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Vor dem Playoffstart spricht der abtretende RTV-Coach Darjo Bagaric über seine Highlights, schwierige Spieler und die Zukunftspläne.

Interview: Sven Gautschi
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Frisch geduscht erscheint RTV-Trainer Darijo Bagaric direkt nach dem Training in der Eingangshalle vom Rankhof und entschuldigt sich für die Verspätung. Das RTV-Urgestein ist viel beschäftigt: Neben der Familie ist der Schweiz-Kroate auch in seinem Pharmajob gefordert und vergisst während des Gesprächs beinahe die Verabredung mit seinen Eltern. Bei einem Bierchen lassen wir seine Trainerzeit bei den Realturnern Revue passieren und diskutieren schliesslich dreieinhalb Stunden über den RTV.

Herr Bagaric, Sie haben den RTV im Frühling 2020 in einer Krisensituation übernommen. Wie war die Startphase für Sie als relativ unerfahrener Trainer?

Ich hatte keine Bedenken, der RTV ist meine Herzensangelegenheit. Meine Frau Saša kam während meiner Aktivzeit als Handballer als professionelle Volleyballerin von Spanien nach Basel. Durch den Sport haben wir uns eigentlich kennengelernt. Ich verbinde alleine dadurch sehr viel Positives mit dem RTV Basel, nebst den etwa 15 Saisons. Sportlich haben wir bis zu Beginn von Corona wirklich einige gute Spiele geliefert, danach kam leider der Lockdown. Und anschliessend konnte zum Glück auch trotz des Vorstandswechsels Trainer bleiben.

War Ihnen schon bei der Vertragsunterzeichnung klar, dass Sie nicht ewig Trainer bleiben?

Ich habe von Anfang an klipp und klar kommuniziert, dass ich vom Handball nicht leben kann. Das ist unmöglich als Alleinverdiener einer vierköpfigen Familie. Gerade bei einem Handballverein wie dem RTV Basel verdienst du schlicht zu wenig, um davon leben zu können.

Sie haben auch Spieler wie Igor Stamenov gecoacht, mit welchen Sie früher selber zusammen spielten? Wie gut funktionierte das?

Bei Igor war das nicht schwierig. Wir sind sehr gute Freunde und er ist auch gegenüber dem Verein sehr loyal, obwohl er neben dem Handball noch ein eigenes Unternehmen führt und sogar sein eigenes Geld in den RTV gesteckt hat. Er kann immer noch 30 Minuten auf hohem Niveau spielen und will wirklich jedes Spiel gewinnen. Das wünsche ich mir von allen Spielern.

Gab es auch Spieler mit welchen Sie Mühe hatten?

In anderen Vereinen wären gewisse Spieler längst aus dem Kader geflogen, aber wir haben ja Geduld. Andererseits kannst du auch von einem Vollprofi, der sieben bis neun Mal trainiert hat pro Woche, nicht verlangen, dass er bei deutlich tieferem Trainingspensum die gleiche Leistung abruft. Ich möchte mich nicht zu einzelnen Spielern äussern, aber da waren schon auch Fehleinkäufe dabei, auch weil uns die Ressourcen im Scouting fehlen.

Speziell im Angriff hing man ja diese Saison sehr stark von Topscorer Aleksander Spende ab. Wo hätten Sie den RTV gerne noch verstärkt gehabt?

Aleks hatte enorm freie Hand und konnte sehr oft scoren, auch die Penaltys. Er spielt aber in letzter Zeit auch vermehrt fürs Team als Mittelmann und hilft mit in der Abwehr. Gut, im Aufbau hat Dennis Krause auch sehr gute Spiele gemacht und auch Luca Engler hat einige hervorragende Partien geliefert. Wenn das Geld da wäre, hätte ich bereits vor einem Jahr vor allem in einen starken Mittelmann und einen Kreis investiert. Nächste Saison wird man vermutlich zwei Linkshänder brauchen, da Luca aufhört und Severin Ramseier nicht mehr da ist. Auch einen linken jungen Flügel hätte ich noch geholt, damit dieser die Alteingesessenen fordert.

Was war Ihr persönliches Highlight als RTV-Trainer?

Für mich sind alle Spiele, wo wir auf hohem Niveau gespielt haben, Highlights. Gerade der Auswärtssieg gegen den BSV Muri war granatenstark, auch das eine Spiel gegen den TSV St. Otmar ist mir in sehr guter Erinnerung geblieben. Aber auch bei der Heimniederlage gegen Bern gefiel mir die Leistung meines Teams sehr gut.

