Wer hoch hinaus will, muss auch dann Opfer bringen, wenn andere die Hände in den Schoss legen, sich Schlemmereien hingeben und genüsslich den Gürtel lockerer machen. Für Sabina Hafner ist es selbstverständlich, dass sie auch über die Festtage ihren Traum von der dritten Olympia-Teilnahme nach Turin 2006 und Vancouver vor acht Jahren nicht aus den Augen verliert. «Wir haben voll und hart trainiert, mit vielen Einheiten – und das jeden Tag», sagt die Baselbieterin. «Viele denken zwar, du seist ein Psycho, wenn du am 24. Dezember am Morgen trainierst, aber mir hilft es, auf andere Gedanken zu kommen.»

Ganz so unbeschwert waren diese über den Jahreswechsel nicht. Denn das Idealszenario hatte vorgesehen, die für die A-Limite geforderten zwei Platzierungen in den Top 8 im Weltcup in den ersten fünf Rennen zu erfüllen, um im Hinblick auf den Wettkampf in Pyeongchang, der am 20. und 21. Februar über die Bühne geht, auch genügend Zeit zur Regeneration zu haben. Doch es kam anders. Einmal machte das Wetter Hafner einen Strich durch die Rechnung, ein anderes Mal unterlief ihr ein Fahrfehler, ein anderes Mal fehlten ihr 0,1 Sekunden auf den angestrebten achten Rang. Die Zeit wurde immer knapper, der Druck immer grösser.

Sabina Hafner und Eveline Rebsamen rasen den St. Moritzer Eiskanal hinunter.

Sabina Hafner und Eveline Rebsamen rasen den St. Moritzer Eiskanal hinunter.

Schwung holte sich Hafner mit dem siebten Schweizer-Meister-Titel in St. Moritz am letzten Dezember-Wochenende. «Ein Pflichterfolg», sagt die 33-Jährige, «alles andere wäre peinlich gewesen.» Neues Jahr, neues Glück – so lautete die Losung im Weltcup. Eine Rechnung, die voll aufging. In Altenberg fuhr Hafner auf den siebten Rang und erfüllt damit die BLimite, die Hälfte der A-Limite und liegt in der Wertung für einen der drei internationalen Startplätze auf dem zweiten Rang hinter Grossbritannien, aber vor Rumänien und Jamaika. «Erwartet habe ich das Resultat nicht. Aber ich wusste, dass wir jetzt liefern müssen», sagt Hafner.

Bis an die Grenzen

Um sich den Traum von den dritten Olympischen Spielen zu erfüllen, geht sie auch in der Materialwahl zuweilen bis an die Grenzen des Machbaren und setzte in Altenberg auf sehr breite Kufen. Die Formel: Je breiter die Kufen, desto schneller und schwieriger zu fahren ist der Schlitten. «Früher wäre niemand auf die Idee gekommen, solche Kufen zu montieren. Alle hätten gesagt, du spinnst.» Auf anspruchsvollen Bahnen wie in Altenberg brauche es Erfahrung und Mut, den Bob laufen zu lassen. «Es ist manchmal fast schon peinlich, wie das dann aussieht. So, als könnten wir nicht fahren», sagt die Baselbieterin.

Streng reglementiert ist die Kufenbreite bisher nicht, das dürfte sich im Hinblick auf den kommenden Winter ändern, glaubt Hafner. Denn die Folgen sind zum Teil fatal und gehen über schlingernde Fahrten bei bis zu 150 Kilometern in der Stunde hinaus. «Es gab in diesem Winter viele Stürze, auch in Altenberg gab es zwei. Das ist nicht normal», sagt Hafner. Aber solange der Bobweltverband IBSF dem Wettrüsten kein Ende setzt, spielt auch sie das Spiel mit. Sie hat keine andere Wahl. «Ich muss dieses Risiko eingehen. No Risk, no Fun.» Doch Hafner geniesst sie auch, die Mutprobe im Eiskanal, den Rausch der Geschwindigkeit.

