gemacht. Doch bei der Auftaktpartie des serbischen Weltranglistenersten waren die Probleme nun unübersehbar geworden. Und sie hinterliessen Zweifel daran, ob Djokovic seine Krise der vergangenen Wochen in New York tatsächlich noch überwinden kann, damit ihm die Titelverteidigung beim US Open gelingt.

Fragen nach dem Fitnessstand

«Ich denke nicht, dass es nötig ist, jetzt darüber zu reden. Ich bin durch und ich nehme alles Tag für Tag», stellte Djokovic leicht angefasst noch auf dem Platz fest, nachdem er den Polen Jerzy Janowicz mit 6:3, 5:7, 6:2 und 6:1 am Ende recht souverän geschlagen hatte. Doch die Frage nach seinem Fitnesszustand stellte sich. Bereits nach fünf Spielen liess sich Djokovic minutenlang am rechten Arm behandeln. «Das war nur eine Vorsichtsmassnahme, alles ist gut», sagte der 29-jährige Serbe später knapp. Doch danach sah es während seiner Partie überhaupt nicht aus. Djokovic schlug im Schnitt mit 40 km/h weniger auf als gewöhnlich, seine zweiten Aufschläge waren für Herrentennis-Normen bessere Einwürfe. Immer wieder verzog Djokovic dabei das Gesicht, schüttelte seinen Arm. Auch, als er erst einen Doppelfehler produzierte und danach eine leichte Vorhand verpatzte und damit den zweiten Durchgang abgab – ein Satzverlust, das war dem Serben in der ersten Runde eines Grand-Slam-Turniers zuletzt im Jahr 2010 passiert.

Doch von der schier unumstösslichen Dominanz, mit der Djokovic noch bis Juli dieses Jahres die Gegner reihenweise wie blasse Amateure aussehen liess, ist derzeit nichts geblieben. Und der zwölffache Major-Champion hatte in dieser Auftaktrunde wohl auch Glück, dass der ehemalige Top-20-Spieler und gewaltige Aufschläger Janowicz erst seit kurzem nach sechsmonatiger Verletzungspause auf die Tour zurückgekehrt und längst nicht in Bestform ist. Sonst wäre das Aus für Djokovic wohl so schnell gekommen wie bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Dort hatte ihn eine Verletzung am linken Handgelenk behindert, wegen der Djokovic danach das Masters-Turnier in Cincinnati absagte und die ihm auch in den Trainingseinheiten vor dem US Open sichtlich Probleme bereitete. Mitunter unterbrach er das Training, liess sich einmal auf dem Platz mit Elektrotherapie behandeln. Ob es Taktik war, seine Malaise so zur Schau zu stellen, wo er doch sonst strikte Geheimniskrämerei betreibt, sei dahingestellt. Zumindest die Verletzung am rechten Arm ist Beobachtern neu gewesen.

Jeder Tag eine Herausforderung

Aufgefallen ist auch die plötzliche Offenheit des Serben, über die Hintergründe für sein frühes Ausscheiden in der dritten Runde von Wimbledon Auskunft zu geben. Vielleicht hatte Djokovic auch schlicht kapituliert, denn die Katze ist längst aus dem Sack: Er hatte handfeste Eheprobleme. Seine Gattin Jelena soll sogar gedroht haben, ihn mitsamt ihres Sohnes Stefan zu verlassen. «Alles ist wieder in Ordnung», betonte Djokovic, «wir haben doch alle unsere privaten Probleme. Es passierte während Wimbledon, aber das ist geklärt.»

Becker hatte noch in Wimbledon weitere Spekulationen über Djokovic’ Formkrise ins Spiel gebracht: «Novak hat seinen Sieg in Paris ein bisschen zu sehr genossen», sagte Becker: «Manchmal muss man eher ein harter Kerl sein, um diese Attitüde zu behalten.» Wie hart Djokovic ist, wird sich schon in der nächsten Runde gegen Jiří Veselý zeigen. Der Tscheche ist ein knallharter Aufschläger und konnte Djokovic im April bezwingen. «Nach allem, was ich in den letzten Wochen durchgemacht habe, kann ich nur sagen: Jeder Tag stellt uns doch vor Herausforderungen, die wir akzeptieren und überwinden müssen», so Djokovic.