Viele Spiele waren ja auch denkbar knapp.

Stimmt, zum Beispiel das zweite Spiel gegen GC Amicitia, wo wir das ganze Spiel durch dominiert haben. Zu Bedenken gilt, dass wir dort auch vier verletzte Spieler hatten, plus noch zwei angeschlagene dazu. Das wir in solchen Situationen trotzdem als geschlossenes Team aufgetreten sind, war für mich sehr wichtig.

Wo lagen die Probleme des RTV während Ihrer Amtszeit?

Wir hatten nach der Saison 2019/2020 sehr viele Abgänge. Dementsprechend war auch der Start in die neue Saison im Herbst happig. Wenn du mit der Planung erst im Mai beginnst, bist du schlicht zu spät dran. Die Mannschaft war sehr dünn besetzt, das Kader bestand gerade einmal aus zwölf bis dreizehn Spielern. Das Team musste schrittweise mit zwei Weissrussen, den Junioren und einigen Spielern mit einer Doppellizenz ergänzt werden. Dennoch war die Qualität der Spieler unter dem Durchschnitt der Liga.

Darum hat sich der Verein Mitte der Saison verstärkt.

Genau, im späten Herbst stiess Severin Ramseier vom HSC Kriens-Luzern als Verstärkung auf dem rechten Flügel zu uns. Der Routinier brachte wirklich frischen Wind ins Team. Severin brachte uns durch seine Erfahrung und sein Engagement eine andere Sicht auf den Handball, was mich persönlich sehr bestätigte. Da waren gewisse Marotten, die sich im Verlauf der Jahre beim RTV eingeschlichen hatten, die ich probierte, mit ihm zusammen auszubügeln.

Wo liegen Ihres Erachtens weitere Herausforderungen für die Realturner?

Betreffend Finanzen und Infrastruktur ist der RTV sicher nicht sehr stark aufgestellt. Du kannst nicht von optimalen Bedingungen reden, wenn du nicht mindestens vier Stunden pro Tag in einer Halle trainieren kannst. Von den vier Trainingseinheiten teile ich die Halle sogar zwei Mal noch mit dem Volleyball-Team Traktor Basel. Diese Saison war allerdings auch eine Übergangsphase, in der nächsten sollten wir mindestens sechs Hallentrainings hinbekommen. Ausserdem müssen wir für die Hallen zahlen, was in der NLA nicht üblich ist. In Zukunft wird das Fernsehen zusätzlich verlangen, dass nur noch auf reinen blauen Handballböden gespielt wird. Dabei bekommen wir glaube ich nicht einmal TV-Gelder.

In der Jugendförderung gibt es sicher auch noch Verbesserungspotenzial?

Dort ist der neue Vorstand daran, die Zusammenarbeit mit der HSG Nordwest zu intensivieren. Das hätten wir schon vor 20 Jahren mit Vereinen aus der Region wie dem TV Birsfelden zusammen machen können. Auch der Schritt von der U19 direkt zum RTV ist wahrscheinlich zu gross für die Jungen, da wäre ein Verein wie der TVB als Zwischenschritt durchaus sinnvoll. Wir müssen schauen, dass diese Spieler in der Region bleiben und nicht zu anderen Topklubs abspringen. Im Vergleich zu früher werden Talente deutlich früher geschnappt, weil auch die Herzensverbundenheit an den Stammverein nicht mehr so ausgeprägt ist.

Die Konkurrenz schläft nicht.

Alleine unser direkter Konkurrent GC Amicitia hat etwa vier bis fünf Topspieler verpflichtet. Das fehlende Geld siehst du auch bei den Spielern: Die meisten sind Schüler, Studenten oder arbeiten nebenbei, teilweise sogar Vollzeit. Da verlierst du sehr viel Energie. Ich habe deswegen immer versucht, die Spiele auf den Sonntag zu legen, damit die Spieler besser erholt sind.

Dass man beim RTV aber auch gute Ausbildungsplätze findet, könnte ja auch als Vorteil für den Verein sein.