Letzte Gelegenheit für A-Limite

Am Wochenende hat sie in St. Moritz die letzte Möglichkeit, die A-Limite zu erfüllen. Doch trotz Heimvorteil rechnet sie nicht damit. Grund dafür ist die hervorragend präparierte Bahn, die auch Amateuren für Taxifahrten zur Verfügung steht. Die Konsequenz: Es kommen alle gut runter, auch die Ausländer. Dadurch gewinnt der Start an Wichtigkeit, doch das ist noch immer der Schwachpunkt Hafners. Ihr Ziel ist eine Rangierung in den Top 12. «Ich hoffe, dass wir nachher über diese Zielsetzung lachen können. Aber ich denke eher nicht, dass es einen Exploit gibt.» Das würde bedeuten, dass Hafner die A-Limite nicht erfüllt.

«Ich hoffe, dass wir nachher über diese Zielsetzung lachen können. Aber ich denke eher nicht, dass es einen Exploit gibt.»

«Ich hoffe, dass wir nachher über diese Zielsetzung lachen können. Aber ich denke eher nicht, dass es einen Exploit gibt.»

Trotzdem dürfte sie für die Olympischen Spiele nominiert werden. Die Entscheidung fällt am 14. Februar. «Erst dann juble ich. Bis dahin muss ich zeigen, dass wir keine Touristen sind und bei den Olympischen Spielen ein Diplom holen können.» Für sie geht es auch um eine persönliche Versöhnung, obwohl sie in Turin Rang 10 und in Vancouver Rang 12 erreicht hat. «Olympische Spiele sind nur dann toll, wenn du deine Bestleistung abrufen kannst. Sonst sind sie sehr verletzend und schmerzhaft. Bisher konnte ich meine Bestleistung nicht abrufen. Ich glaube schon, dass es etwas ist, das ich noch ins Reine bringen muss», gibt Hafner zu.

Olympische Spiele seien für sie bisher nicht der Abschluss eines Karriere-Zyklus gewesen, sondern vielmehr Motivation, noch einmal weiterzumachen. Deswegen hat sie sich nach ihrem Rücktritt 2011 im Sommer 2016 für eine Rückkehr in den Eiskanal entschieden. Seither ist das Leben der Ingenieurin auch von Verzicht geprägt. Um Geld zu sparen, wohnt sie wieder in ihrem Elternhaus in Liestal. Eine eigene Wohnung würde das knappe Budget zu sehr belasten. Doch für Hafner sind das keine echten Opfer. Auch nicht, dass sie am Morgen des Heiligabend noch trainierte. Zu gross ist die Lust auf eine olympische Versöhnung.

Beim Kistenschleppen gibt es keinen Chef

Die Aufgaben von Sven Sarbach in Pyeongchang sind abwechslungsreich.

Sven Sarbach, Leiter Grossprojekte bei der SRG, reist am 27. Januar nach Südkorea. Zuvor gilt es, letzte personelle Änderungen bei der 160-köpfigen Delegation der SRG am Olympiaort vorzunehmen. Keine Aufgabe, die sich einfach so per Knopfdruck erledigen lässt, sind doch Akkreditierungsprozess sowie Unterkunftszuteilung im Grunde abgeschlossen. Auch Sprachschranken und Mentalitätsunterschiede machen diese gewünschten Anpassungen zur Herausforderung.

Auch vor Ort sehen sich Sarbach und sein vierköpfiges Kernteam mit unterschiedlichsten Aufgaben konfrontiert. Als Erstes besucht er mit den Technikern alle Wettkampfstätten und kontrolliert die 27 TV- und 16 Radio-Kommentatoren-Positionen, die 19 Plätze der SRG in den Mixed-Zonen, wo sich Athleten und Medien treffen, sowie das Studio im House of Switzerland. Ein schwergewichtiger Job im wörtlichen Sinne ist das Auspacken der insgesamt 45 Tonnen Material. «Beim Kistenschleppen beteiligen sich bei uns traditionellerweise alle», sagt Sarbach. Bereits Anfang Februar treffen die ersten SRG-Journalisten in Pyeongchang ein und stimmen das Publikum mit Geschichten aus Südkorea auf Olympia ein.

Sven Sarbach

Sven Sarbach

Am 5. Februar trifft sich der 44-Jährige in der Schweizer Botschaft in Seoul mit Vertretern von Swiss Olympic und Präsenz Schweiz, um die allfällige Krisen-Kommunikation abzustimmen. An den Wettkampftagen koordiniert Sarbach alle SRG-Medienanfragen für Athletengespräche und den zeitlichen Ablauf der Medaillenfeiern mit Swiss Olympic. Hoffen wir, Letzteres gibt viel zu tun.

Ein Abstecher nach Hawaii

Für Skiakrobat Dimitri Isler geht es jetzt Schlag auf Schlag.

Zwar hat Skiakrobat Dimitri Isler mit seinem neunten Rang beim Weltcup in China die B-Quali geschafft, womit ihm die Olympia-Teilnahme in Pyeongchang kaum mehr zu nehmen ist, doch noch immer bereitet ihm die Landung Kopfzerbrechen. Beim letzten Wettkampf in Moskau landete der 24-Jährige auf Rang 24. «Es lief nicht nach Wunsch. Die Qualifikation misslang komplett. Die Landung ist noch immer meine Schwachstelle», sagt der Aargauer.

Dimitri Isler

Dimitri Isler

Immerhin habe er seine beiden Standardsprünge im Wettkampf gezeigt, den Full-Double-Full-Full und den Double-Full-Full-Full (jeweils drei Salti mit vier Schrauben). Beherrscht er die Sprünge, gehört er bei den Olympischen Spielen in Südkorea zu den Medaillenkandidaten. Isler weiss das, doch der enge Terminkalender lässt Gedanken daran kaum zu. Die Reise aus dem Trainingslager in Finnland nach China war eine wahre Odyssee. «Unglaublich lang und anstrengend», sagt er. «Aber müde zu sein, wäre jetzt keine gute Idee.» Noch vor dem Weltcup-Springen in Moskau trainierten die Skiakrobaten zwei Tage in Airolo.

Nach der Enttäuschung in der russischen Hauptstadt folgte der nächste Höllentrip: 35 Stunden nach Salt Lake City, in die US-amerikanische Olympia-Stadt von 2002. Danach folgen Wettkämpfe in Deer Valley und zweimal in Lake Placid. Es ist die letzte Gelegenheit, Vertrauen in die Landung zu finden. Gelingt das, kann Isler mit einem guten Gefühl den Skianzug gegen die Badehose umtauschen. «Dann geht es zum Energietanken nach Hawaii.»

Mit einem Bein steht sie bereits in Südkorea

Die Planungen für die Ankunft der Sportler werden immer konkreter.

Susanne Böhlen, Logistikverantwortliche bei Swiss Olympic für die Olympischen Spiele, ist gedanklich längst in Südkorea angekommen. Die Planungsschwerpunkte drehen sich um die Anreise der Athleten, die Ankunft der Sportler in den Unterkünften, das Verschieben des ganzen Gepäcks, die ersten Tage vor Ort. Dabei wird Flexibilität verlangt, da noch immer erst ein kleiner Teil der Sportler selektioniert ist.

Susanne Böhlen

Susanne Böhlen

Kommt hinzu, dass die Schweizer Delegation an unterschiedlichen Tagen an- und abreist. «Die Langläufer zum Beispiel kommen in vier zeitlich versetzten Gruppen in Südkorea an, je nach geplanten Einsätzen», erklärt Böhlen. Es sei während der dreiwöchigen Wettkampfzeit ein ständiges Kommen und Gehen. Sie selber reist schon am 27. Januar mit der ersten Gruppe von Swiss Olympic an den Olympiaort. Dort mit dabei sind auch zwei Serviceleute des Langlaufteams. Diese installieren frühzeitig die Ski-Schleifmaschine und das Testmaterial, damit Dario Cologna und Co. bei den Wettkämpfen die bestmöglichen Ski unter den Füssen haben werden.

Während den Spielen versuchen Susanne Böhlen und die weiteren Mitarbeiter von Swiss Olympic und den Verbänden – sowie 14 freiwillige Helfer, die der Schweiz vom lokalen OK zugeteilt werden – möglichst viele Anliegen des Schweizer Teams zu erfüllen Dieses «Büro» ist etwa mit einer Hotelrezeption zu vergleichen und schliesst abends – je nach Einsätzen der Teams – oft erst um 23 Uhr.