Persönlich unterstütze ich die beruflichen Ambitionen meiner Spieler. Dennis Krause beispielsweise macht mit seinen 33 Jahren eine Weiterbildung nach der anderen und beginnt nun zu arbeiten. Ich finde das super. Wir müssen vermehrt darauf setzen, dass wir junge talentierte Studenten oder Auszubildende mit guten Ausbildungsplätzen zu uns locken. Das könnte den Spielermarkt von Osteuropa bis auch nach Skandinavien oder andere Regionen der Schweiz erweitern. Früher war das auch so, dass die Juniorentrainer von RTV zugleich auch Lehrer waren und das Auge hatten für mögliche Talente. Wir müssen wieder vermehrt an die Schulen gehen, um den Kindern den Handball zu präsentieren.

Was waren die grössten Herausforderungen als Coach in der Pandemie?

Corona war bei unserer damaligen Tabellensituation auch irgendwie eine Glückssache. In der Saison 2019/2020 kam uns Corona sicher nicht ungelegen. Wer weiss, was ohne den Ligaunterbruch passiert wäre. Grundsätzlich muss ich den Verein und die Mannschaft in dieser Situation loben. Wir haben nur eine einzige Quarantäne gemacht, was jedoch mehr ein Fehler unseres damaligen Gegners war. Nichtsdestotrotz war nur ein einziger Spieler bisher positiv, was sicher auch daran liegt, dass wir rigoros ein bis zwei Mal pro Woche testen.

Das Ziel der Playoffs habt ihr nun erreicht. Wie sehen Sie die Chancen gegen das Topteam Pfadi Winterthur.

Wir hatten sicher auch etwas Glück, dass wir die Playoffs erreicht haben. Gerade in der letzten Phase dieser Saison haben wir nicht gut gespielt. Da waren auch einige Spieler, die nach auskurierter Verletzung wieder ihre Form finden mussten. Gegen Pfadi Winterthur geht es nun darum, dass wir das Maximum aus uns rausholen. Aktuell sind wir ohne Verletzte und ich fordere die Härte im Training wie auch den Konkurrenzkampf im Team und die Cleverness. 60 Minuten gegen das Spitzenteam Pfadi gut auszusehen, wird auch mein Coaching-Master.

Sie verlassen die Realturner für einen neuen Job in der Pharmabranche. Bleiben Sie dem Handball noch erhalten oder haben Sie neue Ziele?

Ich ziehe mich ein wenig zurück, bleibe aber dem Verein wie schon seit 1991 irgendwie erhalten. Die aktuelle Challenge ist aber bestimmt meine Position als QA-Manager bei der Lonza. In der momentanen Situation mit einem Gesamtarbeitspensum von 12 bis 14 Stunden pro Tag spüre ich die Müdigkeit. Aber die Playoff-Spiele pushen mich weiter, auch in Zukunft Beruf und Handball erfolgreich unter einen Hut zu bringen.

Werden Sie künftig die Spiele des RTV kommentieren oder vielleicht als Juniorentrainer tätig sein?

Ich brauche erstmal ein wenig Abstand und geniesse die Zeit mit der Familie. Aber meine fehlende A-Lizenz reizt mich durchaus. Es reicht heutzutage nicht mehr, nur Trainer aus Leidenschaft zu sein. Du brauchst das Diplom sowohl qualitativ als auch persönlich, gerade wenn du länger eine Pause vom Handball gemacht hast. Auch eine mögliche Ausbildung im Sportmanagement würde mich interessieren.

Sie übergeben jetzt das Zepter an Ike Cotrina, der zuvor das Frauenteam Spono Eagles trainierte. Welchen Rat geben Sie ihm mit?

Ich hab schon mit RTV-Vorstandsmitglied Tom Ryhiner gescherzt: Nach Darijo kann bestimmt nur ein Spanier kommen. Ob Ike nun auch das Basler Herz besitzt, wird sich noch zeigen müssen. Man muss ihm auf jeden Fall Zeit geben, aber ich wünsche ihm auf jeden Fall nur das Beste. Natürlich helfe ich ihm auch, sich bei uns zurecht zu finden. Dafür haben wir auch im Juni bereits verabredet. Zudem ist es mir sehr wichtig, dass wir die geglückte Playoff-Qualifikation in der kommenden Saison bestätigen können. Wenn mich die Mannschaft braucht, bin ich immer da.

Playoff-Viertelfinal

Pfadi Winterthur - RTV Basel Spiel 1: Heute 19.30 Uhr, Spiel 2: Mi 12.5; 18.15 Uhr in Basel. Spiel 3: Sa 15.5. 20 Uhr.